Wiesn-Zoff ums Bier: Giesinger Bräu erntet Kritik nach Bürgerentscheid-Ansage
Starke Wettereinbrüche und Großveranstaltungen vertragen sich nicht gut. Bei Giesinger ist das anders. Die Brauerei hat treue Anhänger. Durch den Schnee stapfen sie zum Starkbierfest am vergangenen Donnerstagabend: in durch dicke Jacken verdeckte Dirndln und mit Lederhosn samt – freilich der Jahreszeit geschuldeten – blassen Wadln.
Das Ziel: das im vergangenen Jahr von Giesinger Bräu errichtete Festzelt; und freilich eine Maß "Innovator"-Starkbier. Lange bleibt das Starkbier jedoch nicht im Mittelpunkt. Giesinger wäre schließlich nicht Giesinger, wenn man den Festanstich nicht medienwirksam nutzen würde.
Die große Nachricht des Abends: Brauereichef Steffen Marxwill einen Bürgerentscheid, um auf die Wiesn zu dürfen. Das verkündet Marx auf der Bühne, nachdem zuvor OB-Kandidat Clemens Baumgärtner (CSU) das Starkbier-Fassl angezapft hat. Marx will den Münchnerinnen und Münchnern folgende Frage stellen: "Bist Du dafür, dass die Landeshauptstadt München ab 2027 auch den Ausschank von Bier der Brauerei Giesinger Bräu auf dem Münchner Oktoberfest erlaubt?"
Der große Knall: Bürgerentscheid für die Wiesn
Seit jeher dürfen in den Kreis der Wiesn-Brauereien nur sechs: Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten. Marx missfällt das bereits seit den kleinen Anfängen der Brauerei im Jahr 2006 – und jetzt, 20 Jahre später, erst recht.
Da er damit angeblich bei der Stadt auf taube Ohren stößt, soll nun zunächst ein Bürgerbegehren für die nötige Aufmerksamkeit sorgen. Schließlich gebe es ansonsten "keinen geregelten Prozess dafür, auf die Wiesn zu kommen", wie er im AZ-Gespräch erklärt.
Die Wahrheit ist aber auch, dass Giesinger den offiziellen Weg bislang kaum beschritten hat. Auch Wiesn-Chef Christian Scharpf (SPD) verweist am Tag nach der Ankündigung auf die Bedingungen, die erfüllt werden müssen, um Wiesn-Beschicker zu werden. Grundsätzlich sei die in den Betriebsvorschriften genannte Liste der Brauereien nicht abschließend, sagt Scharpf. "Eine Brauerei, die zugelassen werden möchte, muss lediglich diese Bedingungen erfüllen, und dies ist auch für neue Brauereien möglich."
Gerade bei den zentralen Kriterien "leistungsfähig" und "bewährt" sieht der Wiesn-Chef jedoch – abgesehen vom Starkbierfest – bislang keine Bemühungen seitens der Giesinger Brauerei, entsprechende Erfahrungen zu sammeln.
Denn tatsächlich: Die Brauerei beliefert kaum große Wirtshäuser, geschweige denn Festzelte. "Im Übrigen wäre der übliche Weg, auf die Wiesn zu kommen, einfach einmal einen Antrag zu stellen", so Scharpf. Ein solcher sei von Giesinger bis heute nicht eingegangen. Es sei daher "befremdlich", den Weg eines Bürgerbegehrens anzustreben, ohne zuvor das gängige Verfahren versucht zu haben.
Bisher nur sechs Wiesn-Brauereien zugelassen
Schon in der Vergangenheit hatte die Stadtpolitik auf entsprechende Nachfragen stets auf den offiziellen Weg verwiesen. Auch Ex-Wiesnchef Clemens Baumgärtner betonte immer wieder, Giesinger solle den regulären Weg einer Bewerbung beschreiten.

Kurz nach der Verkündung unterschreibt der CSU-Kandidat dennoch noch auf der Bühne das Bürgerbegehren – ob aus Überrumpelung oder Überzeugung, bleibt am Tag danach unklar. Auf Anfrage will sich Baumgärtner nicht weiter zu dem Thema äußern.
Marx zeigt sich derweil zuversichtlich, die im Bürgerbegehren notwendigen rund 35.000 Unterschriften zu erreichen. "Im Sommer zu unserer Geburtstagsparty werden wir verkünden, dass wir das Quorum erreicht haben", sagt der Giesinger-Chef optimistisch. Bereits am Abend selbst kommen beim einen oder anderen aber auch Zweifel auf, ob das Bürgerbegehren formell Bestand haben kann.
Erfahrungen mit dem Bürgerbegehren "Hochhaus-Stop", das kürzlich gerichtlich als unzulässig erklärt wurde, zeigen, wie hoch die Hürden sind. Andreas Feuersinger und Maximilian Schmid von der Münchner Kanzlei Schönefelder Ziegler vertreten Giesinger in der Sache. "Die formellen Hürden sind in der Tat vergleichsweise hoch", sagt Andreas Feuersinger der AZ.
Juristische Hürden für das Bürgerbegehren
Dass die Fragestellung zu wenig offen formuliert sei, wie es bei Bürgerbegehren sonst nötig ist, glaubt Feuersinger jedoch nicht. In der durch das Bürgerbegehren angestrebten Änderung der Betriebsvorschriften für die Wiesn werden die sechs bisherigen Brauereien namentlich genannt. Giesinger soll ihnen an siebter Stelle folgen – daher auch die konkrete Frage nach Giesinger auf dem Oktoberfest, erklärt Schmid.

Sollte auch der anschließende Bürgerentscheid von Erfolg gekrönt sein – hier müssten rund 100.000 Wahlberechtigte ihre Zustimmung geben – will Marx zunächst kein Wiesn-Wirt werden. Er wolle lediglich ein kleines oder mittleres Festzelt beliefern. "Vielleicht ist der ein oder andere Wirt dabei, der Geschichte schreiben will und das Giesinger Bräu auf die Wiesn bringt." Mit mehreren Wiesn-Wirten habe Marx darüber bereits gesprochen. "Es gibt auch schon drei, vier Interessenten auf der Wiesn." Wen genau, will er nicht verraten.
Am Starkbierabend trifft die AZ die Wiesn-Wirte Stefan Egger und Kathrin Wickenhäuser-Egger (Münchner Stubn), die sich heuer um die Schützenlisl auf der Wiesn bemühen und mit einer möglichen Klage gegen das Bewerbungsverfahren zuletzt für Aufsehen gesorgt hatten (AZ berichtete). Sie seien "wegen Steffen" da, sagt Wickenhäuser-Egger.
Wiesn-Wirte reagieren zurückhaltend
Dessen Vorstoß findet sie gut. Sie unterstütze alles, was Bewegung auf die Wiesn bringe. "Man verstehe sich gut", sagt wiederum Marx knapp, auf eine mögliche Kooperation mit dem Wirtepaar angesprochen.
Die Wiesn-Wirte reagieren auf den Vorstoß des Giesinger-Chefs zurückhaltend. Christian Schottenhamel, Sprecher der Wiesn-Wirte, will sich auf Anfrage nicht äußern. Otto Lindinger (Bodos Cafézelt), Sprecher der kleinen Wiesn-Wirte, schon: "Wir halten die Vorgaben der Stadt für richtig." Ein Bürgerentscheid sei in erster Linie öffentlichkeitswirksam. "Das ist nun mal dem Herrn Marx sein Vorgehen", so Lindinger.
Frühestens 2029 Bier von Giesinger auf der Wiesn
Ob der Bürgerentscheid nur Schlagzeilen produziert oder tatsächlich Bewegung in die Sache bringt, wird sich zeigen. Selbst dann würde Giesinger wohl kaum vor 2029 auf der Wiesn ausgeschenkt werden – das räumt auch Marx selbst realistisch ein. Am Donnerstagabend feierte man erst mal weiter: sich selbst, das Bier und den Traum, eines Tages auch auf der Wiesn zusammenzukommen.

