Münchner im Porträt Betty Mü: Die Frau, die München bunt macht

Ihre Video-Installationen sind – genau - eine Schau: Betty Mü. Foto: Daniel von Loeper

Betty Mü (41) ist eine renommierte Video-Künstlerin, Teilzeit-Landlerin, Ex-New-Yorkerin und Mutter. Und sie hat Pläne. Hier erzählt sie einmal davon

München - "Das muss ich erst noch mit meiner Mutter besprechen“, antwortet Betty Mü auf die Frage, wann sie Zeit hätte für ein Treffen, ob Montag oder Dienstag ginge?

Normalerweise muss sie das natürlich nicht tun. Sie ist schließlich 41 Jahre alt. Und Künstlerin. Überstadtbekannt für ihre fantastischen Video-Installationen. Aber Betty Mü hat auch zwei kleine Kinder. Und mit denen ist sie an diesen beiden Tagen zu Besuch bei ihrer Mutter, die in München lebt. Also kurze Rücksprache.

Dann gibt sie für Dienstag grünes Licht. Betty, die eigentlich Bettina Müller heißt, schlägt 10 Uhr in der Kaffeebar Aroma in der Pestalozzistraße vor und sagt, sie werde einen türkisen Schal tragen. Trägt sie dann allerdings nicht. Ist egal, man erkennt sich auch am suchenden Blick.

Die Bar ist leider voll, also weiter in die Loretta-Bar, gleich ums Eck in der Müllerstraße, wo noch viel Platz ist.

Früher war sie öfter hier. Früher, bevor sie schwanger wurde mit dem ersten Kind, einer Tochter, und kurz danach mit dem zweiten, einem Sohn. Drei und bald ein Jahr alt sind die beiden jetzt.

Und wegen der Kinder leben Betty und der Vater der Kinder inzwischen etwas außerhalb von München. Auf dem Land und wie sie sagt: „Auf einem Einödhof.“

Sie ist absoluter Stadtmensch – und lebt auf einem Einödhof

In München hätten sie sich das, was sie sich vorgestellt haben an Wohnraum, nicht leisten können. Auf dem Land dagegen könnten sie sogar völlig autark leben. Wenn sie wollten.

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Das Landleben, ja doch, das sei schön. Vor allem für die Kinder, denn die „sollen raus können“. Und sie selbst? Naja. „Früher habe ich mir nicht vorstellen können, auf dem Land zu leben“, sagt sie. „Eigentlich bin ich ein absoluter Stadtmensch.“

Es gibt darum auch immer noch eine kleine Wohnung in der Ohlmüllerstraße, ihr Rückzugsort, ihre „Freiheit vom Land“. Hier in der Stadt, hier in München, hat sie sich ihren Namen gemacht. Zunächst, vor bald 14 Jahren, als VJ im Harry Klein, wo sie ganze Nächte lang den Sound und die Beats der DJs mit Video-Installationen visuell bereicherte.

Später hat sie, als sie „nachhaltiger“ arbeiten und nicht mehr nur flüchtige Augenblicke im Beats-per-Minute-Takt kreieren wollte, unter anderem die Kammerspiele, das Stadtmuseum, das Gärtnerplatztheater und die Schrannenhalle bespielt.

„Ich will den Fokus auf die schönen Dinge setzen“

Sie war bei der ARTMUC dabei, installierte für Feiern der Großmarkthalle und des Europäischen Patentamts.

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Ihre Kunst konnte man im „Unter Deck“ sowie im Botanikum sehen. Für die Faschingspartys eines sehr, sehr bekannten Weltmeister-Kickers war Betty Mü ebenfalls mehrmals engagiert. Und gerade hat ein großes Münchner Museum bei ihr angefragt, für ein Projekt im Jahr 2019. Ihre Installationen sind fantasievoll, überraschend, märchenhaft. Mal beamt sie ihre bunten Bilder auf eine Wand weißer Regenschirme, mal lässt sie lebendige Augen aus starren Totenschädeln blicken.

Sie schenkt Hausfassaden ein unerwartetes Eigen- und Innenleben, spielt mit verschiedenen Ebenen, Hintergründen sowie Materialien – und manchmal verleiht sie Besuchern ihrer Werke virtuelle Flügel. Betty Mü sagt, bei ihrer Kunst gehe es ihr nicht um Provokation. Aber Gegenüberstellungen, die mag sie. Gut und böse, schön und gruselig.

Sie sagt: „Ich will mit den Video-Installationen den Fokus auf die schönen Dinge setzen.“ Und am liebsten sei es ihr, schon bei der Projekt-Konzeption beratend dabei zu sein. „Ich mag das sehr gerne, wenn ich schon im Vorfeld mein Wissen mit einbringen kann“, sagt sie. Außerdem würde es die Planung und Ausführung der Installationen einfacher machen. Und davon profitieren dann ja eigentlich alle.

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Wo sie das alles gelernt hat? „Ich bin Autodidaktin“, sagt sie. Gut, sie hat auch ordentlich Talent, und kreativ war sie ebenfalls schon immer, schon als Kind. Basteln, Handarbeiten, Scherenschnitte. Für viele ein Horror, Betty dagegen mochte es. Genauso wie alles, was blinkte und glitzerte. Und Neonröhren. „Mein Gott“, seufzt sie, „die fand ich immer schon toll.“

Wohin die künstlerische Reise einmal gehen sollte, das wusste sie damals allerdings noch nicht. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Repro-Fotografin. Später lernte sie im „SZM Studio“ Postproduktion und Special Effects. Dazwischen war sie in New York, in Manhattan. Und hier fing, wenn man so will, schließlich alles wirklich an.

Sie hatte die Super-8-Kamera ihres Großvaters dabei und filmte, was ihr vor die Linse kam. Und das war eine ganze Menge, denn Betty Mü blieb sechseinhalb Jahre in den USA. 1995 ist sie nach New Jersey gezogen, zu einem Onkel, der ihr einen Praktikumsplatz in einer New Yorker Werbeagentur organisierte. Ein Riesenschritt für eine, die bisher nur in München, ihrer Geburtsstadt, gelebt hatte.

New York, hallo, das war ein großes Abenteuer. Und eine ebensolche Herausforderung. Zunächst kannte sie keine einzige Seele. „Das war so crazy“, sagt sie. Und: „Es hat mir so getaugt.“

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Sie verlängert ihr Praktikum, und wie das so ist, wenn man jung und weit weg von zu Hause ist, dann sucht man Anschluss, findet neue Freunde und bleibt abends auch mal weg. Einmal, zweimal, öfter.

Die Verwandtschaft war davon so not amused, dass die deutsche Nichte eines Tages kurzerhand vor die Tür gesetzt wurde. „Ich saß dann heulend und wimmernd im Zug nach Manhattan“, erzählt sie. Mit viel zu viel Gepäck. Mitleiderregend.

Ein WG-Zimmer ohne Fenster war ihr Zuhause

Betty suchte eine WG, fand ein Zimmer ohne Fenster, der Chef besorgte ein Trainee-Visa und beruhigte die beunruhigte Mutter, die dann aber doch kam und einen schönen New-York-Aufenthalt hatte, denn „die Mama ist cool“.

Irgendwann hatte Betty eine Green Card, besuchte die New York University sowie die School of Visual Arts – und flog jedes Jahr nach München zur Wiesn, um im Käferzelt Geld zu verdienen. 2001, noch vor den Terroranschlägen, kam sie zurück – und macht die Stadt seitdem mit ihren Installationen bunter.

Wunschprojekte? Klar, hat sie! Die Bavaria zu bebildern wäre toll. Oder eine Landebahn vom Flugzeug aus zu bespielen. Eine 360-Grad-Rundumprojektion vom Fernsehturm herab. Natürlich ist da noch mehr, Betty Mü denkt ständig über neue Projekte nach. Und wahrscheinlich wird auch vieles klappen, denn die 41-Jährige weiß sehr genau, was sie will – und wie sie es umsetzen kann. Jetzt darf sie sich erstmal in Freimann, im neuen Künstlerquartier BieBie, ausleben.

Sie freut sich, auch weil es „dort einen funktionierenden Internet-Anschluss gibt“. Im Gegensatz zu ihrem Einöd-Hof, der aber sowieso keine Dauerbleibe ist. Ein Umzug ist geplant – und spätestens wenn „wir alt sind“ und die Kinder groß, will sie ganz zurück nach München. Denn am Gärtnerplatz, in der Au, in Untergiesing und an der Isar, „da fühl ich mich zu Hause“.

 

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