Hier kann die Stadt München Wohnungen bauen – und auf Straßen auch!

Benjamin David von den Urbanauten fordert Nachverdichtung an ungewöhnlichen Orten in München: zum Beispiel am Olympiastadion und auf der Ifflandstraße.
| Interview: Nina Job
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Das Grün am "Autobahnkleeblatt" soll der Erholung dienen.
Petra Schramek 2 Das Grün am "Autobahnkleeblatt" soll der Erholung dienen.
Wo die Ifflandstraße verläuft, sieht David Potenzial für ein neues Viertel.
Petra Schramek 2 Wo die Ifflandstraße verläuft, sieht David Potenzial für ein neues Viertel.

München - Seit fast 20 Jahren beschäftigen sich die Urbanauten in München damit, wie öffentlicher Raum besser genutzt werden kann. Ihrer Auffassung nach verschwendet die Stadt zu viele Flächen.

Gründer und Grünen-Mitglied Benjamin David fordert die Stadtverwaltung auf, Autospuren und Nebenflächen von Straßen für den Bau günstiger Wohnungen in Betracht zu ziehen. Auch auf Parkplätzen könnten Wohnungen gebaut werden. Luftschlösser müssen solche Ideen nicht sein.

Auch OB Dieter Reiter (SPD) hat schon so ein ungewöhnliches Projekt vorangetrieben: Vor drei Jahren weihte er ein Stelzenhaus ein, das auf dem Parkplatz am Dantebad von der städtischen Wohnungsgesellschaft Gewofag gebaut worden war. David und seine Mitstreiter haben in der Stadt etwa 400 Flächen mit potenziellem Bauerwartungsland entdeckt.

In der AZ stellt er zwei Ideen für Großprojekte vor...

Das Grün am "Autobahnkleeblatt" soll der Erholung dienen.
Das Grün am "Autobahnkleeblatt" soll der Erholung dienen. © Petra Schramek

David: "Hauptkostentreiber beim Wohnungsbau sind Grundstückskosten"

AZ: Herr David, wie ist Ihre Idee entstanden?
BENJAMIN DAVID: Ich habe 2014 und 2017 in der Evangelischen Akademie Tutzing eine Tagung organisiert, an der fast 200 Leute von Green City, dem Münchner Forum, der Wogeno, dem Bund Naturschutz und anderen Vertretern der Münchner Zivilgesellschaft sowie von der Stadtverwaltung, dem Stadtrat und den Bezirksausschüssen teilgenommen haben. Dort haben wir Vorschläge entwickelt, wo kostengünstiger Wohnraum und öffentliche Räume, Parks und Grünflächen entstehen könnten.

Warum wollen Sie Wohnhäuser ausgerechnet auf Straßen und Parkplätzen bauen?
Hier könnte die Stadt relativ günstig nachverdichten, da sie nicht erst teuren Baugrund erwerben müsste. Die Hauptkostentreiber beim Wohnungsbau sind ja die Grundstückskosten. Sie machen in München mindestens 60 Prozent aus. Die Autostraßen, deren Nebenflächen und Parkplätze gehören der Stadt schon. Die Kommune könnte hier entweder selbst bauen oder den Grund kostengünstig an städtische Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften oder ökologische, bürgerschaftliche Baugruppen abgeben.

Wenn breite Straßen verengt werden, befürchten Sie nicht, dass Autos die Stadt noch mehr verstopfen?
Wir gehören natürlich auch zu den Verfechtern einer Verkehrswende. Es gibt in München mehr als 6.100 Autostraßen. Wenn wir es schaffen würden, pro Jahr auf nur einem Prozent Wohnraum oder Grünflächen zu schaffen, wäre viel gewonnen. Bei unserer Tagung haben wir spontan Flächen für etwa 20.000 Wohneinheiten gefunden, ohne dass Autofahrer groß leiden müssten.

David: Parkharfe am Olympiapark "weitgehend sinnbefreit"

Geben Sie mal ein Beispiel!
Die zwei prägnantesten Beispiele sind für uns die Parkharfe am Olympiastadion und die Ifflandstraße zwischen Kennedybrücke und dem Lehel.

Warum die Parkharfe?
Dieser riesige Parkplatz ist in meinen Augen weitgehend sinnbefreit. Er wird zwar jetzt auch für Flohmärkte genutzt, ist aber sehr, sehr oft leer und ungenutzt. Man könnte dort das Parken wunderbar verdichten, indem man ein Parkhaus baut. Man könnte aber auch einen Großteil der Parkplätze abschaffen. Ich bin der Meinung, wer ein Rockkonzert oder eine Sportveranstaltung besucht, kann auch mit dem Zug, der U-Bahn und mit dem Fahrrad hinfahren. Dort ständig Tausende Parkplätze bereitzuhalten, finde ich anachronistisch. Stattdessen könnten hier etwa 2.400 bis 3.000 bezahlbare Wohnungen entstehen.

Die Parkharfe ist Teil des Ensembles Olympiapark und steht unter Denkmalschutz.
Natürlich muss das mit dem Denkmalschutz geklärt werden und selbstverständlich muss es sehr guter Städtebau und eine sehr gute Landschaftsarchitektur sein. Ein internationaler städtebaulicher Wettbewerb ist hier Pflicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Olympiapark-Architekt Behnisch beziehungsweise sein Rechtsnachfolger etwas dagegen hat. In unmittelbarer Nähe gibt es übrigens noch ein sehr interessantes Thema.

Nämlich?
Der Mittlere Ring macht dort einen 90-Grad-Nordwest-Knick. In diesem "Autobahnkleeblatt" sind unglaublich viele Grünflächen, sie sind durch Unterführungen verbunden. Derzeit werden sie nicht genutzt. Würden in der Nähe mehr Menschen wohnen, könnten sie diese Flächen als Park nutzen – ein schönes Beispiel für Flächenpotenzial.

Wo die Ifflandstraße verläuft, sieht David Potenzial für ein neues Viertel.
Wo die Ifflandstraße verläuft, sieht David Potenzial für ein neues Viertel. © Petra Schramek

Benjamin David: Das sind seine Pläne für die Ifflandstraße

Den Mittleren Ring wollen Sie aber schon behalten, oder?
Der ist verkehrlich wohl schon notwendig – zumindest noch.

Wo steckt Ihrer Ansicht nach außerdem Potenzial für neue Wohnungen?
In der Ifflandstraße. Dort könnte ein neues Viertel mit günstigen Mieten oder Kaufpreisen in bester Wohnlage entstehen. Es gab in den 1960er Jahren den Stadtentwicklungsplan "autogerechte Stadt". Zum Glück wurden nur wenige der damals beschlossenen Projekte realisiert. Eines davon war, die Isarparallele in eine Stadtautobahn auszubauen. Eine achtspurige Stadtautobahn sollte den Mittleren Ring im Norden mit dem Mittleren Ring im Süden kreuzungsfrei verbinden. Zur Hälfte sollte diese Stadtautobahn über der Isar verlaufen, dafür hätten Betonpfeiler im Fluss versenkt werden sollen.

Schreckliche Vorstellung!
Dieses Projekt war nicht etwa eine verrückte Architektenvision, sondern wurde so vom Stadtrat, Landtag und Bundestag beschlossen. Mit dem Bau wurde auch begonnen. Das Resultat sind die Ifflandstraße und die völlig überdimensionierte Unterführung an der Tivolibrücke.

Warum ist das Projekt gestoppt worden?
Mitglieder von Münchens erster Bürgerinitiative "Münchner Forum" haben an Tausende Bäume, die gefällt werden sollten, weiße Kreuze gemalt. Daraufhin sind die Bürger gegen das Projekt Sturm gelaufen und der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel hat es sich noch mal anders überlegt. Dieses Stück sechsspurige Stadtautobahn ist verkehrlich völlig sinnlos. Nach wenigen Hundert Metern landet man einspurig im Lehel. Und auch im Norden landet man in der einspurigen Einfädelspur auf den Mittleren Ring. Würde man von der Ifflandstraße vier Autospuren streichen, würde man eine riesige Fläche Bauland gewinnen mit Platz für 800 bis 1.000 Wohneinheiten. Bei der Gelegenheit könnte man auch gleich die sehr bedauerliche städtebauliche Trennung zwischen Englischem Garten und nördlichem Isarraum schließen.

Benjamin David: "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für kreative Ansätze"

Wenn die Ifflandstraße schmaler würde, hätte das nicht zur Folge, dass im Berufsverkehr der Stau durchs Lehel noch länger wird?
Die Isarparallele sollte man verkehrlich komplett lahmlegen und den Autoverkehr nur noch über den Mittleren Ring lenken. Etwa 80 Prozent des Verkehrs auf der Isarparallele haben ihre Quelle und ihr Ziel außerhalb des Mittleren Rings.

Wie viele städtische Flächen gibt es noch, von denen Sie denken, dass dort nachverdichtet werden könnte?
Es gibt sicher noch 400 Autoflächen, die man in öffentliche Räume oder bezahlbaren Wohnraum verwandeln könnte, die aber das Planungsreferat nicht auf dem Schirm hat, weil sie zu klein oder zu komplex sind. Es hat dafür nicht genügend Mitarbeiter vom Stadtrat bewilligt bekommen.

Gibt es Städte, die solche Projekte, die Ihnen vorschweben, schon umsetzen?
In Barcelona zum Beispiel werden jedes Jahr 20 bis 30 Straßen in Stadtplätze umgewandelt und Häuser um zwei bis vier Stockwerke aufgestockt. Die extrem hohen Grundstückpreise in München haben viel mit Spekulation zu tun, aber eben auch mit einer künstlichen Verknappung durch zu wenig Raum für Kreativität. Und vielleicht auch damit, dass Regeln manchmal zu ernst genommen werden. Es heißt zu oft reflexartig: Das geht doch nicht. Es würde unserer Stadt guttun, mal grundsätzlich zu schauen, wo was möglich ist – auch ruhig mit einem scheinbar naiven Ansatz.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Ihre Ideen auf fruchtbaren Boden fallen?
Mit unserer neuen grün-roten Stadtregierung werden Autoverkehrsflächen plötzlich wieder zu Verhandlungsmasse. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt für kreative Ansätze.

Was Architekt Stefan Behnisch, Sohn des Olympiapark-Erbauers, über neue Wohnhäuser auf dem Gelände denkt, lesen Sie am Mittwoch auf az-muenchen.de.

Lesen Sie auch: Mieterverein-Chefin Zurek (SPD) - Wohnraum bleibt Wohnraum

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren