Grünen-Politikerin im AZ-Interview Claudia Roth: "Ich bin verwandt mit Uli Hoeneß"

Claudia Roth spricht in der AZ über das Bayrische Derby. Foto: dpa/imago/AZ

Claudia Roth spricht mit der AZ über das Duell ihres FCA gegen den FC Bayern, ihre Verwandtschaft zu Hoeneß und Schulz’ Stürmer-Qualitäten.

 

München - Die 61-jährige Grünen-Politikerin ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Fan des FC Augsburg. Ihr Wahlkreis ist Augsburg-Stadt.

AZ: Frau Roth, wir würden gerne über die schönste Nebensache der Welt mit Ihnen reden. Das ist Fußball doch für Sie, oder?
CLAUDIA ROTH: Er gehört auf jeden Fall dazu, von Kindheit an. Ich hatte einen extrem sportbegeisterten Vater. Fußball hat für mich viel mit Lebensfreude zu tun, auch wenn man oft sehr leiden muss. Ich bin seit jeher mit dem Schicksal von gleich mehreren Vereinen eng verbunden.

Mit welchen?
Ich bin in Ulm geboren. Ein traditioneller Verein, der es leider immer wieder geschafft hat, ins sportliche Nirvana abzustürzen. Als Grüne bin ich natürlich immer auch auf der Seite der Underdogs oder derjenigen, für die es gerade nicht so gut läuft– und ich mag gesellschaftspolitisch aktive Vereine wie St. Pauli. Dort besitze ich ein Stück des Rasens, den der Verein mal verkauft hat, als es ihm finanziell ganz schlecht ging. Und seit über zehn Jahren bin ich natürlich Mitglied beim FC Augsburg. Ich fiebere, leide und hoffe mit der Mannschaft, dass sie dieses Jahr den Klassenerhalt packt. Und vielleicht geht ja auch noch etwas nach oben.

Am Samstag tritt der FCA in München beim FC Bayern an.
Es sollte kein Aprilscherz sein, wenn Augsburg da in München gewinnt. Es ist ja nicht so, als hätte Augsburg immer verloren. Der FCA hat schon zwei Mal gewonnen. Beim letzten Mal im Mai 2015 war ich sogar im Stadion. Ich kann Uli Hoeneß deshalb nur beipflichten, wenn er sagt: Die Meisterschaft ist entschieden. Und wer weiß, vielleicht gelingt es uns ja ein zweites Mal nach 2015, die Punkte aus München mitzunehmen.

Der Abstiegskampf ist hingegen noch völlig offen.
Wenn ich mir die Tabelle anschaue, mache ich mir schon ein wenig Sorgen. Was sich da alles rund um den FCA mit 29 Punkten tummelt: Wolfsburg, Bremen, Mainz. Und Hamburg auf dem Relegationsplatz ist nur zwei Zähler dahinter. Da ist richtig Spannung drin.

Schauen Sie das Spiel gemeinsam mit den Kollegen des FC-Bayern-Bundestagsfanklubs an?
Nein. Aber wenn es ganz schlimm beim FCA läuft, schickt mir Florian Hahn, der Vorsitzende des Fanklubs und CSU-Kollege, mitleidsvolle SMS oder gratuliert mal, wenn es gut läuft. Umgekehrt ist das auch so, aber viel Mitleid mit Bayern muss ich ja nicht bekunden. Es wird jedenfalls höchste Zeit für einen FC-Augsburg-Bundestagsfanklub. Das machen wir, wenn der Klassenerhalt geschafft ist.

Die CSU-Politikerin Dorothee Bär erschien mal im Bayern-Trikot im Bundestag. Was sagen Sie als Vizepräsidentin des Bundestags: Ist Trikottragen für Abgeordnete okay?
Das war ja auf der Regierungsbank. Ich bin nicht so streng wie andere Präsidiums-Kollegen, aber regelkonform war es natürlich nicht. Und wenn ich das als Augsburg-Fan sagen darf: Es war auch ein bisserl arg eingebildet. (lacht) Der Haupteinwand war aber, dass die Werbung des Hauptsponsors auf dem Trikot zu sehen war. Dabei geht es auch subtiler: Ich trage bisweilen einfach mal rot-grün, die politisch korrekten Farben des FCA.

Und was denkt die Vizepräsidentin über die Rückkehr von Uli Hoeneß als Präsident des FC Bayern nach seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung?
Er hat Mist gebaut und eine Straftat begangen. Dafür ist er verurteilt worden und hat die Strafe abgesessen. Aber der Strafvollzug bei uns ist ja zum Glück nicht auf Rache ausgelegt. Darum ist es auch richtig, wieder zurückkehren zu können. Die Mitglieder seines Vereins haben ihn demokratisch gewählt, dann ist das auch gut so.

Wäre eine ähnliche Rückkehr auch auf politischer Ebene möglich?
Wenn jemand die Konsequenzen nach einem Fehlverhalten abgegolten hat, liegt es an der Partei, zu entscheiden, ob man wieder in eine parteipolitische Funktion zurückkehren kann. Dann werden die Wähler und Wählerinnen ja oder nein sagen. So ist es auch beim FC Bayern gewesen. Hoeneß ist gewählt worden. Das ist Demokratie.

Sie kommen wie Hoeneß aus Ulm und sind sogar entfernt verwandt, richtig?
Wir sind unendlich weit über zig Ecken mit Tante Ruth verwandt. Das ist die Ehefrau des Cousins meiner Mutter gewesen. Tante Ruth ist auch eine Tante von den Hoeneß-Jungs. Wir haben uns nie auf einem Familienfest oder so getroffen. Ich kenne Hoeneß aber und habe ihn als Menschen erlebt, der eine klare Haltung in vielen Dingen vertritt. Natürlich muss er da die Kriterien, die er bei anderen anlegt, auch bei sich selbst ernst nehmen.

Ist das nicht auch die Verantwortung der Fußballvereine?
Wir müssen uns bewusst sein, welche gesellschaftspolitische Bedeutung Fußball haben kann. Wenn es um Integration geht und darum, was unsere Gesellschaft ausmacht. Wer sagt, wir seien kein Einwanderungsland, muss sich doch nur die Nationalmannschaft anschauen. Die ist ein Spiegel unserer Einwanderungsgesellschaft. Fußball kann nicht die Politik ersetzen, hat gesellschaftspolitisch aber eine hohe Bedeutung. Wenn zum Beispiel Bastian Schweinsteiger in eine Flüchtlingsunterkunft in München geht, ist das sehr viel wert und hat eine große Bindewirkung in unsere Gesellschaft – viel mehr als so manche Rede im Bundestag.

Martin Schulz, Ihr Kollege von der SPD, wollte Fußballprofi werden. Das hat wegen einer Verletzung nicht geklappt, dafür möchte er jetzt Bundeskanzler werden.
Man darf ihn auf dem politischen Spielfeld jedenfalls nicht unterschätzen. Er ist, wenn ich das so sagen darf, eine „Stürmer-Rampen-Sau“. Ich kann aber nur an die Sepp-Herberger-Weisheit erinnern und sagen: „Liebe SPD, ein Spiel dauert 90 Minuten.“ Deswegen sollte man sich nicht schon in den ersten zehn Minuten die Seele aus dem Leib rennen, sondern die zweite Halbzeit mitdenken. In jedem Fall freut es mich, um im Bild zu bleiben, dass so jemand wie Martin Schulz auf den Platz geht, da wird das Spiel wieder spannend. Allerdings stehen ja nicht nur zwei Leute, nicht nur Schulz und auf der anderen Seite Angela Merkel – mit dem Distanzschützen Horst Seehofer im Hintergrund – auf dem Platz. Da braucht es auch grüne Spieler, sonst wird das nix mit dem Sieg und die GroKo geht in die Verlängerung.

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