Interview

Kabarettist Dorfer: "Den Löw haben wir in Österreich ausgebildet"

"A bisserl ist Nordmazedonien für Deutschland, was die Färöer-Inseln für Österreich sind, sozusagen das deutsche Äquivalent", sagt Ösi-Kabarettist Alfred Dorfer über den EM-Auftakt gegen den Deutschland-Bezwinger.
| Matthias Kerber
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Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer kennt sich auch im Fußball gut aus. (Archivbild)
Der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer kennt sich auch im Fußball gut aus. (Archivbild) © Daniel Karmann/dpa

Für Österreich geht es zum EM-Auftakt gegen den Deutschland-Bezwinger Nordmazedonien. In der AZ spricht der Kabarettist Alfred Dorfer über Bildungsflüchtlinge, den Alaba-Wechsel und Pointen des Fußball-Gottes.

AZ: Herr Dorfer, für Ihr Heimatland Österreich geht es bei der EM gleich zum Auftakt gegen Nordmazedonien. Ein Land, das durch den Sieg über Deutschland in der WM-Qualifikation erst richtig bekannt wurde. Die EM sieht urplötzlich wie ein schwieriges Los für "tu felix Austria" aus.
ALFRED DORFER: Noja, bis zu diesem historischen Fußballtag im März waren wir mit der Auslosung noch sehr zufrieden, das hat sich da schlagartig geändert. Jetzt herrscht - wie man bei uns in Wien so sagt - Muffensausen. Die österreichische Volksseele kennt ja nur zwei Gemütszustände: komplett euphorisch - oder komplett enttäuscht, an der Grenze zur klinischen Depression. Das gesunde Mittelmaß fehlt uns ja. Bei der letzten EM, als wir in der Qualifikation sehr gut waren, dachten wir auch, alles andere als der Titelgewinn wäre eine Katastrophe. Nun, es ging gegen Ungarn, und es endete sehr hässlich - für uns. Daher sind wir den Deutschen sogar a bisserl dankbar. Dadurch, dass sich die Deutschen gegen Nordmazedonien geopfert haben, ist uns bewusst geworden, dass der Sieg noch nicht verbucht ist. Aber klar, a bisserl ist Nordmazedonien für Deutschland, was die Färöer-Inseln für Österreich sind, sozusagen das deutsche Äquivalent.

Die legendäre Pleite der Austria-Teams im Jahr 1990 gegen die Mannschaft der kleinen Insel, bei denen Torhüter Jens Martin Knudsen auch noch mit Bommelmütze spielte.
So soll es sich wohl zugetragen haben. . .

War Ihnen Nordmazedonien vorher ein Begriff?
Wir Österreicher haben den Vorteil, dass wir wussten, dass es das Land überhaupt gibt, weil wir in der EM-Quali zwei Mal gegen die gespielt haben. Sie haben gute Legionäre, die in Italien spielen. Ansonsten wusste ich, dass sich Nordmazedonien und Griechenland einen bitteren Streit liefern, wer für sich in Anspruch nehmen darf, dass Alexander der Große einer der ihren ist.

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Stichwort Legionäre: Das österreichische Nationalteam besteht zu einem großen Teil aus Spielern, die ihr Geld in der Bundesliga verdienen.
Stimmt, es wird auch von uns sehr honoriert, dass Deutschland sich um die Ausbildung unserer Kicker verdient macht. Wie man wieder gesehen hat, unsere Liga dient sicher nicht als Ausbildungsbetrieb, zumindest nicht, wenn man was erreichen will. Im Gegenzug nehmen wir sehr viele Bildungsflüchtlinge aus Deutschland auf, denen wir hier einen Abschluss ermöglichen und die wir auf unsere Steuergelder ernähren, meist mit drei Mahlzeiten am Tag. Das ist ein sehr erfolgreicher Austausch.

Einen Spitzenplatz mussten die Deutschen in Österreich kürzlich räumen.
Auch das stimmt. Lange, lange Zeit waren die Deutschen in den Kriminalstatistiken in Österreich führend, da wurden sie jetzt überflügelt. Wobei man zur Ehrenrettung der Deutschen sagen muss, es reicht eher zum Kleinkriminellen, zur Alltagskriminalität, bei den ganz schweren Delikten waren sie nie so präsent.

Paneuropäische EM als Zeichen gegen Nationalismus

Zurück zur EM, die Idee, einer paneuropäischen Idee. . .
. . .die gefällt mir als absolutem Fußballromantiker natürlich. Ich denke, dass so etwas ein gutes Signal ist gegen den Nationalismus, der um sich greift.

Es passt aber wieder, dass der frühere Uefa-Präsident Michel Platini, dessen Idee das war, inzwischen diskreditiert ist.
Man muss sagen, der Fußballgott weiß, wie man gute Pointen schreibt. Das muss man ihm lassen. Die Verbände Uefa und Fifa, die sich so gerne Werte wie Sportlichkeit, Fairness - die einem Romantiker wie mir ja so gut gefallen - auf die Fahnen schreiben und gerne der Öffentlichkeit präsentieren, finden, wenn es darum geht, eine WM in Katar oder die EM in Baku stattfinden zu lassen, genau diese Fahnen dann leider nicht mehr.

Wie fanden Sie die Aktion der deutschen Nationalelf, die mit dem Wort "Human Rights" auf den Trikots gegen die WM in Katar protestiert haben?
Ob das jetzt aus innerster Überzeugung kam, oder mehr ein Heulen mit den Wölfen war, kann ich nicht beurteilen. Aber: Irgendwas zu tun, ist immer besser, als gar nix zu tun. Durch ihre Vorbildwirkung werden die Fußballer schon was erreichen, ja.

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In Österreich gibt es noch viele Monarchie-Romantiker, wie groß war die Freude, dass David Alaba zu Real Madrid, den Königlichen, wechselt?
Da war das Unverständnis größer als die Freude. Wenn man davon ausgeht, dass er bei Bayern nicht für einen Hungerlohn gearbeitet hat, und wenn man weiter davon ausgeht, dass Bayern jedes Jahr mit um den Sieg in der Champions League spielt, versteht man nicht, warum er zu einem Klub wie Real geht. Der FC Liverpool, das hätte was von Sex, oder FC Barcelona hat auch Sex-Appeal. Aber Real, das ja auch oft auf der falschen Seite stand - ich sage nur Diktator Franco -, das versteht hier keiner.

Alfred Dorfer: Den Löw haben wir in Österreich ausgebildet

In Deutschland geht eine große Ära zu Ende: Jogi Löw hört auf - und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Jo, eine ganze Generation an Menschen kennt nichts mehr als Löw und Merkel. Den Löw, den haben wir in Österreich - bei der Austria und in Innsbruck ausgebildet, damit er Bundestrainer werden kann, die Merkel nicht. Bei beiden kann man sich sicher fragen, ob sie es nicht vielleicht besser etwas früher hätten lassen sollen. Das jetzt erinnert ein bisschen ans Ende der Ära Helmut Kohl. Wenn man ankündigt, dass man aufhört, gibt man sich einer gewissen Schutzlosigkeit preis. Da ist es dann immer so, dass die Ratten aus den Löchern kommen. Diese Spezies stirbt sicher nie aus. Aber sie haben beide was geleistet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ära Flick/Baerbock ähnlich lange hält. (lacht)

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