Lebkuchenfabrik in der Krise: Ein Bäcker mit Herzerl-Schmerz

Ohne Überbrückungshilfe gibt es bald keine Herzerl mehr aus Aschheim.
| Carmen Merckenschlager
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Die Plätze im Büro bleiben leer, Lebkuchenbäcker Bernd Dostler ist verzweifelt. "Ich weiß nicht mehr weiter", sagt er.
Die Plätze im Büro bleiben leer, Lebkuchenbäcker Bernd Dostler ist verzweifelt. "Ich weiß nicht mehr weiter", sagt er. © Foto: Sigi Müller

München/Aschheim - Bernd Dostler weiß nicht mehr weiter. Er führt die Lebenkuchenbäckerei Zuckersucht in Aschheim. Die ganze Wiesn voller Lebkuchenherzen, was gibt's da zu meckern, könnte man denken. Dostler aber sagt: "Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll."

Vier Millionen totes Kapital 

Die Probleme haben viel früher begonnen. Mit Corona kamen der Lockdown und die Kurzarbeit; die Wiesn fiel zweimal aus. Vier Millionen totes Kapital in Lebkuchenform liegen da bei Dostler im Lager.

Seit sieben Monaten wartet Dostler nun auf seiner Corona-Überbrückungshilfen. Vergeblich, wie er sagt. "Alle haben gemeint, ich soll mich einfach gedulden", erinnert er sich. Bald beginnt Dostler, sein Privatvermögen in die Lebkuchenbäckerei zu stecken, weil er immer noch wartet. Das sei jetzt aufgebraucht. Dostler: "Wenn die aktuelle Rohstofflieferung verbraucht ist, können wir nichts mehr machen."

Die Nachfrage an Herzen wäre da, laut eigner Aussage beliefert Dostler 30 bis 40 Prozent der Stände auf der Wiesn. Wie er den Bestellungen nachkommen soll, weiß er nicht. Er hat kein Geld, um neuen Zucker oder Mehl zu kaufen. "Die Preise sind enorm gestiegen", erklärt der Bäcker.

Aber nicht nur das fehlende Geld und die teuren Rohstoffpreise sind es, die Dostler zur Verzweiflung bringen. "Wir waren mal 150 Leute, jetzt sind wir noch etwa 80", erklärt der Chef. Im Lockdown und der Kurzarbeit seien viele abgewandert in den Einzelhandel. "Wir sind ein Saisonbetrieb. Zur Hochphase vor der Wiesn ist es viel Arbeit. Unsere teils langjährigen Mitarbeiter kommen nicht mehr wieder", sagt er.

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Kein Geld, kein Personal: "Die Lage ist katastrophal"

Neues Personal zu finden, ist schwierig - nicht nur in der Lebkuchenbranche. Der Unterschied: Das Schreiben mit dem Spritzbeutel erfordert viel Übung und lässt sich nicht von heute auf morgen lernen. "Viele Ukrainer und Flüchtlinge arbeiten mit. Das hilft. Aber einen langjährigen Schreiber kann man so schnell nicht ersetzen. Die Lage ist katastrophal", sagt Dostler und seufzt.

Auch im Büro sind fast alle Schreibtische unbesetzt. "Die Arbeit hier ist anstrengend. Ich kann das ja verstehen", erklärt er sich. Er ist am Ende mit seinem Lebkuchen-Latein. Er fühlt sich vom Staat vergessen. Auf die Wiesn traue er sich gar nicht zu gehen. "Die schlachten mich ja", sagt er in Bezug auf Lieferungen, die er vielleicht nicht einhalten kann. Manche Kunden beliefere er seit 20 Jahren. "Da kann ich nicht Nein sagen. Aber wie wir das machen sollen: Ich weiß es nicht", gibt Dostler zu.

Noch sind die Herzerl-Stände auf der Wiesn gut gefüllt. Nicht jeder Lieferant scheint die gleichen Probleme zu haben. Trotzdem könnten die Herzerl nächste Woche teils knapp werden. Was Dostler helfen würde? Dass so schnell wie möglich die Überbrückungshilfe ausgezahlt wird. Sonst sehe es finster aus.

Als sich die AZ verabschiedet mit den Worten "Bis zum nächsten Mal", sagt Dostler nur: "Schau mer mal, ob es uns dann noch gibt."

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