Champions-League-Sieg FC Bayern: "Endlich! Endlich wurden wir belohnt"

Champions zum Niederknien. Foto: dpa

Vereinsboss Rummenigge gibt „Feuer frei“, und die Stars feiern mit einer riesigen Party den Sieg von Wembley.

 

London - Guter Schachzug, diese Feier dahoam - und das in London. Während VIPs, Sponsoren, Freunde und Bekannte der Bayern-Partygemeinde im Ballroom des Marriott-Hotel „Grosvenor House" bis zur Morgensonne tranken, sangen und tanzten, seilten sich die meisten Spieler ab circa 2 Uhr morgens ab. Die Champions-League-Helden stürmten nicht etwa einen der Londoner In-Clubs, sondern zurück ins Mannschaftshotel „The Landmark".

Um sich aufs Ohr zu hauen? Von wegen. Auf den Putz! In einem extra gemieteten Raum sorgte ein DJ aus München für Stimmung, die Profis machten nun richtig Party. Gut, dass der Rückflug von London-Gatwick am Sonntag erst auf 14 Uhr Ortszeit terminiert war.

Ein wenig Schlaf war doch drin, um dann nach kurzer Nacht zum ersten Mal als Champions-League-Sieger aufzuwachen. Der Pott ist wieder ein Bayer, zum fünften Mal in der Klubhistorie. 1974, 1975, 1976, 2001 - sowie jetzt und hier.

„Football's coming hoam", steht weiß auf rot auf den Feier-Shirts, die vorbereitet worden waren. Und Bastian Schweinsteiger, der im Laufe der Nacht die innigste Beziehung zum silbernen Pott aufbaute, sprach das Motto getragen, aber spitzfindig aus: „Letztes Jahr hat eine Londoner Mannschaft den Pokal in München gewonnen - und jetzt haben wir ihn in London zurückgeholt." Servus, gutes, altes Ding!

Mit dem 2:1 gegen Borussia Dortmund konnte das Worst-Case-Szenario, eine Pleite ausgerechnet gegen den BVB, vermieden werden. Eine fabelhafte Saison wäre von einer Katastrophe weggewischt worden. „Nach dem 1:1-Ausgleich ist mir der Arsch auf Grundeis gegangen. Man weiß ja, wie es letztes Jahr gelaufen ist", meinte Torhüter Manuel Neuer und spielte auf die Schockergedanken an Drogba, diese Ecke, den Ausgleich, ach dieses Chelsea an. Forget it!

Denn nun steht das Best-Case-Szenario kurz bevor. Mit einem Sieg am Samstag im Berliner Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart könnte man die beste Saison aller Zeiten festzurren: zum Triple.

Die Abteilung Feierattacke bildete, zumindest verbal, Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, der ungewöhnlich direkt zum hemmungslosen Besäufnis aufrief: „Wir haben in sechs Tagen noch ein Finale, aber mit 1,8 Promille, denke ich, haben wir trotzdem noch eine Chance!" Jubel brandete auf im Festsaal unter den 1500 geladenen Gästen, die 400 Euro für eine Party-Ticket bezahlten. „Trinkt viel und macht die Nacht zum Tage", rief Rummenigge ins Mikrofon, „die Kanonen werden heute freigegeben. Feuer frei!"

Den ersten Schlag hatte es rund zwei Stunden zuvor mit dem Schlusspfiff gegeben. Als erster Umarmer kam Auswechselspieler zu Jupp Heynckes: „Xherdan Shaqiri hat mir dabei richtig eine mitgegeben", erzählte Heynckes, „direkt auf die Wange. Ist aber nicht so schlimm." Ein frühes Andenken an eine Nacht, in der die Bayern die Erlösung all ihrer Sehnsüchte feierten. 2010 verlor man gegen Inter Mailand, weil man noch zu grün war. 2012 verdaddelte man das „Finale dahoam" gegen den FC Chelsea. Im dritten Versuch ging's gut. Der erste Gedanke nach Abpfiff war, so Kapitän Lahm: „Endlich! Endlich wurden wir belohnt."

So war die Freude mehr ein Ausdruck der Erleichterung darüber, nicht schon wieder verloren zu haben. Was Ehrenpräsident Franz Beckenbauer so ausdrückte: „Die Bayern haben es einfach verdient. Es wäre ein Tragödie, wenn es nicht so ausgegangen wäre."

Zögerlich begannen die Spieler über den Rasen zu hüpfen und zu hopsen, das Siegtor von Arjen Robben plus massiver Adrenalinausschüttung war auch erst wenige Minuten her. Als wäre das alles irreal.

Nur langsam kam die Rasen-Party in Schwung, Robben animierte die Fans auf der Werbebande stehend, Bastian Schweinsteiger ruderte aufwiegelnd mit den Armen. Mehr! Mehr!

Der Pott wanderte von Fototermin zu Fototermin, da wurde selbst der erfahrenste Profi zum kleinen Kind. Am Ende schnitten Jubelfotorekordhalter Tymoshchuk und Kollegen noch das Tornetz vor der Bayern-Kurve in Stücke. Die Engländer waren froh, dass zumindest ihr Rasen heil blieb. In der Kabine angekommen, gab es Champagner und Bier, endlich „nicht immer nur Wasser“, wie Rummenigge betonte. Dante tänzelte mit einem Transistor-Radio auf der Schulter zum Bus, „die Brasilianer wissen halt, wie man feiert“, meinte Arjen Robben. Doch am Samstag waren alle Bayern Brasilianer.

Allen voran Schweinsteiger, der Party-Pirat, mit einem Tuch als Kopfschmuck. Eine riesige Bühne mit fünf Leinwänden hatte man im „Marriott Hotel" unweit des Hyde Parks aufbauen lassen, Fotos der Wembley-Helden von der gerade erst beendeten Siegerehrung samt Spielszenen sorgten für Gänsehaut. Der Pott wurde durch die Menge gereicht wie ein heiliges Relikt. Vorsichtig anfassen, bitte! Und nicht zu lange, jeder wollte doch mal anfassen, küssen, Fotos machen. Die Bühne wurde von einer Bläser-Combo und später einer Party-Band gestürmt, mittendrin die Spieler und selbst Jupp Heynckes, der sich, das Sakko abgelegt, den Druck von der Seele tanzte. „Wir haben es allen gezeigt“, sagte Neuer, und Sportvorstand Sammer meinte: „Jetzt hören endlich diese Diskussionen auf.“

Und so swingte sich die Pottverehrer-Gemeinde durch die Nacht, zwischendurch wurde Räucherlachs an Wachtelei, gebratene Artischocken mit Steinpilzmousse und Angus-Filet mit Austernpilzen serviert. Partygäste waren unter anderem Thomas Gottschalk, Boris Becker, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, Ex-Landesvater Edmund Stoiber und Felix Neureuther. Der Ski-Star und langjähriger Kumpel von Bastian Schweinsteiger trug ein Bayern-Trikot. Darauf hatte ihm einer „Der Playboy von Garmisch" mit einem schwarzen Edding draufgekritzelt. Nach 4 Uhr tanzte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, auch Frau Rummenigge war on stage.

„Pep Guardiola wird heiße Spieler vorfinden und beste Bedingungen", wagte Ex-Kapitän Oliver Kahn einen Ausblick, „er wird neue Ziele formulieren – in den 70ern hat Bayern schließlich auch dreimal hintereinander den Pott geholt!“ Wie sollen denn die Bayern in den nächsten Jahren überhaupt aus dem Feiern rauskommen? Kapitän Philipp Lahm gab den Takt vor: „Nächste Woche holen wir dann das Triple. Und von mir aus kann’s dann so weitergehen!“ Goldene Zeiten.

 

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