Zehra Spindler: Die Muddi der Künstler

Wenn Zehra Spindler (46) etwas in Angriff nimmt, schauen die Münchner hin. Sie ist so etwas wie die heimliche Anführerin der Kulturszene. In der AZ erzählt sie, was sie antreibt – zum Beispiel ADHZS.
| Stephanie Schönberger
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Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Daniel von Loeper 6 Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Daniel von Loeper 6 Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Daniel von Loeper 6 Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Daniel von Loeper 6 Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Daniel von Loeper 6 Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.
Daniel von Loeper 6 Zehra Spindler beim Termin mit der AZ im Dreimühlenviertel.

München - Zum Schluss brennt ihr dann doch noch was unter den Nägeln: „Das wird jetzt aber nicht so eine schnulzige Rosamunde-Pilcher-Geschichte über mich, sowas wie aus der ,Gala’?“, fragt Zehra Spindler (46) und schaut einen dabei halb fragend, halb streng aus ihren braunen Augen an. Sie mag das eigentlich nicht, der Öffentlichkeit viel über die private Zehra preisgeben. Sie sagt: „Ich bin doch kein Promi.“ Sie sei lediglich eine „semi-fiktive Veranstaltungsgeneratorin“. Lieber würde sie über ihre Projekte sprechen. Die vergangenen, wie das PuertoGiesing oder das Art Babel, und die künftigen.

Eine Agentur, die Künstler, Bauinvestoren und die städtischen Behörden verbindet, will die Münchnerin gründen. Außerdem eine virtuelle Plattform für Wissenstransfer. Dazu könnte das aktuelle, wirklich große analoge Ding übernächste Woche vielleicht schon spruchreif sein. Dann würden die schlaflosen Tage und Nächte wieder losgehen, weil sie planen, organisieren, verbinden, buchen, finanzieren und Genehmigungen holen muss. Die Aufgaben einer Veranstaltungsgeneratorin eben.

„Die Diagnose war eine Erleichterung“

Tatsächlich ist Zehra Spindler, 1968 in München geborene Tochter einer Tschetschenin und eines Usbeken, aber noch mehr. Sie ist eine Zwischennutzerin, weil sie leerstehende Gebäude findet, die entweder kurz vor dem Abriss oder Umbau stehen. Sie besorgt die notwendigen Genehmigungen, um, wie sie sagt, „das Gebäude bespielen“ zu können.

Gleichzeitig ist sie auch Vernetzerin. „Ich connecte Leute.“ Und zwar ständig. „Ich bringe junge Sprayer mit 50-jährigen Theatermenschen zusammen“, sagt sie. Daraus würden sich nachhaltige Verbindungen entwickeln. Und ganz nebenbei auch das Personal, das sie braucht, um ihre zwischengenutzten Objekte dann zu bespielen. Aber auch, wenn kein Projekt ansteht, das ihren vollen Körper- und Geisteseinsatz fordert, ist es nie wirklich ruhig in ihrem Leben – und noch weniger in ihrem Kopf.

Lesen Sie hier: Ein Wochenende mit Zehra Spindler

Da ist ständig was los, alles immer in Bewegung, bloß keine Langeweile aufkommen lassen. Sie sagt: „Ich bin auch in Nichtstu-Phasen aktiv, wenn auch nicht produktiv.“ Ärzte haben vor drei Jahren ADHS bei ihr festgestellt. „Die Diagnose war eine Erleichterung“, erzählt sie. „Endlich wusste ich, warum ich so bin, wie ich bin.“ In das Akronym hat sie gleich ihre Initialen eingebaut, ADHZS.

In ihrem Viertel ist sie beliebt

Jetzt sitzt die semi-fiktive Veranstaltungsgeneratorin ganz real im Bavarese in der Ehrengutstraße im Dreimühlenviertel. Sie wohnt gleich in der Nähe. Als sie hereinkam, die schwarzen Haare im Nacken geknotet, mit dunkelblauer Hose, flaschengrüner Jacke und selbstgetricktem Schal, ist der Kellner sofort zu ihr geeilt, um sie zu begrüßen.

Später, als ihr Freund, der schottische Künstler James Sutherland – er stellt gerade im Corleone am Sendlinger-Tor-Platz aus – dazukommt, wiederholt sich das Schauspiel noch einmal. Großes Hallo, freundliches Gefrotzel von beiden Seiten. Man kennt sie hier und schätzt und respektiert sie ganz offensichtlich. Sie ist, sagt sie selbst, „die Muddi“ für viele Menschen, mit denen sie ständig zu tun hat. Also Künstler, Gastronomen, Kreative und Underdogs.

Den Respekt hat sie sich mit Raffinesse und Herz erarbeitet. Angefangen hat alles – wo sonst – in ihrer Kindheit. „Ich bin in eine Gastarbeiterfamilie hineingeboren“, erzählt sie, „und habe früh gelernt, mich anzupassen.“ Zum einen an die Traditionen, die der Familie heilig waren, zum anderen an das soziale Münchner Umfeld, in dem sie aufwuchs. „Kulturkluft“ nennt sie das. Sie war der Nährboden für alles, was Spindler heute ist.

Kaugummi im Haar – damit sie dann Glatze tragen konnte

Die Eltern waren darauf bedacht, im Gastland nicht aufzufallen. Sei brav, mach keine Schande, trag die Haare lang, das waren die Gebote, denen sie damals im Westend folgen sollte. Aber nicht wollte. Ihr Widerstand war fein subversiv und durchaus charmant. Zumindest von außen betrachtet. Sie war das Mädchen, das die Stinkbomben kaufte. Hochgehen lassen mussten sie aber die gleichaltrigen Jungs. Tauchte wieder ein von den Eltern angedachter Heiratskandidat an der Tür auf, servierte sie mit Kippe im Mund Tee. Und um keine langen Haare mehr tragen zu müssen, klebte sie sich einfach Kaugummi auf den Kopf. Danach hatte sie Glatze.

Der Einsatz cleverer Mittel mit größtmöglicher Wirkung – mit dieser Methode kam Zehra Spindler dann einige Jahre später groß raus. Sie war geschieden, Mutter einer heute 18-jährigen Tochter, hatte die lange Nacht der Museen mitorganisiert und die lange Nacht der Musik alleine auf die Beine gestellt. Danach war Schluss. Sie kündigt ihren Job bei einem Stadtmagazin und stellte sich, nur mit Körperfarbe bemalt, bei sechs Grad Celsius auf die Ludwigstraße – anschließend war sie stadtbekannt und eben auch semi-fiktive Kunstfigur.

Auf Facebook macht sie ihre Pressearbeit - mit großem Erfolg

Wer seitdem wissen will, was sie als nächstes plant, muss entweder ihre Mobilnummer haben oder ihr auf Facebook, „meiner Presselounge“, folgen. Hier verbreitet sie ihre Infos. Zwischen all den Postings von unglaublichen Wurst-Männern, „Sprayer-Schatzis“ und verunglückter Plakatierkunst, sieht man sie dann plötzlich majestätisch im Büro des Kulturreferenten der Stadt sitzen. Und schon ist die Aufregung groß. „Dann rufen alle an, wollen wissen, was ich plane“, sagt sie und grinst. Zehra Spindler hat ein Standing. Bei Künstlern, der Avantagarde und der Subkultur.

Aber auch bei der Stadt, die meistens mitspielt. Vielleicht, weil München auch dank Zehra Spindlers Aktionen weit über die Stadtgrenze hinaus den Ruf hat, mehr zu können als Weltdorf mit Wiesn-Gaudi, BayernMünchenüberalles und Schickimicki-Busselei. „München gilt endlich als cool“, sagt die 46-Jährige. Darüber freut sie sich. Sie mag ihre Geburtsstadt. Sehr sogar. „Hier ist meine Heimat“, erklärt sie. „Der kleine Spießer in mir mag die wohlige Wärme und dass es so beschaulich und sauber ist.“

Allerdings ist da auch immer der Wunsch in ihr, „eine kleine Schmutzschicht über die Stadt zu ziehen“. Temporär natürlich nur. Denn auf Dauer wäre das auch wieder langweilig.

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