Christian Ude erinnert an 60 Jahre mit seinem Vorbild Hans-Jochen Vogel

Christian Ude, einer der Nachfolger Hans-Jochen Vogels als Münchner OB, als Städtetagspräsident und bayerischer SPD-Spitzenkandidat, erinnert sich an 60 Jahre mit dem politischen Urgestein.
| Christian Ude
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Zwei Vollblutpolitiker der Sozialdemokratie, die sich verstanden haben: Hans-Jochen Vogel gratuliert Münchens damaligem Oberbürgermeister Christian Ude 2007 zu dessen 60. Geburtstag.
Tobias Hase/dpa 7 Zwei Vollblutpolitiker der Sozialdemokratie, die sich verstanden haben: Hans-Jochen Vogel gratuliert Münchens damaligem Oberbürgermeister Christian Ude 2007 zu dessen 60. Geburtstag.
SPD-Landeschef Vogel Arm in Arm mit SPD-Alt-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner bei dessen 85. Geburtstag am 23. September 1972.
imago 7 SPD-Landeschef Vogel Arm in Arm mit SPD-Alt-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner bei dessen 85. Geburtstag am 23. September 1972.
Auf den Hund gekommen: Vogel im Januar 1972 zur Eröffnung einer sogenannten "Dackelparade".
Heinz Gebhardt 7 Auf den Hund gekommen: Vogel im Januar 1972 zur Eröffnung einer sogenannten "Dackelparade".
"Wir ziehen, wie der Vogel pfeift" – OB Hans-Jochen Vogel wird beim Faschingszug 1965 am Marienplatz aufs Korn genommen.
Heinz Gebhardt 7 "Wir ziehen, wie der Vogel pfeift" – OB Hans-Jochen Vogel wird beim Faschingszug 1965 am Marienplatz aufs Korn genommen.
Bewegte Zeiten in der Münchner SPD: Hans-Jochen Vogel im April 1972 beim Bezirksparteitag in München.
Heinz Gebhardt 7 Bewegte Zeiten in der Münchner SPD: Hans-Jochen Vogel im April 1972 beim Bezirksparteitag in München.
Hans-Jochen Vogel mit seiner Frau Liselotte beim Tanz auf dem Bundespresseball in Bonn am 7. November 1975.
imago 7 Hans-Jochen Vogel mit seiner Frau Liselotte beim Tanz auf dem Bundespresseball in Bonn am 7. November 1975.
4. Juli 1969: OB Hans-Jochen Vogel während seiner Ansprache zur Grundsteinlegung der Olympiabauten am Oberwiesenfeld.
dpa 7 4. Juli 1969: OB Hans-Jochen Vogel während seiner Ansprache zur Grundsteinlegung der Olympiabauten am Oberwiesenfeld.

München - An den Tag, an dem Hans-Jochen Vogel in das Leben meiner Klasse trat – wenn auch nur auf den Litfaß-Säulen der Stadt – erinnere ich mich noch ganz genau: Es war 1960, und plötzlich war ein Klassenkamerad in der ganzen Stadt auf Plakaten zu sehen mit der Parole: "Ja zu Dr. Vogel". Er erzählte uns, der erstaunlich junge Mann mit schwarzer Hornbrille sei wirklich sehr sympathisch, und unsere Eltern sollten ihn ruhig zum Nachfolger von Thomas Wimmer wählen.

Hans-Jochen Vogel: Urbanität und Modernität

Als Journalistensohn, der den Vater oft begleiten durfte, konnte ich den Jungstar dann auch im wirklichen Leben kennenlernen: Er wollte meistens drei Punkte unterstreichen oder drei Gefühlen Ausdruck verleihen, schien alles zu wissen und stand für Urbanität und Modernität, was man damals nur von wenigen Honoratioren im Rathaus behaupten konnte.

"Wir ziehen, wie der Vogel pfeift" – OB Hans-Jochen Vogel wird beim Faschingszug 1965 am Marienplatz aufs Korn genommen.
"Wir ziehen, wie der Vogel pfeift" – OB Hans-Jochen Vogel wird beim Faschingszug 1965 am Marienplatz aufs Korn genommen. © Heinz Gebhardt

Später lernten wir im Sozialkundeunterricht, dass das Olympische Dorf und die U-Bahn an der Münchner Freiheit und der Verkehrsverbund und die Fußgängerzone nur deshalb so blitzschnell entstehen, weil der Doktor Vogel die Spiele nach München geholt hat, was auch Gelder des Freistaats und des Bundes locker gemacht habe. Offensichtlich ein Alleswisser, der auch alles kann.

Christi Himmelfahrt 1968: Ude und Vogel im Generationenkonflikt

Als ich 1966 dann in die SPD eintrat, rumpelten meine Generation und seine Person auch heftig zusammen. So viel Autorität war für aufmüpfige junge Leute einfach zu viel. "Erinnerst Du Dich noch an unser Gespräch an Jesus Christus Himmelfahrt 1968?", fragte er mich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder. Eine rein rhetorische Frage, denn natürlich erinnerte ich mich.

Bewegte Zeiten in der Münchner SPD: Hans-Jochen Vogel im April 1972 beim Bezirksparteitag in München.
Bewegte Zeiten in der Münchner SPD: Hans-Jochen Vogel im April 1972 beim Bezirksparteitag in München. © Heinz Gebhardt

Er hatte mich privat in seine Wohnung eingeladen, um unter vier Augen auszuloten, ob nicht doch eine friedliche Lösung zwischen den aufeinanderprallenden Generationen und Milieus zu erzielen sei. Eine Befriedung haben wir nicht zustande gebracht, dafür waren die Konflikte zwischen den rebellischen Studenten und dem jahrgangsbesten Juristen zu groß, aber immerhin viele Formen der Zusammenarbeit – selbst in der Zeit, in der er dem akademischen Parteinachwuchs entgegenschleuderte: "In dem System, das ihr anstrebt, möchte ich nicht leben!"

Wegbereiter moderner Stadtforschung und Stadtentwicklungspolitik

Ende der 60er Jahre begegnete ich ihm sehr häufig als Reporter im Rathaus: Er kämpfte – sogar auf einer Konferenz der Jungsozialisten! – "für ein soziales Bodenrecht" und mit den Mehrkosten des Stachus-Bauwerks, die heute nicht einmal für eine einspaltige Meldung reichen würden, damals aber die Stadt erregten. Das Bodenrecht blieb sein großes Thema, bis in die letzten Monate seines Jahrhundert-Lebens.

Er wollte und konnte nicht einsehen, dass Grundstückseigentümer den Mehrwert neugeschaffenen Baurechts allein einkassieren dürfen, obwohl doch alle Kosten von der Gemeinschaft zu tragen sind, wenn aus Ackerboden Baugrund entsteht – von der Verkehrserschließung bis zum Kita- und Schulbau, ja der gesamten Infrastruktur. Das verstand in München jeder, bis in die gegnerischen Reihen hinein, aber im Bundestag interessierte es zu wenige, und bei konservativen und liberalen Abgeordneten stieß er auf schroffe Ablehnung. Das hat ihn gewurmt. Bis in die letzten Wochen.

SPD-Landeschef Vogel Arm in Arm mit SPD-Alt-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner bei dessen 85. Geburtstag am 23. September 1972.
SPD-Landeschef Vogel Arm in Arm mit SPD-Alt-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner bei dessen 85. Geburtstag am 23. September 1972. © imago

Bei Heimspielen aber konnte er Triumphe feiern, etwa in München, wo er in einem ersten Wahlgang mit über 78 Prozent wiedergewählt wurde – ein wahrhaft einmaliges Ergebnis. Und als Präsident des Deutschen Städtetags (nur zwei Jahre lang) wurde er schnell zum Sprachrohr kommunaler Finanznot ("Rettet Deutschlands Städte jetzt!") und zum Wegbereiter moderner Stadtforschung und Stadtentwicklungspolitik. Als Spitzenkandidat der bayerischen SPD erlebte er zwar keine Münchner Resultate, aber doch heute unglaubliche 30 Prozent, was er gelegentlich mit aktuellen Umfragen verglich und mit den Worten "Sein tut’s was" kommentierte.

Wichtig für Vogel: Die Erinnerungskultur und seine Religiosität

Dass es in Wahrheit nicht nur einen Vogel, sondern derer zwei gab, haben die beiden begünstigten Parteien nicht gerne an die große Glocke gehängt, um den eigenen nicht durch den anderen zu relativieren. Dabei haben die beiden Brüder, der Hans-Jochen von der SPD und der Bernhard von der CDU Unglaubliches geleistet: Sie haben nicht nur in der alten Bundesrepublik höchste Ämter inne, sondern auch in den neuen Bundesländern: Bernhard, lange Zeit Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, wurde auch Regierungschef in Thüringen, und Hans-Jochen Vogel, der Oberbürgermeister der heimlichen Hauptstadt, wurde auch Regierender Bürgermeister von Berlin. Zwei Integrationsfiguren für Ost und West, aus einer Familie.

Auf den Hund gekommen: Vogel im Januar 1972 zur Eröffnung einer sogenannten "Dackelparade".
Auf den Hund gekommen: Vogel im Januar 1972 zur Eröffnung einer sogenannten "Dackelparade". © Heinz Gebhardt

Man kann Hans-Jochen Vogel aber nicht würdigen, ohne auf zwei Aspekte einzugehen, die eine außerordentliche Rolle in seinem Leben gespielt haben: Die Erinnerungskultur, die ihn jahrzehntelang beschäftigte, zu Aktivitäten antrieb und nie ruhen ließ, damit sich das Unrecht der NS-Gewaltherrschaft niemals wiederholt, und seine Religiosität, die viele bei einem Spitzenpolitiker nicht vermuteten. Vor einigen Jahren lud er mit mir gemeinsam Kardinal Reinhard Marx ins Ehrenbürger-Zimmer im Alten Rathausturm ein, um Einladungsschulden abzutragen. Die beiden debattierten immer heftiger über Aussagen der neuesten Katechismus-Ausgabe, bis Hans-Jochen kurz austreten musste. "Sagen Sie", fragte mich der Kardinal ganz verunsichert, "ist er mit Ihnen auch so streng?"

Vorbild, eine Orientierungshilfe und ein Fels in der Brandung

Dass man auch im Ruhestand noch Maßstäbe setzen kann, höchst aktuelle und bedeutsame Maßstäbe, bewies er ohne jede Ausnahme in den letzten Jahrzehnten: Er arbeitete mit seinem durch und durch preußischen Pflichtbewusstsein an seinen Büchern und neuen politischen Initiativen und an der Pflege unglaublich vieler politischer Freundschaften, aber er diente sich niemandem als "Türöffner" für Geschäfte aller Art an, versilberte weder seine Erfahrungen noch seine Beziehungen aus jahrzehntelanger politischer Tätigkeit. Da könnte sich doch mancher seiner Nachfolger eine Scheibe abschneiden.

Hans-Jochen, ich danke Dir wie alle Sozialdemokraten, dass Du uns so unglaublich lange ein Vorbild, eine Orientierungshilfe und ein Fels in der Brandung warst. Und wem auch immer Du im Himmel begegnen wirst: Sei nicht zu streng mit ihnen!

Lesen Sie hier: Hans-Jochen Vogel (†94) - Der Vater des modernen München

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren