"Auswärtsspiel" AZ-Serie: Erste Auszüge aus Marcel Reifs neuem Buch

Fußball-Experte und Kult-Kommentator: Marcel Reif. Foto: imago/Future Image

Kommentatoren-Ikone Marcel Reif veröffentlicht zusammen mit AZ-Reporter Patrick Strasser das Buch "Auswärtsspiel". Hier gibt es einen ersten Auszug – über Mailand, Oliver Kahns Heldenort.

 

Madrid oder Mailand – Hauptsache gut gegessen. Was auch für Paris, Liverpool, Amsterdam oder Istanbul gilt. Kommentator Marcel Reif (70) kennt die Fußball-Metropolen, die Stadien, hat hier und da unzählige Spiele kommentiert. In seinem neuen Buch "Auswärtsspiel" (mit AZ-Reporter Patrick Strasser als Co-Autor) nimmt er die Leser mit auf die Reise an die magischen Orte mit ihren besonderen Momenten und Menschen, sowie zu seinen Lieblingsplätzen, Restaurants oder Cafés, die er immer wieder aufsucht. Bei diesen Städtetrips ist er für die Kollegen der Bärenführer, bei Ausflügen mit der Familie der Reiseleiter.

Auszug aus dem Kapitel "Mailand":
Einige Städte haben eine beinahe magische Anziehungskraft auf mich. Mailand zum Beispiel, ganz extrem – ein Ort, an dem ich mich mittlerweile zu Hause fühle. Doch fast schon so etwas wie Heimat. In Mailand kannst du mir die Augen verbinden und mich irgendwo in der Stadt hinführen – nach zwei Augenblicken kann ich exakt sagen, wo ich bin. Mailand ist meine Gefühlsstadt. Ich war dort locker 50 Mal, sehr vorsichtig geschätzt.

Marcel Reif über Mailand

Über einen Schulfreund, mit dem ich auch zusammen Fußball gespielt habe, kam ich erstmals hin. Sein älterer Bruder hatte geschäftlich oft in Italien zu tun und nahm uns in den Ferien mit. Er gab uns wertvolle Ratschläge, aber auch kulinarische Tipps. Bella Italia für Anfänger. Mich packte es sofort. Ich spürte und begriff: Italien ist Leben, Italien ist sinnlich: Es sieht gut aus, es klingt gut, es riecht gut, es schmeckt gut. (…)

Wenn man von der Autobahn runterfährt und sich durch den Industriegürtel kämpft, ist Mailand die hässlichste Stadt der Welt. Aber dann: diese Innenstadt. Das Wahrzeichen der Stadt, der Duomo – natürlich. Um den Dom aber in seiner vollen Pracht bewundern zu können, musst du als Besucher riesiges Glück haben. Mittlerweile gibt es gefühlt ein Zeitfenster von zwei bis drei Stunden, in dem das kolossale Bauwerk nicht an irgendeiner Stelle eingerüstet ist, weil es gerade renoviert oder geputzt wird. Durch die Lage der Stadt in der Po-Ebene am Rande der Alpen kann der Smog des immer mehr anwachsenden Verkehrs oft nicht abziehen und setzt sich auf dem weißen Marmor fest – also wird ständig poliert.

Mailänder Dom: Eine Dauerputzstelle

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Dom bei all meinen Besuchen nur ein einziges Mal ohne Gerüst erlebt habe. Wenn man dann nicht gedankenschnell ein Foto macht und das eine Stunde später nach dem Lunch nachholen will, dann – genau: Chance vorbei. Wenn sie vorne fertig sind mit Putzen, fangen sie hinten wieder an. Eine Dauerputzstelle. Aber die schönste der Welt. Also rumstreunen, niederlassen und gucken, die Piazza del Duomo ist eine wundervolle Volksbühne. Großes Touristentheater – jederzeit.

(…) Nicht weit vom Dom liegt auch das fabelhafte Caffè Sant Ambroeus samt hauseigener Konditorei, ein Patisserietraum. Legendär. Der Haken ist: Die Kellner sind alle, wirklich alle, feinere Herren als man selbst und sehen auch besser aus – wie Vittorio De Sica, der wunderbare italienische Schauspieler und Filmregisseur. Da kannst du machen, was du willst. Alles gestandene ältere, grau melierte Herren, stilvoll gekleidet in einer Livree mit Goldrand – irre. Du traust dich kaum, einen Cappuccino zu bestellen. Du möchtest eher fragen: Was darf ich IHNEN bringen? (…)

Marcel Reif über Champions-League-Finale 2001

Ein ganz besonderes Spiel in Mailand habe ich abgespeichert unter "Kahn, die Bayern!": das Champions-league-Finale 2001 gegen den FC Valencia. Eine der wenigen Formulierungen, über die ich noch heute sagen kann: Ja, die ist mir gelungen. "Kahn, die Bayern!" – nicht mal ein vollständiger Satz, aber besser konnte man kaum zusammenfassen, was in dem Moment unten auf dem Platz passiert war. Die Bayern hatten diesen verdammten Henkelpott endlich geholt, nach 25 langen Jahren des Wartens und Leidens. Also habe ich die Bilder, die Emotionen, den Jubel wirklich einmal wirken lassen. In würdiger Stille. Weil sich die Bayern erst im Elfmeterschießen befreien, mehr noch, erlösen konnten vom eigenen Schicksal.

Reif freute sich für Ottmar Hitzfeld

1999 waren sie ja in Barcelona im Finale gegen Manchester United den sportlichen Sekundentod gestorben. 1:0-Führung, Nachspielzeit, zwei Ecken später 1:2 – Ende. Ich habe diese bayerische Wiederauferstehung, die mich insbesondere für Trainer Ottmar Hitzfeld sehr gefreut hat, für Premiere kommentiert. Am Spieltag war ich mittags mit Günther Jauch und anderen ehemaligen Kollegen von RTL beim Essen. Und weil es ein recht warmer Frühsommertag in Mailand war, haben wir zum Essen viel getrunken. Mineralwasser! Soll man ja. Etwa in der 75. Minute merkte ich dann, dass ich demnächst von all den Getränken wieder etwas loswerden müsste. Gut, ist ja bald Schluss, dachte ich. Aber es blieb beim 1:1, Verlängerung.

75. Minute – und die Blase drückt

In den wenigen Minuten Pause vom Kommentatorenplatz zur Toilette und zurück? An all den Kollegen vorbei in den engen Sitzreihen? Und alle nerven, die dann aufstehen müssen? Nicht machbar, nicht zu schaffen. Utopisch. Die 30 Minuten Hoffen und Bangen auf dem Rasen galten also auch für mich, jedoch in einem anderen Aggregatzustand.

Mindestens 15 Minuten der Verlängerung kommentierte ich im Stehen, von einem Bein aufs andere tanzend. Ich zog alles zusammen, was man zusammenziehen kann. Zwischendurch dachte ich, es geht dahin mit mir. Halte durch, so wahr mir Gott helfe! Oliver Kahn half. Als er den letzten Elfer hielt, brach es aus mir heraus – in Worten. Dass ich durch dieses befreiende "Kahn, die Bayern!" nicht in die Hosen pinkelte, ist mir ein Rätsel. Es war ein Wunder, mein Wunder von Mailand.


Buchinfo: "Auswärtsspiel" (erschienen am 18. Februar 2020 im Verlag Edition Michael Fischer GmbH, 272 Seiten, Hardcover, 18 Euro).

Lesen Sie auch: Bayerns schlechtere Hälfte - Wo die Probleme liegen

Lesen Sie auch: Comeback früher als erwartet? Niklas Süle zeigt sich optimistisch

 

2 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading