Luft und Ökologie in München: Der Klima-Streit hat Tradition

"Die am meisten vergiftete Stadt Deutschlands": Den Streit um die Luft gibt es schon lange. Besonders laut wurde er 1971, vor genau 50 Jahren - bis heute prägen die Diskussionen die Stadt.
| Karl Stankiewitz
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Malerische Kulisse und ganz viel Rauch: ein Bild über München aus dem vergangenen Herbst.
Malerische Kulisse und ganz viel Rauch: ein Bild über München aus dem vergangenen Herbst. © imago images/Heinz Gebhardt

München - Vom Olympiaturm aus konnte man Mitte Januar 1971 das Phänomen deutlich beobachten. Am Horizont leuchtete die schneebedeckte Alpenkette im Sonnenlicht. Unten aber lag der Stadtmoloch unter einer gelb-grauen Glocke aus Dunst und Dreck, die nicht einmal der Föhn mehr aufreißen konnte. "Sie sehen, München wird wohl auch nicht so bald ein Luftkurort werden," erklärte Messedirektor Werner Marzin seinen ausländischen Gästen. Ein nettes Understatement.

"München ist die am meisten vergiftete Stadt Deutschlands"

Übertrieben dagegen erschien zunächst manchen Verantwortlichen in München, was der Frankfurter Tier- und Menschenfreund Professor Bernhard Grzimek als Bundesbeauftragter für den Umweltschutz (erst 1986 wird es einen Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit geben) wenige Wochen zuvor verkündete: "München ist die am meisten vergiftete Stadt Deutschlands." Weltweit sei überhaupt nur noch Tokio schlimmer dran. Inzwischen haben systematische Messungen und Vergleiche den Alarmruf im Wesentlichen bestätigt. Und das ausgerechnet in einer Stadt, die sich vor wenigen Wochen noch einer besonders guten Luft rühmen konnte und höchstens über ihren schönen klaren Föhn stöhnte.

Selbst der Berliner Kurfürstendamm ist sauberer

Während in der Hamburger Mönckebergstraße in Nasenhöhe während des Feierabendverkehrs durchschnittlich zehn und am Kurfürstendamm in Berlin 30 Kubikzentimeter Kohlenmonoxid pro Kubikmeter Atemluft registriert wurden, lag der Gehalt an diesem Giftgas in der Münchner Theatinerstraße bei 130 Kubik; an bestimmten Brennpunkten des Verkehrs wurden sogar zwischen 200 und 500 Kubikzentimeter gemessen. Fünfzig gilt als Toleranzgrenze.

München: erste Stadt mit Luftkontrollnetz

Da München als erste deutsche Stadt ein Luftkontrollnetz eingerichtet hatte, konnte auch die zeitliche Entwicklung verglichen werden. In den letzten drei Jahren stiegen der Gehalt an Kohlenwasserstoffen in der Münchner Luft um mehr als das Doppelte an, Kohlenmonoxid um mehr als das Dreifache und an nitrosen Gasen (die zu Lähmungen führen können) sogar um das Sechsfache. Allein die Konzentration von Schwefeldioxid konnte - durch die zunehmende Energieversorgung durch Erdgas - auf die Hälfte gesenkt werden.

Die Erderwärmung ist in München spürbar

Die Ursachen für diese Entwicklung resümierte der für die Messstellen zuständige Ernst Dölker, Münchens erster Kreisverwaltungsreferent: Zunahme der Benzinverbraucher (auf jeden dritten Münchner trifft ein Kraftfahrzeug). Erhöhung des Hubraums und Verlangsamung des großstädtischen Verkehrs. Schließlich fand man auch heraus, dass sich das Klima unter der Dunstglocke schon erheblich verändert hat: 1970 hatte Münchens Innenstadt 300 Stunden weniger Sonne als das Umland, dafür aber eine höhere Niederschlagsmenge und höhere Durchschnittstemperaturen, sprich Erderwärmung.

Gesundheitliche Schäden sind nicht auzuschließen

Die bislang immer noch üblichen Beruhigungsversuche kamen nun nicht mehr an. Verunsicherte, verängstigte Bürger gingen gleichsam "in die Luft". Die Verantwortlichen gaben Großalarm. Der junge, weitblickende Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel sagte unverblümt: "Ernsthafte gesundheitliche Schäden sind auf Dauer nicht auszuschließen." Wenn man die Luftveränderungen nicht rechtzeitig bremse, könnten sie sich gefährlich ausweiten.

Früher Warner: OB Hans-Jochen Vogel im Jahr 1971, in dem er erklärte, man könne nicht davon ausgehen, sein Auto immer benutzen zu dürfen.
Früher Warner: OB Hans-Jochen Vogel im Jahr 1971, in dem er erklärte, man könne nicht davon ausgehen, sein Auto immer benutzen zu dürfen. © imago images/Sven Simon

Die Giftwolke von 1971

Tatsächlich schob sich Anfang Januar 1971 über die Olympiastadt in 100 Metern Höhe eine kalte Giftwolke, eine sogenannte Inversionsschicht, die von den wärmeren Luftströmungen nicht durchdrungen und zerstört werden konnte. Erste Wirkungen einer gesundheitlichen Katastrophe zeigten sich an. Ärzte und Kliniken verzeichneten ein plötzliches Ansteigen von Kreislaufbeschwerden, Herzanfällen und Infarkten. Am Nachmittag des 9. Januar waren die Rotkreuzhelfer dermaßen beschäftigt, dass sie bei den Krankentransporten nur noch die Nachnamen der eingelieferten Patienten notieren konnten. Dieser Tag vor genau 50 Jahren ging als "Smog-Samstag" in die Münchner Medizingeschichte ein.

Auf Bundesgesetze kann nicht länger gewartet werden

Auf langfristige Planungen, etwa auf ein Bundesgesetz und Maßnahmen der Autoindustrie, konnte und wollte München unter diesen Umständen nicht mehr warten. Der ADAC führte erste Abgaskontrollen auf mehreren Prüfständen ein. Großbetriebe folgten einem Aufruf des "Verkehrsparlaments" der "SZ", in dem sie sich bereiterklärten, ihre Dienstfahrzeuge durch technische Zusatzausrüstung entgiften zu lassen. Und die SPD-Fraktion im Stadtrat (die Grünen tauchten erst in den 80er Jahren im Rathaus auf) forderte ein freiwilliges Warnsystem, mit dessen Hilfe die Kraftfahrer bei Überschreiten gewisser Belastungsgrenzen aufgefordert würden, vorübergehend auf den Gebrauch ihres Autos zu verzichten. Auch die Düsenabgase auf dem Flughafen sollten kontrolliert werden.

Ehemaliger Bürgermeister Vogel gegen "Freie Fahrt für freie Bürger"

Vogel stellte die ADAC-Parole "Freie Fahrt für freie Bürger" radikal in Frage: "Wer eine Trompete kauft, der weiß, dass er sie nicht an jedem beliebigen Ort und zu jeder Zeit benützen kann. Mit dem Auto wird es künftig nicht anders sein." Sobald im nächsten Jahr die unterirdischen Bahnen fahren und die Fußgängerzone ausgebaut ist, wollte der Politiker, der sich längst von der "autogerechten Stadt" verabschiedet hatte, den Kfz-Verkehr in der Innenstadt drastisch reduzieren. So hat in München der Widerstand gegen den offenbar gewordenen Klimawandel seinen Anfang genommen.

Dicke Luft beim Radeln

Inzwischen hatte der Beamte Walter Henle, Pendler aus Tutzing, dem Stadtgespenst juristisch beizukommen versucht. Als Bürger klagte er wegen "gemeingefährlicher Vergiftung" gegen unbekannt, wobei er sich auf den Straftatbestand der Brunnenvergiftung berief. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, stellte sie aber ein, weil die Luft im Freien kein zum öffentlichen Gebrauch bestimmter Gegenstand sei.

Kämpfer gegen den Feinstaub: der heutige Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek 2005 an der Landshuter Allee.
Kämpfer gegen den Feinstaub: der heutige Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek 2005 an der Landshuter Allee. © imago images/Lindenthaler

Jahre später griff ein anderer Bürger in den Kampf gegen die Klimaschädlinge ein. Dieter Janecek fuhr immer mit dem Rad in die Stadt, er war Landesgeschäftsführer der bayerischen Grünen. Seit einiger Zeit bemerkte der damals 29-Jährige gleich beim Losstrampeln, dass ihm das Atmen schwerfiel. "Wieder dicke Luft," dachte er. Ältere Nachbarn hatten schon öfter über hartnäckigen Husten geklagt. Tag für Tag rollten vor Janeceks Mietshaus durchschnittlich 60.000 Kraftfahrzeuge über den Mittleren Ring. Die Stadt kannte diesen neuralgischen Punkt, deshalb hatte sie dort eine Luftmessstation aufstellen lassen, eine von 64 in ganz Bayern.

Europäische Grenzwerte werden in München überschritten

Seit 1. Januar 2005 gilt auch für Deutschland eine europäische Richtlinie, wonach örtlich ein Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft an höchstens 35 Tagen im Jahr überschritten werden durfte. Janecek, der Grüne, konnte unschwer in Erfahrung bringen, dass dieses Limit bereits am 26. März überschritten wurde. Janecek fühlte sich persönlich betroffen, sah aber auch eine Gesundheitsgefahr für die Gesamtbevölkerung und ahnte eine schleichende Katastrophe.

Er verklagte Stadt und Freistaat, forderte verkehrspolitische Maßnahmen zur Einhaltung der Richtlinie. Doch das Verwaltungsgericht wies die Klage im Eilverfahren ab. Die geforderten Verkehrsbeschränkungen seien nicht im Luftreinhalteplan aufgeführt. Im Übrigen sei die Feinstaubbelastung ein "umfassendes Problem, das sich nicht auf eine begrenzte örtliche Verkehrssituation beschränkt". Daher erfordere es gesamtpolitische Maßnahmen, die "global wirksam werden".

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Der Abgewiesene ging, von drei Umweltverbänden unterstützt, in die Berufung. Überraschenderweise gab dasselbe Bayerische Verwaltungsgericht dem Kläger Recht: "Es ist nicht mehr rechtmäßig, wenn die zuständige Behörde trotz der von Anfang an evidenten Überschreitungsgefahr noch immer keinen Aktionsplan vorlegen kann." Ein solcher Plan sei nun vom Freistaat unverzüglich aufzustellen, auch wenn er die großflächige Luftverschmutzung nur teilweise beeinflussen könne.

Vieles, was heute gilt, wurde vor 50 Jahren angestoßen

Um die Luftverschmutzung durch Feinstaub, Stickstoffoxide und andere Schadstoffe deutlich zu verringern und dadurch die Volksgesundheit zu schützen, werden heute weltweit zahlreiche Maßnahmen angewandt, wozu Menschen in der beinahe erstickenden Millionenstadt an der Isar vor 50 Jahren entscheidende Anstöße gegeben hatten: von Verbrennungs- und Fahrverboten bis zur Planung vorbildlicher Umweltzonen. Längst hat München einen - wenn auch manchmal kritisierten - Luftreinhaltungsplan. Der Luft-Kampf geht weiter, es geht auch dabei um unsere Existenz.


Teile des Beitrags fußen auf dem "Münchner Katastrophenbuch" von Karl Stankiewitz.

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