Ringen um die große Koalition: Regionalkonferenz der Bayern-SPD SPD: Sigmar Gabriel überzeugt die Nürnberger Genossen

Der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel (r) gestikuliert bei seiner Rede am 01.12.2013 in Nürnberg während einer Regionalkonferenz der Sozialdemokraten zum schwarz-roten Koalitionsvertrag. Foto: Timm Schamberger/dpa

Sigmar Gabriel wirbt an der SPD-Basis in Nürnberg um Zustimmung für den Koalitionsvertrag. Es hätte eine Zitterpartie werden können, es wird zu einem Heimspiel

 

Nürnberg Es geht viel um Kopf, Herz und Bauch in diesen Tagen. Vor allem die Befindlichkeit der SPD-Mitglieder in diesen wichtigen Körperregionen interessiert die ganze Nation. Kann also Sigmar Gabriel die Köpfe überzeugen, die Herzen gewinnen? Überwindet die Basis ihr Bauchgrimmen beim Eintritt in die große Koalition?

Gestern Abend war Therapiesitzung in Nürnberg. Der Chef mit dem markanten Bauch gab sein Bestes – und er hat erstaunlich viel Erfolg.

Karl-Bröger-Zentrum, Nürnberg Südstadt, 400 Menschen überfüllen den großen Sitzungssaal der SPD-Immobilie. Viele fortgeschrittene Semester, viele Gewerkschafter, aber auch einige ganz Junge sind da. „Was Größeres gab es nicht,“ entschuldigt sich der Tagungsleiter für die Enge: „Wir hätten sonst ins Stadion gehen müssen.“

Das Interesse ist enorm im Vorfeld des ominösen Mitgliederentscheids, bei dem die 475000 SPD-Mitglieder bis zum 13. Dezember entscheiden können, ob sie den Koalitionsvertrag absegnen. Gerade mal eine Woche ist es her, da schien ob dieser Entscheidung der Untergang der SPD eine echte Option.

"Wer dagegen ist, ist es wegen Angela Merkel"

Der „Spiegel“ sprach von einer drohenden „Staatskrise“, sollte die SPD-Basis den Deal mit CDU und CSU platzen lassen. Abwegig schien das nicht: „Die Freunde, die dagegen sind“, sagt Horst Röder in Nürnberg, „die sind es wegen der Merkel.“ Er weiß wohl, wie die Kanzlerin aus der letzten großen Koalition rausgekommen ist, und wie es seiner eigenen Partei ergangen ist:

Die SPD kam auf das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte, Merkel regierte mit der FDP. Aber, sagt Horst Röder: „In der Opposition haben wir auch nichts gewonnen.“ Also jetzt noch mal auf ein Neues: Ja, anfangs sei er auch noch dagegen gewesen. Aber seit vergangenem Mittwoch ist das anders. Er hat den 185-Seiten-Entwurf gelesen.

Und er findet: „Wir haben viel rausgeholt.“ Das immerhin findet auch Tobias Afsali. Er erkennt „durchaus eine sozialdemokratische Handschrift“ im Vertrag. „Aber ich werde trotzdem dagegen stimmen“, sagt der 27-jährige Münchner.

Warum? „Es ist nicht genug.“ Keine Reichensteuer, keine Bürgerversicherung. „Es war nicht unsere Schuld“, sagt der Juso: „Die Union hat auf stur geschaltet, und dann geht’s halt nicht.“

Der Empfang für Gabriel ist fast euphorisch

Fürchtet er nicht eine schwere Krise in seiner Partei, der er seit neun Jahren angehört, einen Absturz auf unter 20 Prozent bei Neuwahlen? „Andersrum“, sagt Afsali. „Wir gewinnen, weil wir glaubwürdig sind, weil wir nach der Wahl dasselbe sagen wie vor der Wahl.“ Es gibt sie noch, die total gegensätzlichen Pole in der SPD. Bayerns Obergenosse Florian Pronold hat es vorher gesagt: „Es wäre nicht die SPD, wenn alle begeistert wären.“

Dafür ist der Empfang für den Chef geradezu euphorisch, und schon da zeigt sich, dass nur ganz wenige der Logik der Jugendfunktionäre folgen wollen. Gabriel kommt zu spät, aber es läuft gerade gut für ihn, und man merkt es ihm an. Er ist ja so etwas wie ein kleiner Star geworden seit dem Durchbruch bei den Koalitionsverhandlungen und seit dem Interview-Scharmützel mit Marietta Slomka.

Gabriel, bisher eher als Springteufel verschrien, mit seinen Ideen gelegentlich schneller als mit seinen Gedanken, hat Statur als Real-Politiker gewonnen. Und heute ist er Chef im Ring. „Ein Erfolg ist das Votum schon jetzt“, sagt er. Von den 2500 Neueintritten seit der Wahl schwärmt er, und dass in der SPD die Mitglieder mitreden dürfen. Das Votum sei „kein taktisches Geplänkel“, weist er ein aufmüpfiges Mitglied zurecht: „Frag doch mal die Grünen in Hessen, ob die nicht auch gerne abstimmen würden über schwarz-grün.“ Oder die Mitglieder der Unionsparteien.

Er verstehe ja die Skepsis, aber: „Entgegen anderslautenden Gerüchten“ sei Angela Merkel keine Sozialdemokratin, weshalb man Kompromisse eingehen musste.

Er wirbt, er schmeichelt, er verreißt mit einem Seitenhieb das Erbe von Franz Müntefering, dessen Rente mit 67 ein „selbstgemachter Fehler“ gewesen sei. Das habe man mit der Rente mit 63 korrigiert, und dann gebe es ja auch noch den Mindestlohn.

Die Mitglieder müssten jetzt eben „abwägen“. „Aber die Waagschale ist ganz schön voll.“

Gabriel demonstriert Selbstbewusstsein, und es wirkt ansteckend. Leise, versteckt, geradezu verschämt kommt die Kritik aus dem Plenum. Es geht um Steuergerechtigkeit, um „ungerechte Rentenfinanzierung“, um die Energiewende – es klingt eher nach Nörgelei als nach Standpauke.

"Eine grandiose Veranstaltung", findet Renate Schmidt

Die Rednerliste ist lang, aber es mischen sich sogar Lobeshymnen unter die Wortmeldungen, wie man sie eher bei der CSU erwartet als bei der streitlustigen SPD. „Mein Bauch fragt: Kann das gutgehen“, meldet sich Jürgen Göppner, „mein Herz fragt: Verraten wir unsere Ideale? Und mein Kopf sagt: Bei 25 Prozent Wahlergebnis habt ihr das nicht schlecht gemacht.“

Renate Schmidt, Grande Dame der bayerischen SPD, schwärmt von einer „grandiosen Veranstaltung“. Dem Chef kann das nur gefallen: Er müsse jetzt dann mal los Richtung Norden, sagt er nach zweieinhalb Stunden. Und die Genossen sollten jetzt nur nicht vergessen, auch abzustimmen.

Wie, das muss Gabriel nicht mehr sagen. Er hat heute Abend gewonnen. Das ahnen auch die Jusos wie Laura Wallner. „Das Votum wird wohl für den Vertrag ausgehen – ich werde aber trotzdem dagegen stimmen.“ Die 24-Jährige lächelt.“ Wie hat Gabriel doch kurz vorher gesagt: „Uns kriegt so schnell niemand klein, außer wir probieren das selbst.“

 

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