Caren Miosga tut alles, um CDU- und SPD-Fraktionschefs aus der Reserve zu locken - vergebens

Einmal mehr möchte Caren Miosga mit ihren Gästen über die schwarz-rote Regierungskrise sprechen. Doch die Fraktionschefs der beiden Regierungsparteien üben sich erfolgreich an einem harmonischen Auftritt. Von einer Krise fehlt in der Sendung jede Spur.
von  Marko Schlichting
Gegen die geschlossene Einheit der beiden Fraktionsvorsitzenden Thorsten Frei (CDU, Mitte) und Matthias Miersch (SPD) waren Caren Miosgas Fragen chancenlos.
Gegen die geschlossene Einheit der beiden Fraktionsvorsitzenden Thorsten Frei (CDU, Mitte) und Matthias Miersch (SPD) waren Caren Miosgas Fragen chancenlos. © ARD/Thomas Ernst

Je länger "Caren Miosga" am Sonntagabend läuft, desto mehr hat man als Zuschauer vor Augen, was sich im Vorfeld der Sendung abgespielt haben könnte: Es ist Sonntagnachmittag. CDU-Fraktionschef Thorsten Frei und sein SPD-Kollege Matthias Miersch haben sich getroffen, um über ihren gemeinsamen Auftritt in der Polit-Talkshow im Ersten zu sprechen. Vor Miersch steht ein dampfender schwarzer Kaffee, genüsslich mampft er eine Currywurst. Darauf steht er, sagt der Niedersachse im Laufe der Talkshow. Ihm gegenüber sitzt Thorsten Frei mit einem Kaffee mit viel Zucker. Sie wissen, dass sie am Abend bei Caren Miosga sein sollen. Nach einem kurzen Gespräch steht der inoffizielle Beschluss: "Heute streiten wir uns mal nicht."

Und tatsächlich wird diese Abmachung im Anschluss von keinem Amtsträger der beiden Parteien infrage gestellt. Auch von Miersch und Frei nicht. Die wirken wie ein Herz und eine Seele. Dabei gibt sich Caren Miosga alle Mühe, die beiden aus der Reserve zu bringen. Immer wieder versucht sie, den aktuellen Streit in der schwarz-roten Koalition anzusprechen, geht sogar bis zur verkorksten Wahl Frauke Brosius-Gersdorfs zur Verfassungsrichterin zurück. Das war im Sommer 2025. Doch alle Versuche, die gelebte Harmonie der beiden Fraktionsvorsitzenden zu enttarnen, prallen an den beiden Politikern ab. Krise? Welche Krise?

Miersch: "Ganz sicher, dass diese Koalition stabil ist"

Den Schilderungen Thorsten Freis zufolge braucht sich niemand Sorgen über die Stimmung zwischen den beiden Regierungsparteien zu machen. "Der Umgang in dieser Koalition ist grundsätzlich ein guter", sagt er. Das Vertrauensverhältnis sei "gegeben". Frei weiter: "Ich gebe gerne zu, dass wir da nicht immer, nicht zuletzt auch in der letzten Woche, auch den entsprechenden Anschein in der Öffentlichkeit machen. Daran müssen wir sicherlich besser arbeiten, denn die Ergebnisse, die wir gemeinsam erarbeiten, die sind ja unbestritten da, und dann sollten wir auch, wenn wir sie haben, gut darüber reden." Fast ein dutzend Gesetze hätten die Koalitionäre in der vergangenen Woche durch den Bundestag gebracht. Gemeinsam. Da könne von Streit keine Rede sein.

Gut, da war die Sache mit der SPD-Ministerin Bärbel Bas, die am vergangenen Montag ihren Rücktritt von sämtlichen Ämtern bekannt gab und sich anschließend über verbale Angriffe auch vom Koalitionspartner CDU beklagt hatte. Das sei nur ein einziger Politiker gewesen, nämlich Christian von Stetten, sagt Frei dazu. Außerdem habe ihm niemand zugestimmt, als er am 11. September den Rücktritt der Politikerin forderte. Auch Miersch macht klar: Nicht die gesamte CDU-Fraktion habe sich falsch verhalten, nur einzelne Politiker. Und sonst? "Da bin ich ganz sicher, dass diese Koalition stabil ist", sagt Miersch.

Selbst das Streitthema Rente ist keines

Frei stimmt ihm zu. Aber eine Ausnahme gibt es doch, denkt man zumindest: Die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren, wie sie jetzt korrekt genannt wird, also die Rente mit 63. Die will die SPD abschaffen, hatte man bisher gedacht. Doch selbst das klingt an diesem Sonntagabend ganz anders. Miersch: "Unser Ziel ist, und da bin ich mir mit Manuela Schwesig, mit Anke Rehlinger, auch mit Alexander Schweitzer einig: Wir sehen, das ist eine große Rentenreform. Und die wollen wir. Aber wir sehen, dass diese Regelung dem Gerechtigkeitsempfinden von ganz vielen widerspricht. Und es ist ja nicht nur die SPD, sondern es sind auch CDU-Ministerpräsidenten. Wir wären doch mit einem Klammerbeutel gepudert, wenn wir jetzt einfach nach dem Motto 'Augen zu und durch' verfahren. Wir müssen uns das angucken, und danach hoffe ich, eine Regelung zu haben, mit der wir wirklich alle gut vor die Bürgerinnen und Bürger treten können."

Dass Frei die Rente mit 63 abschaffen will, ist bekannt. Ihm geht es ums Prinzip: Würde man einen Punkt des "Gesamtkunstwerks" Rentenreform infrage stellen, dann käme der nächste und wolle einen anderen Punkt diskutieren, und das gehe dann immer so weiter. Reden über die Rente mit 63 ja, hier und da an einer Schraube drehen, aber die Abschaffung müsse kommen.

Ein Bild wie auf der Titanic

Vor einigen Tagen war Frei bereits in der Talkshow von Sandra Maischberger zu Gast. Da hatte sein Diskussionspartner, SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf, über die Entscheidung der sachsen-anhaltinischen CDU geschimpft, bei den Ministerpräsidentenwahlen den Raum zu verlassen. Wenigstens da muss doch eine kleine Meinungsverschiedenheit rauskommen, muss sich Caren Miosga gedacht haben und hakt dementsprechend nach. Doch auch hier tun Frei und Miersch der Moderatorin den Gefallen nicht. Das sei Sache der CDU in Sachsen-Anhalt, sagen sie unisono.

Frei und Miersch wirken am Sonntagabend wie die Musiker auf der Titanic: Das Schiff sinkt und die Kapelle spielt zum Tanze. Dennoch: Irgendwie macht diese Ausgabe von Miosga Hoffnung. Man hat gesehen: Wenn die Politiker in Berlin wollen, können sie richtig gut zusammenarbeiten. Leider wollen sie zu selten.

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