100 Prozent Sechzig: Andreas de Biasio sieht die Löwen mit seinem Herzen

Er kennt alle und alle kennen ihn: Andreas de Biasios Lebensinhalt sind die Sechzger - und das, obwohl er die Spiele seines Herzensklubs gar nicht sehen kann. Dem Papst hat er mal einen 1860-Schal geschenkt.
| Matthias Eicher
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"Mein Herzensverein": Für Andreas de Biasio (hier mit Ex-Löwe Rodnei) sind Besuche im Trainingslager selbstverständlich.
"Mein Herzensverein": Für Andreas de Biasio (hier mit Ex-Löwe Rodnei) sind Besuche im Trainingslager selbstverständlich. © sampics/Augenklick

München - Andreas de Biasio ist ein bemerkenswerter Mann. In der Saison 1993/94 war er, an seines Vaters Hand, zum ersten Mal im Grünwalder Stadion - ein Besuch mit Folgen.

"Damals wurde ich vom Löwen-Virus infiziert", erzählt er der AZ über den 4:1-Sieg der Sechzger vor 29 000 Zuschauern gegen Bochum. Wenig später durfte er den Aufstieg in die Bundesliga bejubeln. Überhaupt hat er kaum ein Spiel seiner Sechzger versäumt - und das, obwohl er noch nie eines gesehen hat.

Der TSV 1860 ist sein Lebensinhalt

Seit seiner Geburt ist de Biasio blind und sitzt im Rollstuhl. "Natürlich macht man sich immer wieder Gedanken, wie schwer es ist. Aber wenn du zu viel darüber nachdenkst, gehst du kaputt", erzählt er. Anstatt sich zu grämen, hat er sein Leben deshalb den Löwen verschrieben. "Sechzig ist mein Herzensverein, mein Lebensinhalt. Wenn ich schätzen müsste, dann sind es fast 100 Prozent, mit denen ich mich täglich mit 1860 beschäftige."

Er kennt alle Löwen - und sie ihn

Alpha-Löwe Sascha Mölders und Co. - nicht nur de Biasio kennt sie alle, seine Idole - auch sie kennen ihn. Und sie schätzen ihn für seine Fan-Treue. "Man redet halt ganz locker miteinander, wenn man sich trifft", sagt de Biasio cool: "Vor allem mit Sascha ist es witzig, er bringt immer einen Spruch."

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Sein Vater kommentiert das Spiel für ihn

Vor der Corona-Krise war es für die Spieler, das Trainerteam und andere Kiebitze ein gewohntes Bild: Vater Eduard schiebt seinen Sohn Andi in seinem Rolli zum Trainingsgelände, um ganz nahe dran zu sein an den Sechzgern. Spiele wie Trainingseinheiten verfolgt de Biasio junior zumeist mit seinem Papa als Chef-Souffleur: "Mein Vater und manchmal auch Freunde erzählen mir, was passiert." Dank moderner Technik ist Andi auch sonst immer up to date, wenn es um Münchens große Liebe geht: "Ich sauge rund um Sechzig alles auf, sehr viel übers Internet. Dafür habe ich eine Blindentastatur mit Sprachausgabe."

Was in der Corona-Krise zu kurz kommt

Momentan vermisst der begeisterte 1860-Fan inmitten der Corona-Krise hauptsächlich "die Spiele, die Trainingseinheiten und die Trainingslager. Man sieht Sechzig leider nicht live, sondern nur im Fernsehen", klagt de Biasio über die Tatsache, dass es die Löwen derzeit nicht zum Anfassen gibt, zum Schutze aller Beteiligten nicht geben darf. Und: De Biasio fehlt sein Job, mit dem er seinen Sechzgern sogar zu Diensten sein kann.

Seit 2015 arbeitet er für das Nachwuchsleistungszentrum der Giesinger, er koordiniert und begleitet soziale Projekte. "Mit der U10 waren wir im Spastikerzentrum, dem ICP München und haben zusammen mit Kindern von dort eine Faschingsparty gefeiert. Mit der U17 haben wir eine Einrichtung für Sehbehinderte besucht", zählt er auf: "Oder das allererste Projekt: Da haben wir beim FC Wacker München mit Flüchtlingen trainiert. Schade, dass diese Dinge momentan leider alle ausfallen müssen."

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De Biasio koordiniert soziale Projekte für junge Löwen

Manfred Paula kennt das Dilemma. Der NLZ-Chef weiß um die Wichtigkeit sozialer Projekte und lobt de Biasio für seinen tatkräftigen Einsatz: "Wir freuen uns sehr über sein großes Engagement für 1860. Wir wollen unsere Jung-Löwen nicht nur fußballerisch ausbilden. Es ist wichtig, dass sie über den Tellerrand hinausschauen. Wir sind sehr dankbar für das, was Andi in diesem Bereich leistet." Viele Menschen erleben in diesen Tagen voller Ängste und Ungewissheit eine schwere Zeit. Umso dankbarer ist de Biasio seinen Löwen für das, was sie ihm selbst bescheren.

Mit dem dritten Tabellenplatz ist der Fan sehr zufrieden

Ein Moment, den er nie vergisst: Mit einer 1860-Delegation besuchten die de Biasios vor einigen Jahren eine Audienz von Papst Franziskus im Vatikan. "Er kam her und hat sich Zeit für uns genommen. Ich habe ihm einen Löwen-Schal geschenkt und er hat gescherzt, als wir ihm gesagt haben, dass wir aus München kommen: "Dort gibt es zu viel Bier." Seine Sechzger bescheren ihm auch ganz aktuell trotz aller Sorgen fröhliche Momente. "Ich habe auch Tage, an denen es mir in der Corona-Krise nicht so gut geht. Aber ich freue mich sehr, dass es so gut läuft. Platz drei - das ist top! Ich fiebere immer mit und freue mich über jeden Löwen-Sieg."

Auch, wenn er es nicht mit eigenen Augen sehen wird, eine Vision hat de Biasio trotzdem: "Endlich herrscht Ruhe im Verein. Wenn wir jetzt noch die Rückkehr in die Bundesliga schaffen würden…" So wie damals, in seiner ersten Saison als Löwen-Fan.

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