„München ist die sozialste Stadt – voll mit guten Menschen“

Hannelore Kiethe ist eine davon. Sie hat vor 20 Jahren mit einigen Mitstreitern die Münchner Tafel gegründet. Heute versorgt die wöchentlich 18 000 Bedürftige. Hier erfahren Sie mehr über die Frau, ohne die München ein Stück ärmer wäre
| Stephanie Schönberger
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„Wenn ich etwas mache, dann tauche ich richtig in die Sache ein“: Hannelore Kiethe.
Daniel von Loeper „Wenn ich etwas mache, dann tauche ich richtig in die Sache ein“: Hannelore Kiethe.

Hannelore Kiethe ist eine davon. Sie hat vor 20 Jahren mit einigen Mitstreitern die Münchner Tafel gegründet. Heute versorgt die wöchentlich 18 000 Bedürftige. Hier erfahren Sie mehr über die Frau, ohne die München ein Stück ärmer wäre.

München - Die Tür geht auf, mit beachtlichem Schwung übrigens, und herein eilt, oder besser, stürmt: Hannelore Kiethe. „Entschuldigen Sie, dass ich etwas zu spät bin“, sagt sie, schüttelt einem lächelnd die Hand und wirft mit einer eleganten Bewegung des Kopfes eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.

Ihr Eintritt, ach, ihr ganzer Auftritt, signalisiert Elan. Den muss man auch haben, wenn man aus einem Sieben-Mann-Unternehmen einen Verein mit 500 ehrenamtlichen Helfern und 23 Angestellten macht. Hannelore Kiethe ist das in den vergangenen 20 Jahren gelungen: als Chefin der Münchner Tafel e.V..

Ohne Hannelore Kiethe, das kann man so sagen, wäre die Stadt München im sozialen und im ehrenamtlichen Bereich ein Stück ärmer. Denn der mildtätige Verein, dem sie vorsitzt, versorgt wöchentlich an die 18 000 Bedürftige und 107 soziale Einrichtungen mit 100 000 Kilo kostenlosen Lebensmitteln.

„Ich komme nicht dazu, nichts zu tun“

Hannelore Kiethe organisiert von ihrem Büro im Handelskontor an der Großmarkthalle den reibungslosen Ablauf mit, kümmert sich um die wachsende Zahl der Sponsoren – 150 sind es momentan –, trifft sich mit den Behörden und Vertretern der Stadt und des Freistaats, motiviert ihre vielen ehrenamtlichen und festangestellten Mitarbeiter, vertritt und repräsentiert die Tafel nach außen. Seit 20 Jahren. Tag für Tag. Unermüdlich.

Zeit für Ruhepausen? Nicht wirklich. „Ich komme nicht dazu, nichts zu tun“, erklärt sie. Und klingt dabei sehr zufrieden. Wie das so ist, wenn man genau das macht, was einem am Herzen liegt.

Hannelore Kiethe ist eine Power-Frau, auch wenn zu ihr das Wort Dame besser passen würde. Das liegt an ihrer eleganten und gepflegten Erscheinung. Angenehm unaufgeregt und uneitel wirkt sie, auch wenn sie spricht. Und all die Ehre, die ihr Verein verdient und auch bekommt, würde sie nie für sich alleine beanspruchen.

Im Gegenteil. Sie wird nicht müde zu betonen, dass all das nur dank der tollen Zusammenarbeit mit ihren Mitstreitern und Mitarbeitern möglich ist. Das ist keine Floskel, denn Tatsache ist, dass die Münchner Tafel nur funktioniert, weil sich so viele Menschen freiwillig, unentgeltlich und äußerst engagiert dafür einsetzen.

Allerdings ist Hannelore Kiethe der „gute Geist“ und einer der Hauptmotoren, die, salopp ausgedrückt, den Laden am Laufen halten. Und, auch das sollte man nicht vergessen, ohne sie würde es die Tafel in dieser Form wahrscheinlich gar nicht geben.

Denn sie initiierte den Verein vor 20 Jahren mit. Gemeinsam mit Freunden hatte sie eine TV-Reportage über die Berliner Tafel gesehen, die erste Tafel überhaupt in Deutschland. Von deren Konzept – Lebensmittel, die aus dem Wirtschaftskreislauf ausgemustert, aber noch halt- beziehungsweise essbar waren, kostenlos an bedürftige Menschen abzugeben – waren Kiethe und ihre Freunde sofort begeistert.

„Verteilen statt vernichten“, diese Idee wollten die hilfsbereiten Sieben auch München näherbringen. Die Tafel war umgehend gegründet, wenn zunächst auch noch unter dem noch märchenhaften Namen „Tischlein deck dich“.

„Unsere Kinder waren aus dem Haus, wir hatten Zeit und wollten etwas Gutes tun“, erzählt die Tafel-Chefin. Dass aus der Tafel aber einmal ein Full-Time-Job werden würde, nein, das habe sie, die ihre Ausbildung im Groß- und Außenhandel gemacht hatte, damals nicht geahnt.

Aber vielleicht hätte sie es ahnen können, denn Hannelore Kiethe sagt über sich: „Wenn ich etwas mache, dann tauche ich richtig in die Sache ein.“ Das war immer so. Sie gab ihre Karriere bei Philipp Rosenthal nach „zwölf hochinteressanten Jahren“ auf, um sich ganz um ihre zwei Söhne und den Haushalt zu kümmern.

Sie weiß natürlich, dass diese Rollenverteilung – auch aus finanziellen Gründen – heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

„Ich kann Ihnen sagen, es gibt da ganz furchtbare Männer“

„Für mich war diese Umstellung aber nie ein Problem“, sagt sie. Was auch an ihrem Ehemann, einem Rechtsanwalt, liege. Sie sagt: „So einen Mann findet man nicht so schnell.“ Er habe sie niemals die finanzielle Abhängigkeit spüren lassen. „Und ich kann Ihnen sagen, es gibt da ganz furchtbare Männer.“

Weil ihr Mann aber nicht zu dieser Spezies gehört, organisiert Hannelore Kiethe, die Vielbeschäftigte, bis heute ihren Haushalt ganz alleine. Putzen, kochen, Wäsche waschen, aufräumen – dabei verdreht sie übrigens sehr charmant ihre blauen Augen – alles macht sie selbst. „Das ist mein Stolz“, sagt sie.

Der Stolz lasse nicht zu, ihren Mann die Hausarbeit machen beziehungsweise sich von ihm eine Zugehfrau bezahlen zu lassen, während sie, ohne einen Cent zu verdienen, die ganze Zeit im Namen der Tafel unterwegs ist. „Ich will, das ist für mich ganz wichtig, nicht angreifbar sein“, sagt sie. Weder privat, noch öffentlich.

Ihr einwandfreier Ruf wirkt sich schließlich auch auf den der Tafel aus. Und Kritik gibt es natürlich immer. Von außen, aber auch aus dem eigenen Bekanntenkreis, der zum Teil mit Unverständnis auf ihr aufopferndes Engagement reagier(t)e.

Im Gegensatz zu ihrer Familie übrigens. „Die findet es sehr gut, was ich mache“, sagt sie. Schiebt dann aber noch hinterher: „Wenn bei meinen Einsatz nichts rauskäme, dann würde mein Mann schon sagen: ,Jetzt aber.’“ Bisher gab es noch nie einen Grund für ihn, das zu sagen.

Aber, man merkt, sie ist groß, diese, wie sie es nennt, „innere Verantwortung“, die sie gegenüber ihrer Familie und der Tafel verspürt. Nichts darf schiefgehen, nichts soll man ihr und dem Verein nachsagen können. Sie steht nun mal einer mildtätigen Organisation vor, die auf die Öffentlichkeit und großzügige Sponsoren angewießen ist. Ein Fehler und der Ruf ist dahin. Was katastrophale Folgen für all die Bedürftigen hätte, die nur dank der Münchner Tafel über die Ernährungs-Runden kommen.

Das Soziale – das liegt wohl in ihren Genen

Als gebürtige Norddeutsche kam sie vor über 40 Jahren von Stuttgart, wo sie aufgewachsen ist, wegen ihres Mannes, der hier studierte, nach München. Sie hätte wahrscheinlich nicht im Traum daran gedacht, einmal eine so bedeutsame Rolle in der Stadt zu spielen.

Sicher, engagiert habe sie sich schon immer, weil es ihr einfach ein Bedürfnis sei, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Das liege, sagt sie, auch an ihren Genen. „Meine Eltern“, erzählt sie, „waren sehr großzügige Charaktere.“ So etwas prägt. München, diese „Prachtstadt“, deren südlländischen Flair und Offenheit sie liebt, hat ihr dann die Möglichkeit gegeben, ebenfalls großzügig zu wirken.

„München“, sagt sie sehr überzeugt, „ist die sozialste Stadt, die ich kenne, und voll mit guten Menschen.“ Wer hier nicht klarkomme, der mache irgendetwas falsch.

Hannelore Kiethe hat, zumindest von außen betrachtet, für und in dieser Stadt sehr viel richtig gemacht. Darum sagt sie auch über sich, und man glaubt es ihr aufs Wort: „Ich bin zufrieden.“ Mehr kann man sich nicht wünschen.

Nächsten Freitag lesen Sie: Die Frau, die München paust.

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