Interview

Reinhold Messner: "Europa ist auf einem guten Weg"

Die Bergsteiger-Legende spricht über den EM-Auftakt Italiens gegen die Türkei, die Generation Greta und grassierenden Populismus.
| Florian Kinast
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"Klar ist mir aber auch, dass ich das Europa, das ich mir erträume, nicht mehr erleben werde", sagt der 76-jährige Reinhold Messner.
"Klar ist mir aber auch, dass ich das Europa, das ich mir erträume, nicht mehr erleben werde", sagt der 76-jährige Reinhold Messner. © picture alliance/dpa/TÜV Rheinland AG

AZ: Herr Messner, an diesem Freitag beginnt die Fußball-Europameisterschaft, haben Sie eigentlich selbst gekickt?
REINHOLD MESSNER: Nein, im Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es keinen Bolzplatz und auch kein Schwimmbad. Deswegen kann ich bis heute nicht schwimmen und auch nicht Fußball spielen. Wir hatten nur die Felsen zum Raufklettern, das war für mich als Jugendlicher die einzige Möglichkeit, mich auszutoben.

Fußball eignet sich ja hervorragend für Metaphorik aus der Welt des Bergsteigens. Der neue Bayern-Trainer Julian Nagelsmann sagte zu Leipziger Zeiten einmal, dass er ans Gipfelkreuz wolle und nicht nach einer Brotzeit auf halber Strecke wieder ins Tal umkehren wolle. Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie zwischen Fußball und Alpinismus?
Die Motivation schöpft aus ähnlichen Quellen. Es muss einen Trainer oder Expeditionsleiter geben, dem es gelingt, das Team auf ein Ziel einzuschwören, damit es erfolgreich vorankommt. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass die Mannschaft im Fußball meist größer ist als im Alpinismus.

"Thomas Müller hat mir mit seiner Art sehr gut gefallen"

Waren Sie am Berg ein guter Mannschaftsspieler? Oder lieber ein Einzelgänger?
Ich habe es am Berg immer auch allein versucht. Einfach, um mir zu zeigen, dass ich es kann. Natürlich war das oft gefährlich. Deswegen war ich am liebsten in kleinen Gruppen, im Idealfall zu zweit unterwegs. Als Absicherung, aber auch, weil man damit die Erfahrung verdoppeln und die Ängste teilen kann. Ein weiterer Unterschied ist, dass Fußball als globaler Wirtschaftsfaktor nur noch auf das Materielle zielt, Alpinismus in seiner Reinform hingegen ein künstlerischer Ausdruck ist.

Es gibt aber auch viele Individualisten im Fußball, die man gern als Künstler bezeichnet. Gab oder gibt es Spieler, die Sie faszinierten?
Ich habe 2010 die deutsche Mannschaft während ihrer WM-Vorbereitung in Südtirol bei mir auf Schloss Sigmunds-kron empfangen. Schon da hat mir Thomas Müller als sehr junger Spieler mit seiner Art sehr gut gefallen, auch heute halte ich ihn spielerisch und charakterlich für eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Aber natürlich steht für mich über allen Franz Beckenbauer. Der naive junge Beckenbauer war als Spieler ein Genie und ein großes Glück für den Fußball. Das sollte ihm ewig gedankt werden.

"Ich fühle ich mich nicht als Italiener, sondern als Südtiroler und als Europäer"

Wenn am Freitagabend Italien mit dem Spiel gegen die Türkei die WM eröffnet, wie ist es da bei Ihnen in der Heimat, fiebern da alle uneingeschränkt mit der Squadra Azzurra mit? Man hört ja oft, dass viele Südtiroler eher mit der deutschen Mannschaft oder auch den Österreichern sympathisieren.
Das ist nicht mehr so extrem wie früher. Die Identifikation mit den Italienern und die Unterstützung für das italienische Team hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Vorbehalte sind nicht mehr so groß, das liegt auch am für uns so wichtigen Tourismus. Wir schätzen die Italiener immer mehr als gute und konsumstarke Gäste.

"Die Identifikation mit dem italienischen Team hat in den vergangenen Jahren zugenommen", sagt der Südtiroler Reinhold Messner.
"Die Identifikation mit dem italienischen Team hat in den vergangenen Jahren zugenommen", sagt der Südtiroler Reinhold Messner. © picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press

Früher waren die Ressentiments viel größer. Das lag immer noch an der Erinnerung, wie Mussolinis Faschismus in den 1930er Jahren mit unseren Vätern und Großvätern umgegangen ist. Die Auseinandersetzung gipfelte in den 1960er Jahren mit den Anschlägen der Separatisten, der sogenannten "Bumser", die uns als selbsternannte Befreier nicht ins Mittelalter, aber in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurücksprengen wollten. Heute ist von einer feindseligen Stimmung zum Glück kaum mehr etwas zu spüren. Und doch fühle ich mich natürlich nicht als Italiener, sondern als Südtiroler und als Europäer.

Sie saßen ja vor 20 Jahren mal als Abgeordneter im Europaparlament, wie bewerten Sie heute den Zustand Europas und der EU in einer Zeit mit Populisten überall? Salvini zuletzt in Italien, der rechtsnationale Geist von Le Pen in Frankreich, Orban in Ungarn oder auch im deutschen Osten, wo wie in Sachsen-Anhalt eine mit Faschisten besetzte Partei fast jede vierte Wählerstimme erhält? Haben Sie Angst um Ihr Europa?
Zu Sachsen-Anhalt: Die AfD hat glücklicherweise wieder an Stimmen verloren. Man wird sie nicht von heute auf morgen loswerden, das Problem in der Ex-DDR liegt auch viel tiefer. Man hat es im - wie es so schön hieß - real existierenden Sozialismus, versäumt, die Zeit des Nazi-Terrors ordentlich aufzuarbeiten. Deutschland sehe ich nicht gefährdet, Frankreich vielleicht, der Brexit war traurig, Ungarn und Polen sind schlimm dran. Nur Geld von der EU nehmen, aber nicht zur Gemeinschaft stehen und demokratische Grundrechte aushebeln geht nicht. Populismus und Nationalismus sind eine schlimme Mischung, aber ich bin überzeugt, Europa wird darüber hinwegkommen.

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Die Frage ist, wann und wie.
Es ist zweifelsohne ein langfristiger Prozess. Den Nationalismus und das völkische Denken können wir nur überwinden, wenn wir ein starkes Europa der Regionen oder der Provinzen schaffen, in denen wir die Nationen nur noch als Krücke für eine große gemeinsame Gesetzgebung nutzen. Wichtig ist, dass wir den Populismus eindämmen. Dass die Dummheit, siehe Trump in Amerika, nicht überhandnimmt und in Positionen kommt, in denen sie ein Land oder gar einen Kontinent ruiniert. Aber wenn ich sehe, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben, ist das durchaus beeindruckend.

Was meinen Sie konkret?
Wir leben in einem Europa, in dem wir abgesehen von Jugoslawien in den 1990er Jahren seit mehr als sieben Jahrzehnten keinen Krieg mehr haben. Unsere Wälder sind nicht gestorben, unsere Flüsse und Seen sind sauberer als früher, und es geht uns besser als den Generationen vor uns. Wir leben in Frieden. Wir sind toleranter und weltoffener als früher. Ja, wir haben sicher nicht alles, aber doch vieles richtig gemacht. Und deswegen möchte ich mir auch von der Generation Greta nicht dauernd vorwerfen lassen, wir hätten alles falsch gemacht und ihnen die Zukunft verbaut. Auch das ist für mich Populismus.

"Nur protestieren, ohne Verantwortung zu übernehmen, ist billig"

Aber ist es nicht wichtig, dass die jungen Menschen das Klima, die Umwelt, die Ökologie so auf der Agenda hat? Halten Sie das etwa für überzogen?
Es ist richtig, es ist ein großes Thema, an dem die Menschheit arbeiten muss. Und es ist gut, wenn sich die Jugend engagiert. Was ich aber nicht stillschweigend akzeptiere, ist, wenn man uns, meine Generation, als Verbrecher beschimpft. Wie viele aus meiner Generation kann ich sagen, dass ich mich mehr für die Umwelt eingebracht habe als viele 16- bis 20-Jährige, die sich gerne bedienen und alles hinstellen lassen und darauf warten, bis ihnen ihr Erbteil zufällt. Mit Pauschalbeschuldigen kommt man nicht weiter. Es ist Verantwortung, die sie übernehmen müssen. Wie wir es auch taten.

Was erwarten Sie dann von der Generation Greta?
Dass die Jugend Abitur macht, studiert, in die Politik wechselt, einsteigt in die Realität und Entscheidungen trifft. Nur protestieren, ohne Verantwortung zu übernehmen, ist billig. Das Entscheidende ist Engagement für das gemeinsame Ganze.

Sie sind seit zwei Jahren Großvater, haben Sie manchmal Angst, welche Welt und welches Europa wir der Generation Ihrer Enkel hinterlassen?
Nein, ich bin zuversichtlich, dass wir weiter auf einem guten Weg sind. Ich hoffe, dass Europa wieder seine alten Stärken ausspielt und eine führende Kraft weltweit wird in Sachen Umwelt, Forschung, Kultur und Kreativität. Dafür werden sich die nächsten Generationen abmühen müssen, aber auch sie brauchen neue Aufgaben, um Positives zu erreichen. Klar ist mir aber auch, dass ich das Europa, das ich mir erträume, nicht mehr erleben werde.


Seit April in einer Neuauflage auf dem Markt: "Zurück in die Berge", eines der ersten Bücher von Reinhold Messner aus dem Jahre 1970. Die (Bergwelten Verlag, 144 Seiten, 20 Euro)

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