Politik Der kluge Blonde: Ulrich Wilhelm soll BR-Boss werden

Ulrich Wilhelm neben Kanzlerin Angela Merkel Foto: dpa

MÜNCHEN - Jahrelang diente Ulrich Wilhelm dem Image von Politikern. Jetzt wird Angela Merkels Regierungssprecher selber Chef – als Intendant des Bayerischen Rundfunks, der viertgrößten ARD-Anstalt.

 

Als Angela Merkel ihn an einem Freitag im November anrief und fragte, ob er nicht von München nach Berlin an ihre Seite kommen wolle, war Ulrich Wilhelm in München gerade auf dem Abstellgleis – und baff. Mit seiner Berufung zum Regierungssprecher der Kanzlerin hatte der Ex-Flüsterer von Edmund Stoiber nicht gerechnet. Fünf Jahre ist das her. Nun geht er den umgekehrten Weg: Von Berlin heim nach München. Den allerdings hat der begnadete und vor allem verschwiegene Strippenzieher schon lange akribisch vorbereitet.

Nach Jahren der Kärrnerarbeit an der Seite der Mächtigen, in der er andere groß machte, will der 48-Jährige nun zur Krönung seiner Blitzkarriere selber die Nummer 1 sein - als Chef des Bayerischen Rundfunks. Als Intendant der viertgrößten ARD-Anstalt wird er seine Noch-Chefin sogar übertrumpfen: zumindest was das Gehalt betrifft.

Dass Berlin für ihn nur eine Zwischenstation sein würde, daran hatte der gelernte Journalist, der mit 19 Jahren die vom AZ–Gründer Werner Friedmann aus der Taufe gehobene Deutsche Journalistenschule in München absolvierte, nie einen Zweifel gelassen. Ehefrau Andrea war mit der inzwischen 17-jährigen Tochter und dem 15-jährigen Sohn im gemütlichen Haus im Münchner Westen geblieben. Wilhelm hatte sich in der Bundeshauptstadt eine „Studentenbude“ eingerichtet. Manchmal schaffte er es wochenlang nicht, seine Familie zu sehen, wenn er mit der Kanzlerin durch die Welt tourte und an den Tischen der Mächtigen saß. Merkel und ihr blonder bayerischer Spindoktor waren zu einer Symbiose geworden. Der eloquente und kluge Sunnyboy, der schon in Bayern gerne mit Robert Redford verglichen worden war, wurde für sie unentbehrlich. Wilhelms Ruf eilte bis nach Hollywood. Als der US-Filmstar in Berlin war, bat er den Regierungssprecher in sein Hotelzimmer, um sich persönlich davon zu überzeugen, ob er ihm so ähnlich sei. Sogar die „Bunte“ widmete „Merkels Mann fürs Feine“ ein Porträt.

Schon vor drei Jahren hätte CSU-Mitglied Wilhelm in seine Geburtsstadt zurückkehren können. Nach der erfolgreichen Revolte gegen Edmund Stoiber versuchte Günther Beckstein, ihn als Staatskanzlei-Minister ins Kabinett zu holen. Sogar zu seinem Kronprinzen wollte er ihn machen. Denn niemand in der CSU hat international ein solches Ansehen und eine derartige Regierungserfahrung. Wilhelm aber winkte ab. „Ich bin Beamter, kein Politiker“, sagte er damals zur AZ. „Und ich will auch keiner werden.“

Das übernahm dann seine Ehefrau Andrea. An den einsamen Tagen ohne Ehemann in München schnupperte sie in die CSU, machte in der Frauen-Union ein Praktikum, übernahm deren Vorsitz im Münchner Vorort Planegg und eroberte dort einen Sitz im Gemeinderat.

Dabei ist es doch eigentlich ihr Mann, der die Politik schon mit der Muttermilch eingesogen hatte. Sein Vater, Paul Wilhelm, war 33 Jahre CSU-Abgeordneter im bayerischen Landtag und als Europa-Staatssekretär im Kabinett. Trotzdem reizte den Sohn nie die Parteipolitik. Er wollte lieber Politiker groß machen. Vor 20 Jahren fing Wilhelm damit an. Hatte er während des Studiums noch an der journalistischen Front gejobbt, als Sportreporter und Kulturkritiker, heuerte er nach dem zweiten juristischen Staatsexamen in der Pressestelle des Innenministeriums an. Dort war gerade Edmund Stoiber Minister geworden und versuchte alles, um den bayerischen Thron zu erklimmen. Drei Jahre später zog er mit ihm in die Regierungszentrale, wurde sein Sprecher und erfand den Mann aus Wolfratshausen, dem immer noch sein Image vom „blonden Fallbeil“ anhaftete, neu. Wilhelm machte Stoiber zum Staatsmann.

Die enge Vertrautheit zerbrach, als Stoiber zu Höherem und ins Kanzleramt strebte. Wilhelm riet ihm kategorisch ab. Sein Vize in der Staatskanzlei, Martin Neumeyer, trieb dagegen Stoiber zur Kandidatur. Wilhelm wurde weggemobbt und als jüngster Amtschef aller Zeiten im Wissenschaftsministerium entsorgt.

Von nun an sollte er sich um die Festspiele in Bayreuth und die bayerischen Universitäten kümmern. Für Stoiber war das der Anfang vom Ende. „Hätte er weiter auf Wilhelm gehört, wäre er noch heute im Amt“, heißt es in der CSU.

Kein böses Wort kommt Wilhelm über diese Zeit über die Lippen. Lästern, giften und intrigieren war nie seine Sache - das bescherte ihm auch bei der Opposition viel Sympathie, in Bayern und in Berlin. Er versuchte über allem zu stehen, als Ausnahmeerscheinung. Vielleicht ist auch deshalb seine historische Lieblingsfigur, Kaiser Friedrich II., der Staufer, der „stupor mundi“ genannt wurde, „das Staunen der Welt“.

Gestaunt haben jetzt auch einige der 47 Rundfunkräte, wo nicht einmal die Vertreter der SPD Bedenken gegen Ulrich Wilhelm haben, wie perfekt seine Kandidatur eingefädelt wurde. Schon lange hatte der scheidende Intendant Thomas Gruber den Polit-Flüsterer als seinen Nachfolger ausgesucht.

Bereits am 6. Mai könnte Wilhelm zum Herrscher über den Bayerischen Rundfunk gekürt werden. Auch wenn nun als Gegner der angesehene BR-Landtagskorrespondent Rudolf Erhard (58) antritt. Vier Rundfunkräte, die Vertreter der Grünen, Freien Wähler, der FDP und des DGB haben ihn ins Rennen geschickt. Chancenlos, aber ein Symbol-Kandidat.

Von der Münchner Hopfenstraße, gleich neben dem Augustiner Biergarten, kann Intendant Wilhelm dann aus der Ferne seine frühere Chefin in Berlin beobachten: Wie Angela Merkel, die mit ihm in der großen Koalition wie der Morgenstern erstrahlte, mit ihrer schwarz-gelben Truppe versinken wird.

Angela Böhm

 

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