Seija Knorr-Köning: Wie eine Münchner Pflegerin für die SPD in den Bundestag kommen will

Seija Knorr-Köning steht für eine neue SPD: Sie ist jung, Krankenschwester, Mutter und will in den Bundestag. Trotzdem muss sie sich für ihre Partei entschuldigen.
| Christina Hertel
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Seija Knorr-Köning am Rotkreuzplatz.
Seija Knorr-Köning am Rotkreuzplatz. © Daniel von Loeper

München - Der Mann, der am Vormittag auf einer Bank am Rotkreuzplatz sitzt, dem ein paar Zähne fehlen, ist SPD-Mitglied. Trotzdem lehnt er den Flyer ab, den Seija Knorr-Köning ihm in die Hand drücken will. 

Sie kandidiert für die SPD im Münchner Westen und sie ist gerade von Aubing bis Neuhausen auf Dutzenden Plakaten zu sehen: die freundliche Frau mit Stethoskop um den Hals.

"Ich habe oft das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen" 

Doch nach 1999, nach Gerhard Schröder, nach den Hartz-IV-Gesetzen habe er nie mehr Wahlkampf für die SPD gemacht und er würde es auch nie wieder tun, erzählt der Mann. Und dann sagt er: "Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten."

Dem Mann antwortet Knorr-Köning, dass sie sich darüber irgendwann einmal ausführlicher unterhalten sollten. Zur AZ sagt sie: "Ich habe oft das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen." Einerseits. Andererseits: Als Gerhard Schröder die Wahl gewann, war sie vier Jahre alt. "Für was sollte ich mich entschuldigen?", fragt Knorr-Köning. "Als ich mit 18 in die SPD eintrat, habe ich mir geschworen, dass wir Hartz-IV beenden. Und das werden wir auch."

Seija Knorr-Köning möchte für eine neue, junge SPD stehen: Sie ist 27 Jahre alt, arbeitet als Krankenschwester, hat einen neun Monate alten Sohn. Er ist nach Paul Levi, dem Anwalt der Marxistin Rosa Luxemburg benannt. Levi haderte und stritt mit der SPD - kehrte aber letztlich zu ihr zurück.

Knorr-Köning: Eine Münchner SPD-Familie

Auch Knorr-Könings Mann ist SPDler. Er arbeitet als ehrenamtlicher Stadtrat. Ansonsten ist er Hausmann. Er habe die Frage, wie er eigentlich Kind und Politik vereinbare, noch nie beantworten müssen, sagt Knorr-Köning.

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Während des Gesprächs schiebt sie ihren Sohn in einem Kinderwagen durch Neuhausen, stillt ihn auf einer Bank in einem Hinterhof, trägt ihn auf ihren Schultern umher und füttert ihn mit Breze. Mutter und Sohn tragen die gleiche schwarze Sportjacke.

Hintergrundgespräche mit Zigarre und Whiskey bis in die Nacht hinein werde es mit ihr nicht geben, sagt Knorr-Köning. Sie fordere Kinderbetreuung auf allen Parteitagen. Bei den Grünen gibt es das schon längst.

Wie ist so eine Frau bei der SPD gelandet? Diese Frage beantwortet Knorr-Köning mit ihrer Biografie: Ihr Vater ist Schlosser, ihre Mutter Hausfrau. Beide hatten genug Geld, dass sie ihren vier Kindern Musikunterricht bezahlen konnten. Doch für die Proben-Freizeit reichte es nicht, sagt Knorr-Köning.

Knorr-Köning fordert Grundsicherung für Kinder

Dafür habe ihre Familie jedes Jahr Geld aus einem Fördertopf bekommen, in den all die "reichen" Eltern einzahlten. Knorr-Köning betont reich so, als sei es etwas sehr Fernes, an dem ein kleiner Makel klebt. "Das war natürlich gut, so konnte ich mit. Trotzdem hat es sich irgendwie scheiße angefühlt."

Heute fordert Seija Knorr-Köning eine Grundsicherung für alle Kinder. Der Staat solle ihrer Vorstellung nach das Geld unabhängig davon zahlen, wie viel die Eltern verdienen, und zwar so lange, bis die Kinder ihre erste Ausbildung abgeschlossen haben. Außerdem will Knorr-Köning eine einheitliche Krankenversicherung, in die alle einzahlen.

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Denn, welche Behandlung ein Mensch erhält, sollte nichts mit Geld zu tun haben, findet Knorr-Köning. Sie habe erlebt, dass Krankenhäuser in ihren Akten vermerkten, ob sich ein Patient im wirtschaftlichen Sinne noch im "Soll" befinde - als sei ein Mensch ein Anlageobjekt. Und außerdem will Knorr-Köning, dass sich die Arbeitsbedingungen für Pfleger verbessern.

Debattieren will Knorr-Köning darüber bei einer Online-Veranstaltung am Freitag ab 19 Uhr. Jeden Monat soll es so eine Veranstaltung geben. Sie will dafür Hunderte Plakate kleben, Tausende Flyer verteilen. Denn, wenn sie es in den Bundestag schafft, dann wohl nur über ihr Direktmandat und nur weil die Wähler unbedingt sie als Abgeordnete wollen. Auf der Liste steht sie auf Platz 32. Nach derzeitigen Prognosen für die SPD eine aussichtslose Position.

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