Interview

Wladimir Kaminer im EM-Gespräch: "Noch nie hatte Russland so wenig Freunde auf der Welt"

Der deutsche Schriftsteller Kaminer spricht in der AZ über seine russischen Wurzeln und Genosse Putin: "Jedem ekligsten Diktator über den Kopf zu streicheln, sei es Assad oder Lukaschenko: Da könnte ich kotzen."
| Thomas Becker
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Skeptischer Blick zum französischen Regierungs-Chef Emmanuel Macron: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Skeptischer Blick zum französischen Regierungs-Chef Emmanuel Macron: Russlands Präsident Wladimir Putin. © Christian Charisius/dpa

EM-Gespräch mit Wladimir Kaminer: Der deutsche Schriftsteller wurde 1967 in Moskau geboren, sein Buch "Russendisko" war ein Bestseller.

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer.
Der Schriftsteller Wladimir Kaminer. © Markus Scholz/dpa

AZ: Herr Kaminer, Ihr neues Buch "Der verlorene Sommer - Deutschland raucht auf dem Balkon" handelt vom Leben in Corona-Zeiten. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
WLADIMIR KAMINER: Ich habe mich sehr viel digital mit Menschen unterhalten. Das war eine große Hürde für mich, weil man die Reaktion der Menschen nicht einschätzen kann. Der Gesichtsausdruck täuscht. Man weiß nicht, warum sie lachen. Lesen sie gerade eine lustige Geschichte oder werden sie von ihrer Katze gestreichelt? Ich bin kein Freund der digitalen Kommunikation. Umso mehr freue ich mich, dass wir uns wieder wie normale Menschen unterhalten können, dass es jetzt losgeht mit Open-Air-Lesungen.

Was macht mehr Spaß: Schreiben oder Vorlesen?
Das Vorlesen natürlich! Ich nutze meine Bücher eigentlich nur dazu, um auf Lesereise zu gehen - und mit den Menschen im Gespräch zu bleiben. Aber die Corona-Pause war eine interessante, bereichernde Erfahrung. In Russland sagt man: Man darf sich nie lossagen von Armut und Knast. Corona war natürlich nicht so schlimm wie ein russischer Knast, aber es war schon Hausarrest. Mir fehlten vor allem fremde Menschen. Wenn man nur mit denen zu tun hat, die man sowieso kennt, gehen die einem irgendwann auf den Geist.

"Für mich ist Fußball ein sehr wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens"

Fußball haben Sie in den 80ern auch gespielt, im Moskauer Ruderclub Zenit, weil es zum Rudern meist zu kalt war. Kicken Sie heute noch?
Selten, ich bin kein großer Spieler. Ich habe neben unserem Haus mit Geflüchteten gespielt, wenn sie noch einen gebraucht haben. Aber jetzt sind sie alle weg, ich weiß nicht mal wohin. Für mich ist Fußball ein sehr wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens und des menschlichen Zusammenseins, egal ob im Stadion oder vor der Glotze. Eine Grundsäule unserer Zivilisation.

Wie sehr verfolgen Sie Fußball dieser Tage?
Natürlich tun wir das! Das gehört zum Leben. Das machen meine beiden Kinder auch, obwohl sie keine Fußball-Fans sind. Wenn Deutschland spielt, sind wir für Deutschland, und wenn Russland spielt für Russland - auch wenn die sehr, sehr schlecht spielen. Die brauchen tatsächlich Unterstützung.

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Wie interessant finden Sie Themen wie den Wechsel von Jogi Löw zu Hansi Flick?
Eine gravierende Entscheidung! Wechsel des Führungspersonals bei einer Nationalmannschaft: Das muss sein! Man kann sich nicht wie in autokratischen Regimen immer auf den Gleichen verlassen. Irgendwann verliert der mal das Gefühl für die neue Zeit, weil die Zeiten sich ändern - und die Spieler auch. Deshalb muss sich auch die Führung der Mannschaft erneuern.

"Ich suche mir eine Kneipe, wo viele Menschen sind, je mehr, desto besser"

Wie schauen Sie Fußball?
Ich suche mir eine Kneipe, wo viele Menschen sind, je mehr, desto besser. Und es sollten Menschen sein, deren Sprache ich nicht verstehe. Das ist in Berlin leicht zu finden. Hier ist das fast in jeder Kneipe so. Ich freue mich sehr über die EM. Sie wird ein wichtiges Zeichen sein, dass das normale Leben langsam zurückkehrt.

Die EM findet in elf Ländern statt, mitten in einer Pandemie - eine gute Idee?
Sehr gewagt, aber ein richtiger Schritt im Kampf gegen das Virus. Die Idee mit den elf Ländern ist gut: Das einigt Europa. Und wenn wir Russen auch dabei sind, ist das ein gutes Zeichen. Es gibt überhaupt keine Grundlage mehr für politische Zusammenarbeit, für Gespräche. Wahrscheinlich müssen Kultur und Sport das übernehmen. Wir bleiben Nachbarn, und wollen auch im Guten mit den Nachbarn leben.

Laut des Weltverbandes Fifa haben Sport und Politik nichts miteinander zu tun. . .
Die Fifa kann sagen, was sie will: Heutzutage ist alles Politik. Jeder Restaurantbesuch wird zur Politik. Politik ist nicht mehr auszutreiben aus dem Alltag der Menschen.

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Das letzte Mal, dass Russland normal war? "Bei der WM 2018"

Seit der Krim-Krise waren Sie nicht mehr in der Heimat, haben am 1. Mai am Brandenburger Tor eine "Russendisko" veranstaltet und "Stoppt Putins Krieg!" gefordert. Wie ist Ihr Verhältnis zu Russland?
Das Regime und ich, wir haben große Auseinandersetzungen. Ich weiß nicht, ob das Regime das auf dem Schirm hat, aber für mich ist das sehr deutlich. Ich war immer für ein offenes, europäisches Russland. Es wäre so toll, denn dieses Land ist bevölkert von kreativen, wunderbaren Menschen, die Europa hätten bereichern können. Nur wegen einer dämlichen politischen Führung von Autokraten, die Angst haben, die Zügel aus der Hand zu geben und denken, ohne sie würde das Land ins Chaos stürzen, haben sie nun eine solche Stellung. Noch nie hatte Russland so wenig Freunde auf der Welt, nicht mal zu Sowjet-Zeiten. Jedem ekligsten Diktator über den Kopf zu streicheln, sei es Assad oder Lukaschenko: Da kann ich nur kotzen, wenn ich diese Bilder sehe. Wissen Sie, wann Russland zuletzt normal war?

Nicht wirklich.
Bei der WM 2018. Da waren plötzlich alle große Freunde.

Aber öffentlich seine Meinung kundtun, war da ja auch schon kaum mehr drin.
Aber es war ein Zeichen der Hoffnung, nicht vergleichbar mit der heutigen Situation.

Dank Genosse Putin sind die Aussichten auf Besserung ja nicht so schnell vorhanden?
Ich bin Optimist und glaube, dass die Vernunft bei den Menschen siegt und sie langsam den Kurs wechseln. Es ist absurd, allein gegen den Strom zu schwimmen. Das schwächt das Land und macht das Konzept vom großen, mächtigen Russland lächerlich. Wie groß und mächtig willst du sein in einer Welt, in der niemand mit dir spricht? Das Land ist voller junger Menschen, die eine Zukunft haben und in einer normalen Welt leben wollen. Aber das müssen die Russen selbst klären, von außen wird keiner etwas ändern können. Eine interne Angelegenheit. Ich als Russe nutze meine Möglichkeiten, um die Stimme der Opposition zu unterstützen. Das sehe ich als meine Pflicht an.

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