Kabarettist im Interview Priol: "CDU wird von großer Ratlosigkeit beherrscht"

Urban Priol ist fassungslos. Foto: Palm

In der fränkischen Fasnacht ist Urban Priol nie anzutreffen, bei ihm sorgt am Montagmorgen eher das Wahlergebnis aus Hamburg für närrische Stimmung. Am Aschermittwoch tritt er mit den Linken-Politikern Gregor Gysi und Janine Wissler auf einem Schiff in Passau auf.

 


AZ: Herr Priol, nach der berüchtigten Hufeneinsentheorie wäre es gleichermaßen radikal, am Aschermittwoch bei der Linken aufzutreten wie bei der AfD. Ich nehme mal an, für Sie gibt es doch einen Unterschied?

URBAN PRIOL: Es ist eine Unverschämtheit die Linkspartei und die AfD gleichzusetzen. Wir alle wissen, welche vermeintlichen Werte die AfD vertritt und in welche Stoßrichtung ihre politische Grundhaltung geht. Hier sind die geistigen Brandstifter unterwegs, die anderen den Nährboden bereiten. Ich möchte übrigens auch gar nicht wissen, wie ein Politischer Aschermittwoch bei diesen humorlosen, spaßbefreiten Gesellen aussieht. Ich denke aber, dass die dreiste Gleichsetzung von Links und Ultrarechts irgendwann mal aufhört und dieses Hufeisen genommen und in die Ecke geschleudert wird.

Priol: "Kann die Debatte nach 30 Jahren Mauerfall schwer ertragen"

Was muss die Linke tun, um im Westen als eine ganz normale demokratische Partei angesehen zu werden?

Vielleicht müssten ja die Leute im Westen mal schauen, was die Linke eigentlich macht. Ich kann die Debatte darüber nach 30 Jahren Mauerfall schwer ertragen. 1975, 30 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, hat niemand mehr darüber diskutiert, woraus die CDU entstanden ist, nämlich aus dem Zentrum, das damals Steigbügelhalter für die Nazis gewesen war. Und wir wissen alle, welche politische Vergangenheit so mancher in der FDP damals hatte. Wenn ich mal schaue, wer hier im Westen die Linke repräsentiert, dann haben die doch rein gar nichts mit der SED-Vergangenheit zu tun. Bei mir ums Eck in Hessen ist Janine Wissler die Fraktionsvorsitzende, die war beim Mauerfall neun Jahre alt. Die Linke stellt Fragen, die unbequem sind, sie weist auf Missverhältnisse hin und darauf, dass es bei der tollen Globalisierung nicht nur Gewinner gibt. Ich finde, das ist sehr wichtig in einer Gesellschaft, die gerade gar nicht so genau weiß, wo sie hindriftet.

Macht man sich als Künstler eigentlich angreifbar, wenn man bei einer Veranstaltung der Linken auftritt?

Ich bin ja auch bei den Grünen und bei der SPD schon aufgetreten. Ich trete bei allen demokratischen Parteien auf, würde dies auch bei der CSU tun, aber die haben mich nie gefragt. Ich bin aber nicht Mitglied einer Partei und daher politisch unabhängig.

Ein "Stern"-Kommentator nannte letzte Woche die Thüringer CDU einen "erbärmlichen Haufen Ichlinge". Ist das für Sie eher Schmähkritik oder präzise, politische Analyse?

Das Wort erbärmlich mit der CDU in Verbindung zu bringen, ist momentan treffend. Das Wort Ichlinge mag ich hingegen nicht. Die CDU-Parlamentarier wissen halt, dass sie bei Neuwahlen ihren Platz verlieren würden und klammern sich an den Trog. Ich würde sie eher als einen Haufen egoistischer, krampfhafter Pfründebewahrer bezeichnen. Die Grundhaltung der CDU in Thüringen ist schon erbärmlich, aber die Bundes-CDU ist gerade nicht besser.

"CDU wird von großer Ratlosigkeit beherrscht"

Nachdem die Halbwertszeit von AKK schneller erloschen ist als erwartet und die Kanzlerinnendämmerung beginnt, wächst das Selbstvertrauen von vier Männern aus Nordrheinwestfalen. Haben Sie einen Favoriten?

Ich habe am Sonntag den Hoffnungsträger Norbert Röttgen bei Anne Will gesehen und selten erlebt, wie sich ein CDU-Politiker so blamiert. Ich glaube, die CDU wird gerade von einer großen Ratlosigkeit beherrscht, die von dem Selbstverständnis, dass ihr doch das Land gehört und sie so eine Art FC Bayern ist, sehr weit entfernt ist. Ich habe unter den vier im Augenblich gehandelten Männern der CDU keinen Favoriten, die sind gleich schlecht. Vielleicht hofft die CDU, dass vier mal Minus Plus ergibt.

Wieso überhaupt einen Kanzler? Es gibt doch konservative Frauen wie beispielsweise Frau Klöckner?

Wenn man mal nüchtern betrachtet was seit 2000 passiert ist: Da wurde Angela Merkel Parteivorsitzende und fünf Jahre später Kanzlerin – mit dem bekannten Ergebnis. Sie hat Frau Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin eingesetzt – mit dem bekannten Ergebnis. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist auch von der CDU. Was sollte also durch eine Bauernministerin wie Julia Klöckner besser werden, außer natürlich, dass vielleicht Nestlé ein eigenes Büro in der Parteizentrale bekäme? Ich wüsste nicht, wodurch Frau Klöckner positiv aufgefallen wäre außer als Schutzheilige der Agrarindustrie, gewissermaßen als Santa Glyphosatia.

Wenn kein Wunder mehr geschieht, läuft es also auf Söder als nächsten Kanzler hinaus?

Er lässt die vier Karnevalisten aus Nordrhein-Westfalen schön miteinander streiten und wird sich entgegen aller Bekundungen - "mein Platz ist in Bayern" - bitten lassen. Man muss ihn und seinen Testosteronspiegel nur lange genug bauchpinseln, dann wird er irgendwann sagen: "Na gut, dann opfere ich mich halt."

Merkel "hat von Anfang an nicht gefehlt"

Sie haben Angela Merkel jahrelang parodiert, wird sie Ihnen fehlen?

Nein, sie hat mir von Anfang an nicht gefehlt und 16 Jahre später hat sich dieses Gefühl nicht geändert.

Hans-Georg Maaßen hat nach dem Anschlag in Hanau so wirres Zeug gegen Links getwittert, dass er seinen Tweet bald wieder löschen musste. Der Mann war sechs Jahre lang Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Hat er nicht genug im Kampf gegen Rechts getan?

Nein, man muss – so glaube ich - feststellen, dass Hans-Georg Maaßen als oberster Verfassungsschützer in den sechs Jahren nur eines im Sinn hatte: Pegida, AfD und die Identitären vor unserer Verfassung zu schützen. Ich würde aber davon ausgehen, dass Hans-Georg Maaßen ein verwirrter Einzeltäter war.

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Urban Priol präsentiert sein neues Programm „Im Fluss“ vom
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