AZ-Interview Ära Seehofer: Theo Waigel zieht kritisch Bilanz

Clemens Hagen.
Zwei Polit-Schwergewichte: CSU-Chef Horst Seehofer (r.) und der Ehrenvorsitzende Theo Waigel bei einer Vorstandssitzung 2014. Foto: Peter Kneffel/dpa

Der Ehrenvorsitzende der CSU, Theo Waigel, zieht eine kritische Bilanz der Ära Seehofer – aber er findet auch durchaus lobende Worte.

 

München/Berlin - Der 79-jährige CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel war von 1988 bis 1999 Parteichef der Christsozialen und von 1989 bis 1998 Finanzminister. Mit der AZ spricht er über Horst Seehofer.

AZ: Herr Waigel, die CSU hat die Wachablösung vollzogen. Wie würden Sie die Ära Horst Seehofer einordnen? Vielleicht so: Erst musste er die Partei retten, dann musste die Partei vor ihm gerettet werden?
THEO WAIGEL: Er war vor zehn Jahren der ideale Kandidat, denn zum einen war er unbelastet von den Problemen der Bayerischen Landesbank, die alle Landespolitiker – inklusive Stoiber – eingeholt hätten. Zum anderen war er unbelastet von der Verwandtenaffäre, weil im Bundestag die Beschäftigung von Verwandten nicht zulässig war. Damit hatte er zwei große Vorteile, mit denen er antreten konnte, sowohl als Ministerpräsident als auch als Parteivorsitzender. Zu diesem Zeitpunkt war er der ideale Kandidat.

Zumal seine Vorgänger, das Duo Günther Beckstein als Ministerpräsident und Erwin Huber als Parteichef, alles andere als glücklich agierten, oder?
Die beiden werden zu Unrecht gescholten. Der Vorgänger gab ihnen damals gar nicht die Chance, ein eigenes Programm zu entwickeln.

Für Seehofer wurde es die letzten fünf Jahre schwieriger

Zurück zu Seehofer.
Ja, es war eine glückliche Konstellation für ihn und die Partei. Später hat er versucht, Gegensätze zu vereinen. Aber es war unmöglich, auf der einen Seite mit Manfred Weber und Markus Ferber proeuropäisch zu agieren und auf der anderen Seite mit Peter Gauweiler europakritisch. Das hat nicht funktioniert. Ich habe ihn gewarnt, er hat gereizt reagiert.

Etwas, was ihm viele Kritiker vorwerfen, ist ja sein absolutistischer Führungsstil.
Er, der die Bundespolitik kannte wie kein Zweiter, hat in der Bonner Koalition schwierige Konflikte zwischen CSU, CDU und FDP gelöst. Auch in Bayern hat die Zusammenarbeit mit der FDP fünf Jahre lang gut funktioniert. In den letzten fünf Jahren, als die CSU die absolute Mehrheit im Landtag hatte, wurde es schwieriger.

Söder hat aus Seehofers Fehlern gelernt

Lag es denn alleine an seinen vielen einsamen Entscheidungen?
Bis dahin war er nicht einsam, sondern durchaus kommunikativ.

Was ist passiert?
Ein Punkt: Er hat den großen Konflikt, die Flüchtlingsproblematik, in berechtigter Weise aufgegriffen. Allerdings in einer Form, von der am Ende die Grünen und die AfD profitiert haben.

Gerade in puncto Außenwahrnehmung ist die Diskussion völlig aus dem Ruder gelaufen, nicht wahr?
Er hat ein berechtigtes Thema aufgegriffen, aber letztlich führte die Form der Auseinandersetzung zu Stärkung unserer politischen Gegner. Darum muss es erlaubt sein, diese Strategie zu hinterfragen. Das hat, wie ich meine, Markus Söder begriffen und dann sowohl strategisch als auch verbal eine andere Linie gezogen.

"Man muss die ganze politische Arbeit von Seehofer sehen"

Anfangs war Söder bei den Gesprächen in Berlin aber mit von der Partie.
Das wird niemand bestreiten. Aber er hat daraus gelernt. Das nehme ich anerkennend zur Kenntnis, denn es ist verdammt schwer für einen Politiker, einzugestehen, dass man einen Fehler gemacht hat. Ich habe großen Respekt vor jedem Politiker, der so etwas zugibt und daraus Konsequenzen zieht. Das ist für mich kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke.

Das gilt nicht nur für Politiker.
Nein, das gilt auch für Bischöfe. Über die Unvollkommenheit von Politikern und Bischöfen hat der evangelische Bischof Martin Kruse 1987 eine bemerkenswerte Predigt gehalten, die ich immer sehr verinnerlicht habe.

Ihr Urteil über die Ära Seehofer?
Um ihm gerecht zu werden, muss man die ganze politische Arbeit von Seehofer sehen, dazu gehören auch die 18 Jahre von 1980 bis 1998, im Deutschen Bundestag. Das war eine gute Zeit, genauso wie die ersten fünf Jahre als Ministerpräsident und Parteivorsitzender eine gute Zeit waren.

"Volksparteien haben es generell schwieriger"

Und die letzten fünf Jahre?
Die waren schwierig.

Wie passiert so etwas? Was geht da in einem Menschen vor?
Das Anspannungsverhältnis und das Anforderungsprofil werden immer härter. Seehofer hatte sicher mehr zu kämpfen als alle seine Vorgänger. Dazu kommt: Die Volksparteien haben es generell schwieriger. Das mag er zwar gesehen haben, aber einige Kurskorrekturen kamen zu spät.

Konkret?
Das betrifft die Europapolitik und die Flüchtlingspolitik. Die Auseinandersetzung mit der CDU hat CSU und CDU geschadet. Zu einer Entspannung hätte aber auch die Bundeskanzlerin mehr beitragen können.

Die hat Seehofer dann lieber gegen die Wand laufen lassen.
Es hat begonnen, indem er sie auf der Bühne stehen ließ (beim CSU-Parteitag im November 2015 in München, d. Red.). Als er von der Bühne zurückkam, hat er mich gefragt, wie das war. Da habe ich gesagt: „Suboptimal.“

Viele Politiker wollen nur zustimmende Worte hören

Sehr diplomatisch.
Wobei man sagen muss, dass es zu Zeiten von Strauß und Kohl auch keineswegs einfach gewesen ist.

Auf wen hätte Seehofer gehört? Söder? Da war das Verhältnis doch schon angespannt.
Ich weiß nicht, wer seine Ratgeber gewesen sind.

Haben Sie selbst das Gespräch mit Seehofer gesucht?
Ich halte mich an den Spruch: Gehe nicht zu deinem Fürsten, wenn du nicht gerufen wirst. Zweimal hat er mich gebraucht. Einmal, um einen Verhaltenskodex für die Landtagsabgeordneten zu entwickeln. Zum zweiten, als er beim Übergang Stamm, Stoiber und mich einbinden wollte. Das hat zu dem Zeitpunkt nichts mehr gebracht. Außerdem dränge ich mich auch niemanden auf. In meinem Alter gehöre ich nicht mehr zu denen, die wie ein Schäferhund die Herde umkreisen.

Aber ist es nicht essenziell wichtig, gerade für Menschen in Führungspositionen, auch einmal auf Ratschläge von außen zu hören?
Dann muss man aber auch Ratschläge entgegennehmen, die kritisch sind. Man neigt dazu, das habe ich bei Kohl, bei Strauß und auch bei mir selbst erlebt und das ist eine Gefahr, nur zustimmende Worte hören zu wollen.

Was war mit den weniger lobenden Worten?
Ich habe das in meinem politischen Leben, als Finanzminister und als Parteivorsitzender, weiß Gott erfahren. Ich habe versucht, meine Konsequenzen zu ziehen, das ist mir manchmal gelungen, manchmal nicht.

 

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