AZ-Interview Brasilien-Legende Cafu: "7:1! Jedes Tor war ein Stich ins Herz!"

"Dieses Spiel wird immer, ich wiederhole: immer, in den Köpfen der Brasilianer sein", sagt Cafu über das 1:7-Debakel der Brasilianer bei der WM 2014 gegen Deutschland. Foto: dpa

WM-Gespräch mit einer Legende: Cafu, brasilianischer Weltmeister von 1994 und 2002, redet über das 1:7-Debakel der Seleção gegen Deutschland bei der WM vor vier Jahren, über Neymar und den Besten der Besten.

Der mittlerweile 48-jährige Brasilianer holte 1994 mit der Seleção den Titel bei der Weltmeisterschaft in den USA, 2002 führte er Brasilien als Mannschaftskapitän zum WM-Titel in Japan/Südkorea – Endspielgegner damals war Deutschland.

AZ: Senhor Cafu, es tut uns leid, aber wir müssen über ein spezielles Thema reden.
CAFU: Da Sie aus Deutschland kommen, kann es ja fast nur ein Thema sein.

Das 7:1 der Deutschen im WM-Halbfinale 2014 über Gastgeber Brasilien!
Sie wollen über sowas reden?

Ja.
Sie sind ein böser Mensch (lacht). Man muss zugeben, dass es ein historisches Spiel war. Ich bin mir sicher, dass es in 100 Jahren so eine Partie nicht noch einmal geben wird. Deutschland ist alles geglückt, Brasilien hat falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Diese Zahl, diese Schmach ist nun ein Teil unseres stolzen Landes geworden.

Cafu: Das Spiel wird immer in den Köpfen der Brasilianer sein

Denken Sie noch oft dran?
Dieses Spiel wird immer, ich wiederhole: immer, in den Köpfen der Brasilianer sein. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass es weg ist, dass es nur ein böser Traum war. Ist es aber nicht. Das 1:7 ist eine Zahl, die nun zur brasilianischen Geschichte gehört. Natürlich denken wir nicht jede Minute unseres Lebens dran, sonst könnte man ja kaum leben, aber immer, wenn es um Fußball, Deutschland, die WM geht, ist die Zahl und die damit einhergehende Erinnerung wieder da.

Die Zahl ist ein Sprichwort in Brasilien geworden, wenn alles schief läuft, sagt man "1:7"!
Nicht nur für die Spieler, sondern für die gesamte Nation war es etwas, das uns in unserem Selbstverständnis getroffen hat. Zum Glück hat Brasilien eine sehr erfolgreiche Fußball-Geschichte, es gibt mehr positive Erinnerungen als negative. Aber dieses 1:7 wird immer präsent sein, wann immer wir gegen Deutschland spielen. Für jeden von uns, wenn er nur einen Deutschen trifft, wird der erste Gedanke genau dieser sein: 1:7.

Sie haben das Spiel selber live im Stadion erlebt.
Ja, ich saß in der Arena und konnte nicht glauben, was ich da sah. Ich habe immer wieder auf die Anzeigentafel geschaut und die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich habe geweint, jedes Tor war ein Stich ins Herz. Wie ich schon sagte, das passiert in 100 Jahren nicht wieder - und falls doch, will ich nicht mehr am Leben sein (lacht). Aber ich bin den Deutschen auch dankbar.

Wieso?
Weil sie im Finale Argentinien besiegt haben. Es ist kein Geheimnis, dass wir ein spezielles Verhältnis zu unserem Nachbarn haben. Beim Finale waren alle Brasilianer Deutsche.

Cafu: Jeder will Deutschland schlagen

Was trauen Sie Brasilien insgesamt jetzt hier bei der WM 2018 in Russland zu?
Ich glaube, dass wir wieder zum Kreis der Favoriten gehören. Man kann das jetzige Team nicht mit der Mannschaft von 2014 vergleichen. Sie ist viel erfahrener, ist von Tite sehr gut trainiert. Die Erfahrungen, die sie 2014 gemacht haben, zum Teil machen mussten, haben sie als Team wachsen lassen. So eine Partie wie das 1:7, da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Man zerbricht - oder wächst daran. Sie sind nicht zerbrochen. Es wird eine große Motivation sein. Man sieht den Sprung, den die Mannschaft unter Tite gemacht hat, gerade, was die Taktik angeht.

Was trauen Sie Deutschland bei dieser WM zu? Können Sie den Titel verteidigen?
Deutschland ist das Team, das jeder schlagen will. Sie haben den Titel, sie haben den Pokal. Wer ihn haben will, muss ihn den Deutschen entreißen. Mann muss sich nichts vormachen, Deutschland ist das Team, an dem man vorbeikommen muss. Sie sind der Weltmeister, haben zu recht gewonnen und solange sie keiner vom Thron stürzt, sind sie auch das beste Team der Welt.

Wie groß war die Sorge in Brasilien, dass Neymar, der schon 2014 während des Turniers verletzt ausfiel, nach seiner Verletzung im Februar wieder nicht voll einsatzfähig sein könnte?
Wir wollten alle nicht einmal dran denken, dass uns dieses Schicksal wieder heimsuchen könnte. Neymar ist so wichtig für den Fußball insgesamt, aber natürlich vor allem für Brasilien, Es wäre schlimm für den Fußball gewesen, wenn eines seiner Aushängeschilder nicht antreten könnte. Wir haben 2014 mit ihm gelitten, wir haben gezittert und gebetet, aber es sollte nicht sein. Ohne jeden Zweifel ist Neymar einer der besten Spieler der Welt und einer der Eckpfeiler des Teams. Es gibt keine zwei Meinungen darüber, dass Brasilien mit Neymar und ohne ihn zwei unterschiedliche Mannschaften sind.

Cafu: Es war eine Ehre, gegen Maradona anzutreten

Sie waren zwei Mal Weltmeister mit Brasilien 1994 und 2002, da setzten Sie sich gegen Deutschland durch.
Es waren beides Highlights meines Lebens. Aber 2002, als ich Kapitän war, war noch schöner, der schönste Moment meiner Karriere. Ein unglaubliches Spiel. Oliver Kahn hatte in dem Turnier unmenschlich gehalten, wir fragten uns, wie soll man den eigentlich bezwingen? Und dann unterläuft ihm ausgerechnet im Finale dieser Fehler. Fußball kann so schön, aber auch so hart sein. Er tat mir leid, aber ich habe ihn in Ruhe gelassen. In solchen Momenten ist das letzte, was man braucht Mitleid vom Bezwinger, man will Ruhe, Einsamkeit.

Wer war der beste Fußballer, mit dem Sie je zu tun hatten?
Einer der unangenehmsten war Miroslav Klose, weil sein Motor nie aufhört, weil er nie nachlässt, er verlangt einem mental, aber auch physisch alles ab. Aber der Beste? Der Beste war Maradona.

Und das aus dem Mund eines Brasilianers!
Wenn Sie gegen ihn gespielt hätten, wüssten Sie, dass es gar keine andere Antwort gibt. Es gab keine Chance, ihn auszuschalten. Es war eine Ehre gegen ihn anzutreten.

Seit einigen Jahren haben Sie zusammen mit Laureus eine Foundation in Brasilien aufgebaut, Sie versuchen Kinder von der Straße zu bekommen.
Ja, das ist eine Herzenssache. Ich bin in eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Der Fußball hat mir ein Leben ermöglicht, das ich mir nicht mal zu erträumen gewagt hätte. Jetzt ist es Zeit, etwas zurückzugeben. Sport ist das Mittel, um die Kinder von der Straße, sie aus Elend und Armut zu holen. Ich kann nicht alle zu großen Fußballern machen, aber vielleicht fast alle zu guten Menschen. Ich versuche ihnen Respekt und Werte zu vermitteln, das wird dir am Ende im Leben mehr bringen als die Fähigkeit, Fußball zu spielen. Mein Dreisatz ist einfach: Seid ehrlich, geht in die Schule und lernt - und ehrt eure Eltern. Sie haben euch das Leben geschenkt. Es gibt nichts Größeres. Macht etwas draus.

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