Apothekensterben auch in München: Ein Viertel trifft es besonders hart

Wenn die nächste Apotheke plötzlich viel weiter weg ist als gewohnt, wird die tägliche Versorgung mit Medikamenten ein Problem. Auch in München und im gesamten Freistaat zeigt sich der Negativtrend.
Guido Verstegen
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Auch in München und seinen Stadtvierteln zeigt sich die schwierige Situation bei der Versorgung von Apotheken.
Auch in München und seinen Stadtvierteln zeigt sich die schwierige Situation bei der Versorgung von Apotheken. © IMAGO/Davide Elias

Mehr als vier Millionen Bürgerinnen und Bürger müssen mehr als sechs Kilometer bis zur nächsten Apotheke zurücklegen. Das zeigt die Studie "Untersuchung der Entfernungen zwischen Apotheken und der betroffenen Bevölkerung" der ILS Research gGmbH, die im Auftrag der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) erstellt wurde. Wie ist die Lage in Bayern – und vor allem in München?

Seit 2013 musste in Deutschland jede fünfte Apotheke schließen 

Bundesweit leben den Zahlen zufolge 4,9 Prozent der 82,6 Millionen Menschen in Deutschland in einer mit Arzneimitteln schwach versorgten Region. Die absolute Zahl der vom Apothekenmangel betroffenen Menschen ist demnach in Bayern mit knapp 900.000 Menschen besonders hoch.

Zum Jahresende 2025 war die Zahl der Apotheken in Deutschland auf einen Tiefstand gesunken: Bundesweit gab es 16.601 Apotheken, 440 oder 2,6 Prozent weniger als am  Ende des Vorjahres, wie die ABDA mitteilte: "Mittlerweile ist der niedrigste Stand an Apotheken seit fast 50 Jahren erreicht – im Jahr 1977 gab es in Ost- und Westdeutschland zusammen 16.374 Apotheken." Seit 2013 habe jede fünfte Apotheke schließen müssen. Die Zahl der Apotheken war bundesweit zuletzt auf 16.541 gesunken (Stand: 31. März 2026). 

München: Besorgniserregende Zahlen im Zehn-Jahres-Vergleich

Auch für Bayern und München zeichnet sich ab, dass immer mehr Menschen immer weitere Wege bis zur nächsten Apotheke zurücklegen müssen. Auf AZ-Anfrage nannte der Bayerische Apothekerverband (BAV) mit Sitz in München besorgniserregende Zahlen im Zehn-Jahres-Vergleich.

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So gab es im Freistaat im zweiten Quartal 2016 insgesamt 3230 Apotheken, im zweiten Quartal 2026 (Mai bis Juni) wurden nach BAV-Angaben 2605 Apotheken gezählt. "Wir verzeichnen in Bayern innerhalb von zehn Jahren also einen Rückgang von 625 Apotheken beziehungsweise von 19,35 Prozent", so eine Sprecherin des Verbandes.

In München zeigt sich der Schwund noch deutlicher: Versorgten im zweiten Quartal 2016 noch 379 Apotheken ihre Kunden in der Stadt, waren es im zweiten Quartal 2026 nur noch 295. Im Vergleich zu 2016 sind das 84 Apotheken (22,16 Prozent) weniger als vor zehn Jahren. Der ABDA zufolge standen im vergangenen Jahr bundesweit 502 Apothekenschließungen gerade einmal 62 Neueröffnungen gegenüber.

Auch in München gibt es immer weniger Standorte 

Aus einer Antwort des Gesundheitsreferats auf eine Anfrage der früheren CSU/Freie-Wähler-Fraktion im Münchner Stadtrat geht hervor, dass die Zahl der Apotheken in der Stadt zwischen 2022 und 2024 von 329 auf 308 gesunken ist. Den Angaben zufolge gibt es in 17 von 25 Stadtbezirken weniger Standorte als noch vor zwei Jahren.

Die meisten Schließungen gab es zuletzt in Schwabing-Freimann

In den acht Bezirken Maxvorstadt, Sendling, Moosach, Milbertshofen-Am Hart, Bogenhausen, Trudering-Riem, Obergiesing-Fasangarten und Aubing-Lochhausen-Langwied hat sich die Apothekenanzahl 2024 im Vergleich zu 2022 nicht verändert.

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Die meisten Schließungen gab es laut GSR in Schwabing-Freimann: Hier versorgen nur noch 17 Betriebe die Bevölkerung (gegenüber 20 im Jahr 2022). Auch in den Bezirken Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt und Ramersdorf-Perlach mussten je zwei Betriebe schließen.

Gesundheitsreferat: "Belastbare, quantitative Prognose ist nicht möglich"

In Neuhausen-Nymphenburg gibt es derzeit 22 Apothekenbetriebe, eine einzige Apotheke hat sich dort bis 2024 verabschiedet. Die wenigsten Apotheken gibt es in Allach-Untermenzing (fünf Standorte im Jahr 2024).

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Von der CSU/FW-Stadtratsfraktion um eine Prognose zur zukünftigen Entwicklung gebeten, gibt sich das Gesundheitsreferat zurückhaltend: "Der zukünftige Verlauf der Anzahl von Apotheken in München ist von zahlreichen Faktoren abhängig, deren jeweilige Einwirkung und Entwicklung nicht vollständig bekannt sind. Eine belastbare, quantitative Prognose, ob sich der über die Jahre 2022 bis 2024 beobachtbare Rückgang der Anzahl der Apotheken fortsetzt, ist jedoch weder für das Stadtgebiet noch auf Stadtbezirksebene möglich."

Auch in München machen die Apotheken auf die wirtschaftliche Notlage aufmerksam. (Archivbild)
Auch in München machen die Apotheken auf die wirtschaftliche Notlage aufmerksam. (Archivbild) © IMAGO/Michael Bihlmayer

Steigende Betriebskosten und wachsende regulatorische Anforderungen setzen die verbliebenen Standorte zunehmend unter Druck. Das GSR äußerte die Befürchtung, "dass der Bezug von Medikamenten im Versandhandel den Präsenzapotheken einen Teil ihrer ursprünglichen Geschäftsgrundlage entzieht".

Apothekensterben: Wie steuert die Politik dagegen?

Das Land Nordrhein-Westfalen schlug Anfang des Jahres im Bundesrat vor, für Apotheken in dünn besiedelten Gebieten einen speziellen Versorgungszuschlag zu zahlen. Die Union würde gerne ungenutzte Mittel für pharmazeutische Dienstleistungen in Höhe von rund 570 Millionen Euro umwidmen. So soll sich der Festzuschlag pro Packung auf 9,50 Euro anheben lassen, was jährlich einen zusätzlichen Bedarf von etwa 945 Millionen Euro bedeutet. Das geplante Apotheken-Versorgungsstärkungsgesetz kommt in der Branche nicht gut an.

Seit dem 1. Juli gelten neue Vorgaben für den Austausch von Rabattarzneimitteln. Sind Medikamente nicht verfügbar, dürfen Apotheker jetzt vorrätige wirkstoffgleiche Präparate abgeben – mit spezifischen Dokumentationspflichten. Die Regelung ist bis Mitte 2028 befristet. Die genaue Handhabung der Sonderkennzeichen war zuletzt noch zwischen Standesvertretung und GKV-Spitzenverband umstritten.

"Manche Krankenkassen ignorieren das Apothekensterben"

Ein Modellprojekt im Freistaat erlaubt Apotheken künftig, nicht-medizinische Hilfsmittel auf Rezept abzugeben. Dazu zählen Heizlüfter – ein Kontingent von 7500 Geräten ist bereits vorgesehen – sowie Sandsäcke und Schlauchboote für Hochwassergebiete. Die Vergütung läuft über ein Punktesystem.

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"Manche Krankenkassen ignorieren das seit Jahren anhaltende Apothekensterben – und rechnen vor, dass die Menschen im Durchschnitt nur wenige Kilometer oder Minuten einplanen müssen, um zur nächsten Apotheke zu gelangen", sagt Dr. Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV): "Dabei berücksichtigen sie weder die tatsächliche Erreichbarkeit mithilfe von Auto oder öffentlichem Nahverkehr noch die so genannten Solitärapotheken, bei deren Schließung sich die Versorgung für die betroffene Bevölkerung vor Ort drastischer als im bundesweiten Mittel verschlechtern würde."

Sein Fazit lautet: "Sowohl auf dem Land als auch in der Stadt zieht jede Apothekenschließung eine Versorgungsbeeinträchtigung nach sich – entweder durch weitere Wege im ländlichen Bereich oder durch massive Überbelastung der verbliebenen Apotheken im städtischen Bereich."

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