Mimi und die Meerblinzer

Die Münchner Künstlerin Mimi von Minz hat für ihre Pop-Art-Kreaturen einen seltsamen Begriff erfunden - und noch viel mehr
| Stephanie Schönberger
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Kunst von Mimi von Minz.
Joerg Koch. 3 Kunst von Mimi von Minz.
Kunst von Mimi von Minz.
Joerg Koch. 3 Kunst von Mimi von Minz.
Pop-Art – das ist ihr Metier: Mimi von Minz neben einem ihrer Werke. Die Pop-Art-Figuren mit den großen Augen hat sie „Meerbinzer“ getauft. Das Foto stammt von Joerg Koch.
Joerg Koch 3 Pop-Art – das ist ihr Metier: Mimi von Minz neben einem ihrer Werke. Die Pop-Art-Figuren mit den großen Augen hat sie „Meerbinzer“ getauft. Das Foto stammt von Joerg Koch.

München - Wahrscheinlich hält man sie manchmal schlichtweg für bekloppt. Dann zum Beispiel, wenn sie in München auf der Straße kniet und Butterbrotpapier vor sich ausbreitet, Wachsmalkreide in die Hand nimmt und anfängt, den Belag unter dem Papier durchzupausen.

Street Frottage nennt sie diese Form der Abreibetechnik. Das Bonner Beethoven-Haus hat sich unlängst für ihre Werke interessiert, ihr eine Residenz in der Villa Wasmuth angeboten, und ausgestellt wird sie 2015 dort auch.

Sie, das ist Mimi von Minz. Die 48-Jährige gehört zu der Truppe der Kreativen und Künstler, die in Zehra Spindlers neuer Zwischennutzung BieBie in Freimann Quartier beziehen.

Von Minz hat auf ihrer Lebensreise viele Straßen gesehen. Eine Stadt, sagt sie, könne man an ihren „alten Ecken“ am Bodenbelag erkennen. Für Berlin sei das sogenannte Bonbon-Pflaster typisch, München habe dagegen einen „Rechteckfetischismus“.

Leider würden immer mehr alte Straßenbelage verlorengehen. Dagegen paust sie an. Großflächig. Die Werke, in der Villa Wasmuth präsentiert, sind 1,60 Meter auf zwei Meter groß.

Der Maler Max Ernst hat die Frottage genannte Drucktechnik, bei der die Oberflächenstruktur eines Gegenstands durch Abreiben auf Papier übertragen wird, ab 1925 für die Bildende Kunst neu entdeckt. Mimi, sonst eigentlich in der Welt der Pop-Art zu Hause, hat sich davon inspirieren lassen.

Der Kopf der Münchnerin ist randvoll mit Ideen, Assoziationen, Gedanken und Worten, die drängelnd darauf warten, Ausdruck zu finden, egal in welcher Form.

„Das Wort war auf einmal da und hat gepasst.“

Ihr Künstlername, Mimi von Minz, entstand so. Wie sie darauf kam? „Och, weiß gar nicht mehr genau.“ Was natürlich nicht stimmt. Sie schnoddert dann auch: „Naja, Mimi war halt der Name meiner Großmutter. Meinen ersten Hund nannte ich immer Minz. Und eine Freundin hat mich deshalb Frau von Minz genannt.“ Ganz einfach.

Auch das Wort „Meerblinzer“, der Begriff für ihre farbenprächtigen Pop-Art-Kreaturen, die mit riesigen, manchmal auch ängstlichen Augen in die Welt blicken (und ebenfalls in der Villa Wasmuth ausgestellt werden), ist so in ihrem Kopf entstanden. Sie sagt: „Es war auf einmal da und hat gepasst.“

Sie malt die fantastischen Meerblinzer, die nur auf den ersten Anschein harmlos wirken, seit über 30 Jahren.

Mit Filzstift in Scrapbooks, mit Kugelschreiber auf Packpapier und mit Acryl auf Leinwand. Das Kriterium für ihre Straßen ist, dass sie eine historische Bedeutung habe müssen.

So wie der Odeonsplatz, auf dem Hitler liefen.

Von Minz sagt, sie konserviere mit ihrer Kunst Erinnerungen, Spuren und Abdrücke, die die Geschichte in München auf der Straße hinterlassen habe. Denn Straßen, heißt es, sind das Gedächtnis der Stadt.

Durch das Pausen, erklärt sie, komme man in Kontakt mit dem, was da einst passiert sei. „Das ist schon sehr toll“, sagt sie. Überlegt. Und sagt dann noch: „Das ist wie Zen, wie Kiesgarten harken.“

Als das Mauerkind 13 ist, wird plötzlich alles ganz anders

Am liebsten würde sie ihre Münchner Straßen auf Tour schicken. Raus in die Welt. Da wollte sie schon immer hin. Vielleicht liegt das an ihrer Geschichte, überlegt sie, an ihrer Geburtsstadt Berlin, wo sie in Charlottenburg zur Welt kam.

„Ich bin ein Mauerkind“, sagt sie. Diese Atmosphäre habe sie unglaublich beeinflusst. Die Familie ist dann nach Erlangen gezogen, der Vater hatte einen Job beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.

Bis Mimi 13 Jahre alt war, lief alles ganz normal. Doch dann sei sie von einem Tag zum anderen „unerziehbar“ geworden. Die Eltern waren ratlos. Sie selbst auch.

Es war kein Protest gegen die Eltern. „Ich glaube, es lag daran, dass mich einfach alles interessiert hat. Das ist bis heute so“, sagt Mimi von Minz. „Immer, wenn ich was gelesen oder gehört hatte, wollte ich unbedingt alles darüber wissen.“

„In München fing mein ganzes wildes Leben an.“

Dann gab es kein Halten mehr. Mimi war weg. Mit 14 kam sie das erste Mal nach München. Sie hatte von einem Punkladen gehört, dem Milbenzentrum in Milbertshofen. Da wollte sie hin, denn Mimi war Punk der ersten Stunde. Wegen Nina Hagen, die sie toll fand und mit der mal einer ihrer späteren Ex-Männer durchgebrannt war. Allerdings noch, bevor er mit Mimi zusammen war.

Sie blieb zwei Wochen. Im Café Größenwahn in der Lothringer Straße, im Robot an der Leopoldstraße, auf Punk-Konzerten. „Ich habe München geliebt. Es war grandios.“ Bis sie von der Polizei erwischt wurde. Ihr Vater holte sie dann ab. Heute sagt sie: „In München fing mein ganzes wildes Leben an.“

Denn bei den Eltern ist sie danach nie mehr lange geblieben. Auch das Gymnasium verließ sie, weil es sich nicht mit ihren Ausflügen vertrug.

Sie machte die Mittlere Reife, zog nach London, besetzte Häuser, lebte autark, heiratete jung, war mit 22 das erste Mal geschieden, kam zurück nach Nürnberg, holte auf der Fachoberschule für Gestaltung das Abi nach, hätte an der Kunstakademie Nürnberg studieren können, ging aber lieber mit ihrem Freund nach Los Angeles, weil das „1000 mal aufregender war als Nürnberg“.

Jobbte in Galerien, organisierte Konzerte, heiratete den Freund, „was ein Fehler war“, kam zurück, eröffnete einen Club und begann nebenbei Musikritiken zu schreiben.

1996 lernte sie dann ihren heutigen Ehemann, einen Fotografen, kennen, mit dem sie 2002 nach München zog – in eine Wohnung im Helene-Mayer-Ring. 70er-Jahre-Beton, wohin man blickt. Grau in grau, sehr anonym.

Mimi von Minz mag genau das. „Ich liebe Hochhäuser und Beton. Ist super“, sagt sie. Jeder sei für sich, durch die dicken Wände höre man nichts. Das sei das Einsiedlerhafte, oder, um bei der Kunst zu bleiben: „Der Gurlitt in mir.“

Mit dem Unterschied, dass sie die großartigen Pop-Art-Gemälde, die sich in ihrer großen Wohnung stapeln, auch selbst gemalt hat.

Am Milbenzentrum muss sie noch ihre Geschichte retten Sie ist immer noch gerne unterwegs, vor allem im weltweiten Netz. „Hier kann ich mich mitteilen, ohne körperlich in Erscheinung treten zu müssen“, sagt sie.

Seit sie ihre Werke auf Facebook präsentiert, ist ihr Bekanntheitsgrad enorm gestiegen. Sie hat feste Kunden in der Schweiz, und für Mai ist sie eingeladen worden, das Bad Godesberger Literaturfestival als Bildende Künstlerin zu begleiten.

Das Ex-Milbenzentrum, wo ihr wildes Leben begann, liegt übrigens nur sieben Rad-Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Klar, dort muss sie noch hin zum Pausen. Ihre eigene Geschichte retten. Butterbrotpapier ausrollen, den Wachsstift in die Hand nehmen. Irgendjemand wird Mimi von Minz bestimmt für bekloppt halten.

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