AZ-Interview mit Erik Meijer Kovac-Kenner: Der Bayern-Coach hat vor jedem Spiel ein Ritual

Spielten einst gemeinsam für Bayer Leverkusen: Erik Meijer (li.) und Bayern-Coach Niko Kovac. Foto: AZ/imago/Revierfoto/firo/Augenklick

Sky-Experte Erik Meijer spricht in der AZ über Bayern-Angreifer Robert Lewandowski, das deutsche Sturmproblem, Bayer Leverkusen und eine Gewohnheit seines Ex-Mitspielers Niko Kovac: "Wir haben ihn dafür respektiert."

München - Seine Taktik-Analysen bei Sky begeistern nicht selten die Fußball-Fans landauf landab.

Erik Meijer ist ein Typ mit direkter Art und Sprache. Einst spielte er zusammen mit Bayern-Trainer Niko Kovac bei Bayer Leverkusen. Vor dem Gastspiel der Rheinländer in München am Samstag (15.30 Uhr, im AZ-Liveticker) sprach der TV-Experte mit der AZ über den neuen Coach des Rekordmeisters und mögliche Konkurrenz aus der Bundesliga.

Und er erklärte, warum Robert Lewandowski seiner Meinung nach ein Exponat der Superklasse ist.

AZ: Herr Meijer, Ihr Ex-Klub Bayer Leverkusen hat den Saisonstart verpatzt, beide Bundesliga-Spiele verloren. Und jetzt geht‘s am Samstag (15.30 Uhr/Sky und im AZ-Liveticker) zu den Bayern…
ERIK MEIJER: Leicht wird das nicht für Leverkusen. Eigentlich musst du das Spiel gewinnen nach den zwei Auftakt-Niederlagen. Aber du triffst auf den stärksten Gegner, der wahrscheinlich wieder Meister werden wird. Ich hoffe, dass mein Ex-Klub etwas mitnimmt aus München und tippe 2:2.

Julian Brandt: Parallelen zu David Alaba vom FC Bayern

Warum läuft es denn noch nicht bei Bayer?
Man dachte wohl, dass sich durch die Verstärkungen sofort der Erfolg einstellen wird. Aber die neuen Spieler müssen sich erst an den Trainer, das System und auch die Bundesliga gewöhnen. Das Spiel hier ist körperbetonter als in vielen anderen Ligen. Offensiv hat Leverkusen auf jeden Fall die Qualität, um den FC Bayern zu ärgern. Leon Bailey muss langsam sein Tempo und seine Dribbelstärke wiederfinden, und Julian Brandt muss auf das Niveau der vergangenen Saison kommen.

Brandt hat in der deutschen Nationalmannschaft gegen Peru ein Tor erzielt und durchaus überzeugt.
Ich sehe bei ihm Parallelen zu David Alaba nach der EM 2016. Da hatte der Österreicher anschließend auch Probleme, bei Bayern wieder reinzukommen. Brandt hatte jetzt im Sommer zum ersten Mal keine Sommerpause, er war bei der WM dabei, das macht einen riesigen Unterschied.

Ist Leverkusen abhängig von Brandt?
Er ist jemand, der schon in jungem Alter Spiele entscheidet. Er kann Leute mitziehen, leitet viele Angriffe ein. Julian ist ein fester Bestandteil bei Leverkusen und in der Nationalmannschaft – und er wird irgendwann bestimmt auch ein Kandidat beim FC Bayern, wenn Arjen Robben und Franck Ribéry aufhören.

Kingsley Coman gibt den Bayern den Extra-Push

Die Bayern führen die Bundesliga schon wieder an, sie scheinen in dieser Saison aber vor allem auf den Champions-League-Titel zu schielen. Ist das realistisch?
Bayern kann die Champions League gewinnen in dieser Saison. Der Kader ist überragend besetzt, über Jahre zusammengewachsen. Ribéry und Robben spielen immer noch auf Topniveau, das Alter ist nicht entscheidend. Wichtig wird sein, dass Kingsley Coman wieder fit wird. Er gibt Bayern mit seinem Tempo den Extra-Push.

Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr früherer Teamkollege Niko Kovac so einen guten Start hinlegt?
Ich habe mit Niko in Hamburg und Leverkusen zusammengespielt, kenne ihn sehr gut. In Leverkusen hatten wir damals eine Karten-Runde, wir haben Ramsch zusammen gespielt, Niko und Robert Kovac waren auch dabei. Ich bin nicht überrascht, dass er bei Bayern gut ankommt. Er braucht in den kommenden Monaten auch Glück in den wichtigen Spielen, das wünsche ich ihm.

Hat Kovac denn schon als Spieler wie ein Trainer gedacht?
Das kann man so sagen. Als Spieler war Niko sehr intelligent. Er hat die anderen abgesichert, wenn sie nach vorne gestürmt sind. Er war nicht superschnell, aber er hatte eine gute Übersicht, ein Gefühl für die Situationen und ein gutes Passspiel.

Ein Kumpeltyp sei Kovac nicht, sagt David Alaba: "Er weiß genau, was er will."
Niko ist ein sehr direkter Typ, strukturiert. Das war schon früher in Leverkusen so. Wenn wir am Tag vor dem Spiel im Hotel waren und mit dem Essen beginnen wollten, hat Niko gesagt: „Ich bete immer vor dem Essen.“ Also haben wir auf ihn gewartet. Drei Jahre ging das so. Ich finde es fantastisch, dass er eine so klare Linie hatte und noch immer hat. Wir haben ihn dafür respektiert. Niko ist sehr diszipliniert. Das steckt in einem Menschen einfach drin.

Sandro Wagner war eine gute Alternative

Im deutschen Fußball wird gerade nach einem Mittelstürmer gesucht. Haben Sie als früherer Top-Angreifer einen Tipp?
Dass Mario Gomez nach der WM 2014 wieder ins Nationalteam zurückgekehrt ist, hat schon gezeigt, dass aus dem Nachwuchs wenig nachkommt. Sandro Wagner war bis zu seinem Rücktritt eine gute Alternative. Timo Werner ist kein klassischer Neuner, er braucht Platz und Bewegung um sich herum. Bei Marco Reus ist es genauso. Deutschland hat bei der WM dominant gespielt, aber es hat der Box-Spieler gefehlt, der die Bälle reinmacht. Ich sehe im Moment keinen Stürmer in der Bundesliga, der dieses Problem lösen könnte.

Welche Option hat Bundestrainer Joachim Löw dann überhaupt?
Löw muss sein System ändern. Weg vom Handball um den Strafraum herum und mehr spielen lassen wie RB Leipzig, vertikaler. Dafür müssen Spieler wie Werner, Reus, Brandt oder Julian Draxler dann aber auch in die Tiefe laufen und nicht immer nur in die Breite.

Der von Ihnen angesprochene Sandro Wagner hat bei Löw wohl keine Chance mehr.
Das ist schade. Ich mag Wagner und hätte ihn auch eher mit zur WM genommen als Gomez. Leider kann Robert Lewandowski nicht für Deutschland spielen, er wäre die Ideallösung. Lewandowski ist das Totalpaket eines Stürmers, das Exponat von Superklasse. Lewy kann alles, er schießt viele Tore und hat eigentlich keinen Schwachpunkt.

Sechs Tore in vier Pflichtspielen deuten darauf hin, dass seine Wechselgedanken verschwunden sind.
Ich finde es gut, dass er jetzt wieder voll fokussiert bei Bayern auftritt. Im Sommer hat er mal laut gebrüllt und an Real Madrid gedacht. Ich kann das verstehen: Er hat überlegt, nochmal einen Sprung zu machen zu einem Klub, der die Champions League ein bisschen öfter gewinnt als Bayern. Und ich denke, wenn Karim Benzema keine gute Saison bei Real spielt, wird nächsten Sommer wieder das Telefon in München klingeln...

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