Helmut Schleich im AZ-Interview "München war immer eine Hure"

Ist ab 1. Mai mit einem neuen Soloprogramm unterwegs und zu Gast bei der AZ-Geburtstagsgala im Deutschen Theater: Kabarettist und Münchner Kindl Helmut Schleich. Foto: Martina Bogdahn/AZ

Kabarettist Helmut Schleich feiert 70. Geburtstag mit der AZ. Im Interview spricht er über seine Hassliebe zu München – und welchen Rat Franz Josef Strauß für Oberbürgermeister Dieter Reiter hätte

Bereits 1983 gründete Helmut Schleich zusammen mit Christian Springer und Andreas Rüttenauer das Kabarett "Fernrohr". Seit 1998 tritt der Kabarettist als Solokünstler auf und erhielt gleich für sein erstes Bühnenprogramm den 1. Preis beim Paulaner Solo+. Mittlerweile ist er bundesweit bekannt – für sein messerscharfes Politkabarett ebenso wie für sein "SchleichFernsehen" sowie seine einzigartigen und unnachahmlichen Parodien wie etwa von Franz Josef Strauß. Auf diesen ausgezeichneten Künstler dürfen sich auch die Zuschauer der AZ-Gala am 8. Februar freuen!

AZ: Lieber Herr Schleich, auf der Geburtstagsgala der Abendzeitung am 8. Februar wird auch die Schickeria thematisch aufgegriffen. Sie als Jahrgang 1967 haben die Bussi-Bussi-Gesellschaft der 80er in ihrer vollen Blüte erlebt. Gibt’s sowas wie die Schickeria heute noch?
HELMUT SCHLEICH: Ich sag immer so: Früher war die Schickeria auf einzelne Orte begrenzt, heute sind die Arschlöcher flächendeckend über die ganze Stadt verteilt. Eigentlich bin ich ja ein München-Hasser. Für mich ist die Stadt vornehmlich eine Kulisse für DAX-Konzerne. Die Stadt hat ihr Herz, ihr Flair, ihre Seele ans Geld verkauft, so sie je Herz hatte. München war immer eine Hure – obwohl ich an dieser Stelle jetzt nicht schlecht über Huren reden möchte.

Die Frage, ob Sie in München wohnen, hat sich dann wohl erledigt.
Freilich wohne ich in München. Ich bin in München aufgewachsen, deswegen kann ich ja auch darüber reden, wie ich die Entwicklung dieser Stadt sehe. Ich bin in Schwabing groß geworden und wohne noch heute da. Gerade in dem Eck, wo ich wohne, gibt’s auch noch sehr nette Leut’ – wie in anderen Ecken der Stadt auch. Aber insgesamt laufen krasse Verdrängungsprozesse ab und man ist nicht in der Lage, mit Verkehrsproblemen umzugehen. Die Verkehrspolitik wird nach wie vor vom Auto bestimmt.

…oder vom Klischee der Schwabinger Mutter auf dem Kastenwagen.
(lacht) Ja, die sind natürlich auch nicht zu vernachlässigen. Und man muss auch wirklich sagen: Mit immer bizarreren Fahrzeugen sind die unterwegs. Am Anfang war’s noch ein normales Fahrrad. Dann kam vorne so ein Kasten hin. Jetzt gibt’s aber schon so zweieinhalb Meter lange, Sarg-artige Vorbauten, in denen die Kinder hintereinander drinsitzen. Demnächst sind diese Räder so groß wie ein Kleinwagen und werden von Müttern wackelig über Fahrradstraßen gelenkt. Auch so ein Thema: Fahrradstraßen. Zum Beispiel die Clemensstraße. Es ist der Stadt München nicht gelungen, diese ausreichend klar als eine solche zu gestalten. Da erlebe ich jeden Tag Auseinandersetzungen, wo Autofahrer meinen, sie hätten Vorrechte. Für Kinder ist das teilweise lebensgefährlich, weil sie denken, sie haben auf der Fahrradstraße Vorfahrt, bis der nächste Kasperl mit seinem SUV um die Ecke brennt und denkt, er befindet sich auf seiner Privatstraße.

Finden wir dann gar keinen Aspekt, den Helmut Schleich an München schätzt?
Doch, natürlich! Ich möchte hier auch gar nicht nur auf die Stadt einschlagen. Was ich zum Beispiel sehr an München schätze, sind die Bäder. Es gibt keine Großstadt in Deutschland, die für diese Preise so tolle Bäder anbietet. Das ist großartig, das ist sozial und das muss man sehr wohl auch schätzen. Dann gibt’s noch die von mir sehr geliebte Augustiner-Brauerei. Ich finde nur, das gehört auch zu der Auseinandersetzung mit der eigenen Stadt dazu, dass sie mal Kante kriegt. Das passiert in München nämlich viel zu wenig. Die Stadt wird immer noch zu sehr verklärt. Da legt man lieber das Mäntelchen des Konsenses aus und sagt: Naja, des werd scho. Mia können’s uns zwar nicht mehr leisten und werden raussaniert – aber: basst scho!

"Jetzt waren wir aber schon a bissl bös’ zu München"

Hat ein München-Kritiker wie Sie trotzdem einen Lieblingsort in der Stadt?
Ja, schon – aber den verrate ich nicht, sonst wird er bekannt (lacht). Obwohl: Weil ich zu den Hundebesitzern dieser Stadt gehöre, ist es unter anderem die Hirschau. Deswegen bin ich auch ein Gegner der Wiedervereinigung des Englischen Gartens. Der Mittlere Ring ist das Einzige, was die Hirschau noch vom Englischen Garten abtrennt. Dort kann man noch seine Ruhe haben. Die Isar hinauf bis Unterföhring – das ist ein herrlicher Fleck. Ein Ort, den die Schickeria gottseidank noch nicht für sich entdeckt hat.

Gibt’s ein Klischee über München, das Sie gerne aus der Welt schaffen würden?
Weltstadt mit Herz! Das kommt aus der Olympiazeit in München. In Wirklichkeit herrscht ein extrem aggressives und rücksichtsloses Klima in München. Der Spruch ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Applaus für ankommende Flüchtlinge in München ist schön und auch richtig, aber im Grunde eine hilflose Geste. (Pause) Jetzt waren wir aber schon a bissl bös’ zu München, aber das muss sein.


Eine seiner besten Figuren: Helmut Schleich als CSU-Übervater Franz Josef Strauß. Foto: ho

Vom Münchner und Stadtkritiker Helmut Schleich zu dem Kabarettisten, der Sie ja hauptberuflich sind. Bis Juli 2017 waren Sie mit dem Soloprogramm "Ehrlich“ unterwegs, seitdem machen Sie eine kleine Bühnenpause. Wann geht’s wieder los?
Zu meinem 50. Geburtstag letztes Jahr habe ich mir eine kleine Auszeit, zwar nicht vom Fernsehen, aber von der Bühne gegönnt – mit kleinen Ausnahmen wie zum Beispiel der AZ-Gala. Die Pause endet am 1. Mai mit meinem neuen Programm.

Darf man schon erfahren, wie es heißt?
Das ist zwar nicht geheim, aber ich bin gerade mitten in der Titelfindungsphase. Ich habe hier vor mir auf dem Schreibtisch etwa 20 Titel stehen und einer davon wird’s wohl werden. Auf jeden Fall geht es in dem Programm sehr viel um politische Fragen, Demokratie, Europa – was ist Identität und Heimat?

So schreibt man MÜNCHEN – seit 70 Jahren: Abendzeitung!

Schaut man sich das Koalitions-Kasperltheater in Berlin an, kann man sich fragen, ob die Politik das Kabarett nicht schon überholt hat. Ist es für Kabarettisten heutzutage schwieriger, genügend Stoff zu finden?
Was da in Berlin passiert, ist eine gewaltige Selbstverzwergung der Demokratie insgesamt. Es ist doch eine Farce, zu sagen, wir machen Sondierungsgespräche, wenn man bereits vier Jahre miteinander regiert hat. Es tut mir leid, aber ich muss das wirklich so sagen: Das, was die SPD aufgeführt hat, ist erbärmlich. Da braucht man sich nicht wundern, wenn eine Partei wie die AfD, die inhaltlich nichts zu bieten hat, so einen Zulauf hat. Kabarett findet auch immer seine Stoffe, wo Haltung und Querdenken gefragt ist – und davon ist genug da!

Ihr Spektrum an kabarettistischen Parodien reicht von Franz Josef Strauß, Sigmund Gottlieb, dem Kini bis hin zu Uli Hoeneß. Welche der Figuren reizt Sie am meisten?
Auf Franz Josef Strauß werde ich natürlich nach wie vor festgenagelt. Mir persönlich kommt es ganz darauf an, welches Thema man parodistisch behandeln will. Jede Figur hat ihre Geschmeidigkeiten und ihre Kanten. Als Beispiel die Figur des doch schon etwas älteren aber geistig noch immer aktiven Kardinals Ratzinger. Die ist unglaublich dankbar, wenn es darum geht, aus einer von der Welt entrückten Sicht die Realität zu beleuchten. Jemand wie der Strauß ist mit seiner unbändigen Polemik natürlich auch eine tolle Figur, die mir Spaß macht. Dennoch sind da auch Figuren, die man einmal parodiert und dann lässt man’s wieder, weil sie einfach nicht interessant sind. Martin Schulz wäre hier ein Beispiel. Da reißt man sich nicht drum, da fehlt’s einfach an Substanz (lacht).

Sie nehmen also ein Thema her und überlegen sich dann, mit welcher Figur Sie es am besten umsetzen?
Genau so kann man sich das vorstellen. Deswegen ist zum Beispiel der König Ludwig II. so eine spannende Figur, weil der nur eine optische Vorlage liefert. Bis auf ein paar Aufzeichnungen weiß ja keiner mehr, wie der geredet oder sich bewegt hat. Da ist also sehr viel Gestaltungsspielraum drin. Im Grunde wäre der auch heute noch grundfrustriert über das, was in Bayern und in München passiert.

"Der echte Strauß wäre begeistert vom Zustand Münchens“

Ludwig II. hat ja München auch nie ausstehen können. Der hat es den Münchnern nie verziehen, dass sie seinen Schöngeist nicht mitgetragen haben und beispielsweise das Festspielhaus für Richard Wagner abgelehnt haben.

Was würde jemand wie Franz Josef Strauß dem Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, der auch zu den Gästen der AZ-Gala gehört, mit auf den Weg geben?
Gar nix! (lacht) Der echte Strauß wäre begeistert vom derzeitigen Zustand Münchens. Die Strauß’sche Politik und die von Epigonen wie Erich Kiesl und weiteren Marionetten hat ja genau dazu geführt, dass sich München und der darum liegende südbayerische Raum, der zusätzlichen Druck auf München ausübt, so entwickelt, wie er sich gerade entwickelt. Da würde der Strauß sagen: Genau so wie’s läuft, ist es gut! Mehr Feuer unterm Kessel, damit mehr Dampf entsteht. Also der hätte keine Tipps für Dieter Reiter außer: Weiter so! Aber nichtsdestotrotz finde ich, dass Dieter Reiter seine Sache gut macht. Das wäre ein weiterer positiver Aspekt an München: der Oberbürgermeister.

Ist ein CSUler in Sicht, der ähnlich polarisiert wie Franz Josef Strauß?
Der ist nicht nur in Sicht, sondern schon da, nämlich der Söder. Dass der ähnlich polarisiert wie Strauß, steht außer Frage – in der heutigen Zeit wohlgemerkt. Heute ist alles auch medial weichgespült. Einer der so ruppig und brutal formuliert wie der Strauß, der hätte heutzutage vermutlich Schiss, dass er in den Medien untergeht. Aber letztendlich geht’s in der Politik darum, zu gestalten und nicht bloß zu verwalten. Ob der Söder da wirklich was drauf hat, das weiß ich nicht. 


Karten für die AZ-Gala und Helmut Schleich gibt’s unter: shop.az-muenchen.de

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