Vor 65 Jahren: Als Bikini bis Bayern strahlte

65 Jahre ist es her, dass die USA die stärkste nukleare Testbombe auf der Südseeinsel zünden. Die Folgen waren auch im Freistaat deutlich zu spüren.
| Karl Stankiewitz
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Panik statt Paradies: Eine Test-Atombombe der Amerikaner explodiert 1946 vor der Südseeinsel Bikini. Zehn Jahre später verursachte ein enormer Nachfolge-Test große Sorgen - auch in Bayern.
Panik statt Paradies: Eine Test-Atombombe der Amerikaner explodiert 1946 vor der Südseeinsel Bikini. Zehn Jahre später verursachte ein enormer Nachfolge-Test große Sorgen - auch in Bayern. © imago/UIG

Der Kalte Krieg war begleitet vom atomaren Wettrüsten in West und Ost. Vor 65 Jahren explodierte die bisher stärkste Testbombe. Die Folgen lagen auch in Bayern buchstäblich in der Luft.

Es war das Startsignal für die weltweite Anti-Atom-Bewegung. Am 27. Mai 1956 zündeten die Amerikaner auf der Südseeinsel Bikini, deren 167 Einwohner sie auf eine Nachbarinsel deportiert hatten, die erste Thermonuklearbombe. Sie hatte den Namen "Bravo" und die ungeheure Sprengkraft von 3,5 Megatonnen.

Radioaktive Wolke über Bayern

Ihre Spaltprodukte stiegen als Wolke auf, die mit Winden - womit die Meteorologen nicht gerechnet hatten - in die Atmosphäre gelangte, über den Erdball wanderte und beim Abkühlen als radioaktiver Regen, den man "Fallout" nannte, vielerorts niederging.

Franz Josef Strauß (l.) und Innenminister Hermann Höcherl.
Franz Josef Strauß (l.) und Innenminister Hermann Höcherl. © picture alliance / dpa

Am 12. Juni erreichte die Wolke Bayern. Erste Reaktionen kamen aus der Landwirtschaft. Zahlreiche Bauern und Gärtner in Oberbayern berichteten, sie hätten nach den starken Niederschlägen im Juni merkwürdige Veränderungen an ihren Pflanzen wahrgenommen.

"Münchner klagen über Atombeschwerden"

Die Blätter seien vielfach verdorrt, Tomaten und Gurken wiesen plötzlich graubraune Flecken auf. Sogar stark wasserhaltige Blumen, die vor dem großen Regen noch grün gewesen waren, hätten am Morgen grau und verwelkt ausgesehen.

Nun musste Landwirtschaftsminister Professor Josef Baumgartner bekanntgeben, dass die Atmosphäre stark radioaktiv aufgeladen sei. Am 25. Juni 1956 schrieb ich einen Zeitungsbericht mit der Überschrift: "Münchner klagen über Atombeschwerden".

Überall wurden Kliniken, Ärzte und Gesundheitsbehörden bestürmt. Viele Leute fühlten sich plötzlich "atomkrank", andere wollten sich einfach nur über die kursierende Gerüchte informieren.

Die Verlautbarung des Ministers - Baumgartner gehörte als Vorsitzender der Bayernpartei einer Vierer-Koalition ohne CSU an, die bald danach über eine Spielbankaffäre stürzte - fiel zeitlich zufällig zusammen mit einem aufsehenerregenden Bericht der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften.

Kopfweh, Müdigkeit, Schwindel

Dieser befasste sich mit den biologischen, also gesundheitlichen Auswirkungen von radioaktiven Strahlen, wie sie allgemein bei nuklearen Versuchsexplosionen frei werden.

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Kaum hatte sich die erste Aufregung gelegt, da wurden aus Salzburg alarmierende Krankheitsfälle gemeldet, die einige Ärzte auf eine "übernormale" Radioaktivität der Atmosphäre zurückführten.

Große Energiequelle der Zukunft?

Gleiche Beschwerden tauchten nun auch in München auf, nur dass die Ärzte sich hier mit derlei Schlussfolgerungen zurückhielten. Die meistgenannten Symptome: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindelanfälle.

Das städtische Gesundheitsamt konnte sich der Anfragen kaum mehr erwehren und sah sich zu einer beruhigenden Erklärung genötigt: Eine Häufung von Erkrankungen, die man mit einem radioaktiven Regen in Zusammenhang bringen könnte, sei nicht festzustellen.

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Zu jener Zeit galt die "friedliche Nutzung der Kernkraft" allgemein als die große Energiequelle der Zukunft. Auf einem Krautacker bei Garching sollte der erste deutsche Forschungsreaktor entstehen. Das hatte die Vier-Parteien-Regierung kurz vor dem Test auf dem Bikini-Atoll beschlossen.

Ein "Atommahl" für Ehrengäste

Im September 1957 begrüßte Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD) die Ankunft der ersten Uranstäbe für das "Atomei" mit dem Jubelruf: "Es lebe die Radioaktivität!"

Danach wurde den Ehrengästen ein "Atommahl" serviert (Jahre später wird ein CSU-Umweltminister vor Journalisten einen Löffel voll verstrahlten Molkepulvers verspeisen, um "Nullrisiko" zu demonstrieren).

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Manche Politiker, voran Bundesatomminister Franz Josef Strauß (CSU), sahen auch die neu entwickelten amerikanischen Atombomben - deren Zerstörungspotenzial das der bisherigen Massenvernichtungswaffen um ein Vielfaches überbot - in sehr mildem Licht.

Die Welt befand sich ja mitten im Kalten Krieg. Für maßgebende Staatsmänner war es wie ein Ping-Pong-Spiel zwischen Ost und West. Das Spiel hieß "Gleichgewicht des Schreckens".

Mit Bikini begann die Anti-Atom-Bewegung

Aber auch Protest und Widerstand waren jetzt angesagt. Mit Bikini begann damals, vor 65 Jahren, die Anti-Atom-Bewegung, der Kampf gegen den drohenden "Atomtod".

In München gingen zunächst nur ein paar Pazifisten auf die Barrikaden. Auf der Treppe der Feldherrnhalle postierten sie eine Mahnwache, an der sich zahlreiche Prominente beteiligten.

In Erinnerung blieb mir der Dichter Erich Kästner, schweigend, ständig rauchend, eine Tafel in der Hand, von einigen Passanten angefeindet.

SPD klagte den "verniedlichenden Optimismus" an

Im Stadtrat beklagte der Psychotherapeut Dr. Hugo Freund (SPD) den "verniedlichenden Optimismus", wie er in der Bundesrepublik bei diesem Problem vorherrsche.

Es sei doch Tatsache, dass die radioaktive Verseuchung in der Luft deutlich zugenommen habe, besonders nach jedem Atombombenversuch.

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Nach dem Supertest auf Bikini wurden plötzlich alle Parteien "aktiv". Die oppositionelle CSU wollte die Schadensmeldungen der Bauern und Gärtner wegen ihrer überregionalen Bedeutung in den Bundestag bringen.

Die im Freistaat noch mitregierende Bayernpartei forderte eine Zentral-Stelle zur Aufklärung der Bevölkerung und zur Einleitung von "Gegenmaßnahmen".

Luft und Niederschläge, aber auch Trinkwasser und Lebensmittel sollten laufend auf eventuelle radioaktive Verseuchung überprüft werden. Inzwischen hatten sich weitere Experten zu Wort gemeldet.

Eine ernste Gefahr für die Bevölkerung

Die Kontaminierung der Luft durch Kernzerfallsprodukte, herbeigeführt durch künstliche Explosionen, sei eine ernste Gefahr für die Bevölkerung, erklärte Professor Rudolf Müller, Leiter des Observatoriums auf dem Wendelstein. Müller hielt eine Auswirkung der Atomtests auf das Weltwetter für durchaus möglich.

Professor Eduard Hoffmann, Ordinarius für Agrikulturchemie in Weihenstephan, warnte und beruhigte zugleich: "Gefährlicher als für die Pflanzen sind die radioaktiven Niederschläge für Menschen und Tiere, die bestrahlte Pflanzen ahnungslos als Nahrungs- oder Futtermittel zu sich nehmen. Aber auch dann dürfte der Schaden erst viel später eintreten, beim Menschen nach etwa zehn Jahren."

Tatsächlich beläuft sich, wie man heute weiß, die maßgebende Halbwertszeit des Verfalls von Spaltprodukten auf bis zu 30 Jahre beim Cäsium, das Plutonium hält sich praktisch unbegrenzt in der Atmosphäre.

Ein Münchner Physiker baut sich auf der Terrasse ein Labor auf

Im September 1956 berichtete der prominente Münchner Physiker Manfred Gerlach vor Kollegen auf einem Kongress über seine Forschungen: Auf einer Terrasse in 14 Metern Höhe hatte er ein Labor eingerichtet, das aus Regentonnen, Nickelschalen und Geigerzählrohren bestand.

Hier konnte er nach Niederschlägen, wie sie plötzlich nach Föhn einsetzen, des Öfteren hohe Raten von Radioaktivität messen, die nur von Atombomben stammen konnten. Ansammlungen fanden Gerlach und seine Mitarbeiter auch im menschlichen Körper: in Skeletten, Muskeln, Haut, Blut und vor allem in der Schilddrüse und der Muttermilch.

Besucher des Whitney Museums amerikanischer Kunst betrachten die Darstellung einer Explosion im Bikini-Atoll.
Besucher des Whitney Museums amerikanischer Kunst betrachten die Darstellung einer Explosion im Bikini-Atoll. © imago images/ZUMA Wire

Allen gesundheitlichen Befunden und Protesten zum Trotz wurden die Kernwaffentests weltweit verstärkt fortgesetzt: Im Mai 1957 zündeten die Briten eine Wasserstoffbombe, gleichzeitig wurden beim Bau des Garchinger Atomeis erste Störfälle bekannt.

1960 ließen die Franzosen in der Wüste von Algerien eine Nuklearbombe hochgehen, im Oktober 1960 sprengten die Sowjets in der Arktis eine mit 50 Megatonnen besonders zerstörerische Bombe namens "Zar". Das militärische Kräfteverhältnis zwischen West und Ost war wiederhergestellt.

Angst und Unwissenheit in Westdeutschland

In Westdeutschland grassierten Angst und Unwissenheit, gespeist durch Horrormeldungen von der einen Seite und Verharmlosungen von der anderen. Im Januar 1961 gaben der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker und andere Friedensforscher ein Buch heraus: "Kernexplosionen und ihre Wirkungen". Es erregte einiges Aufsehen.

Doch die Bundesregierung wusste Rat. Hermann Höcherl (CSU), seit 14. November 1961 Bundesinnenminister, war gerade fünf Tage im Amt, als er beschloss, den "Zivilen Bevölkerungsschutz" zum Kern seiner Agenda zu machen. Alsbald ließ sein Ministerium eine Fibel mit dem Titel "Jeder hat eine Chance" kostenlos verteilen.

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Darin wurde dem Bundesbürger ernstlich geraten, er solle sich bei einem "Atomblitz" auf den Bauch legen und eine Aktentasche (damals Attribut vieler Männer) über den Kopf halten. In der Wohnung sei tunlichst unter den Tisch zu kriechen. Mit der amtlichen Broschüre in der Hand und Aktentaschen auf dem Kopf startete die "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" am 22. Februar 1962 ihr Programm "Überleben Sie mal".

Dieter Hildebrandt, Ursula Noack, Hans-Jürgen Dietrich und Jürgen Scheller zitierten Originaltexte über den "Feuerball" und die "Hitzewelle" nach Atomexplosionen, die nie weiter als fünf Kilometer wirke. Jedem dieser abstrusen Sätze folgte eine makabre Pointe. Die Münchner lachten Tränen. Übrigens: Nach Bikini wurde damals der zweiteilige, freizügige Badeanzug für Frauen benannt.

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