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AZ-Reporterlegende erinnert an Sophie Scholl: "Für mich ist sie ein Idol"

In der letzten Folge der Serie über Sophie Scholl erinnert sich unser Autor Karl Stankiewitz (92) daran, was Studenten 1943 über Widerstandskämpfer und die Unruhen an der Münchner Uni erzählten.
| Karl Stankiewitz
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AZ-Autor Karl Stankiewitz.
AZ-Autor Karl Stankiewitz. © IMAGO / STL

München - In den letzten Kriegsjahren war ich "Zögling" im Schülerinternat Albertinum, das nach Totalzerstörung in der Karmelitergasse in die von Gärtner erbaute Blindenanstalt an der Ludwigstraße 25 (heute Romanistik-Institut der Universität) verlagert war.

Die Schlaf- und Aufenthaltsräume waren dunkel, hässlich und voller Objekte, die zum Unterricht für die evakuierten Blinden dienten, die Fenster klein und so hoch, dass man nicht rausschauen konnte. Außer uns Oberrealschülern wohnten dort 1943 auch wenige Studenten, einige waren kriegsversehrt.

Unruhen in der Münchner Uni

Eines Tages erzählten sie uns - hinter vorgehaltener Hand - von Unruhen in der nahen Universität, nachdem der Gauleiter bei einer Jubiläumsfeier die studierenden Mädchen angepöbelt habe.

Am 2. Februar kapitulierte die 6. Armee in Stalingrad. Das Unheil nahm seinen Lauf, auch an der "Heimatfront". Amerikanische Bomber kamen jetzt, von Süden her, auch während des Tages. Ich war 14 Jahre alt, als Brandmelder eingesetzt.

Sobald die Sirenen "Entwarnung" heulten, musste ich in der Innenstadt radelnd nach Großbränden schauen. Wegen herabstürzender Mauern und Dachteile hatte man mir einen Stahlhelm verpasst. Die Meldungen musste ich ins Zentralministerium bringen, Ludwigstraße 2, wo der Gauleiter einen Tiefbunker als Befehlszentrale eingerichtet hatte.

"Freiheit" war mit Pechfarbe an die Hauswände gepinselt

An einem eiskalten Morgen Mitte Februar trauten wir auf dem Weg zur Schule unseren Augen nicht. "Freiheit" und "nieder mit Hitler" war mit schwarzer Pechfarbe auf die ockergelben Hauswände der Ludwigstraße gepinselt.

Auch Flugblätter sollen gefunden worden sein, berichteten unsere Studenten (einer mit Beinprothese war später ein bekannter Münchner Bergwachtarzt).

Der widerliche Internatspräfekt Karrer, der nur noch in der braunen Uniform eines "politischen Leiters" herumstolzierte, drohte uns mit dem Schlimmsten, falls wir die Beobachtungen weitererzählen würden. Einen Schulfreund ohrfeigte er wegen einer "defaitistischen!" Äußerung.

Eine ganz Große: die Büste von Sophie Scholl (unten) in der Ruhmeshalle Walhalla über der Donau bei Donaustauf.
Eine ganz Große: die Büste von Sophie Scholl (unten) in der Ruhmeshalle Walhalla über der Donau bei Donaustauf. © Johannes Simon/imago images

An Hauswänden und Litfaßsäulen der Stadt erschien damals öfter die amtliche Bekanntmachung, dass Männer oder Frauen wegen Hochverrats und anderer Delikte zum Tode verurteilt wurden.

Aktionen der Geschwister Scholl blieben nicht verborgen

Ich weiß nicht mehr, ob auch die Verurteilung und Hinrichtung jener Münchner Studenten, deren gefährlich mutige Aktion wir wahrgenommen hatten, auf diese Weise verkündet wurde.

Auch in den Münchner Zeitungen fand sich seinerzeit keinerlei Hinweis. Trotzdem blieb uns die Aktion freilich nicht verborgen. Der Name "Weiße Rose" wurde allerdings nicht bekannt. Wohl aber ging bald das Gerücht um, dass ein Geschwisterpaar zu den Opfern gehörte. Es waren Hans und Sophie Scholl.

Sophie Scholl: Vorbild und Idol

Seither ist Sophie Scholl für mich eine große Person der Zeitgeschichte, ein Vorbild, ein Idol. Ich wollte jetzt zu ihrem 100. Geburtstag am 9. Mai eigentlich den "Weiße-Rose-Pfad" in ihrer Geburtsstadt Forchtenberg in Württemberg bewandern und eventuell darüber berichten. Doch die Pandemie erlaubt ja derzeit keine mehrtägigen Reisen. Deshalb habe ich den Auftrag der Abendzeitung auch gern angenommen, über Sophie Scholl eine Serie zu schreiben.

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Informationen dazu habe ich der OB-Witwe Hildegard Kronawitter zu verdanken, die in München die Weiße Rose Stiftung leitet, und der Künstlerin Renate S. Deck, die den Erinnerungsweg in Forchtenberg und eine Gedenkstätte initiiert hat.

Vor mir liegt ein Berg von Biografien, eine schildert ihr Leben gar in Form von Comics, von Broschüren, Forschungsberichten, Essays und Kopien der sechs Flugblätter. Obenauf eine aktuelle Edition des Beck Verlages mit dem Untertitel: "Wie schwer ein Menschenleben wiegt".

Die gelernte Historikerin Maren Gottschalk konnte sich für diese Lebensgeschichte auf viele bisher unveröffentlichte Quellen und Gespräche mit Zeitzeugen stützen, nicht zuletzt mit früheren Schulfreundinnen. 

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