Interview

England-Schreck Didi Hamann betreibt Startelf-Werbung für Jamal Musiala

England- und Wembley-Experte Dietmar Hamann spricht in der AZ vor dem Achtelfinal-Knaller gegen die Three Lions über die Hoffnungsträger in der deutschen Elf – und die Chancen aufs Endspiel.
| Maximilian Koch
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Wäre eine Option für die Startelf: Jamal Musiala.
Wäre eine Option für die Startelf: Jamal Musiala. © imago/Laci Perenyi

München/London - AZ-Interview mit Dietmar Hamann: Der ehemalige Bayern-Profi und England-Legionär schoss das letzte Tor im alten Wembley-Stadion. Heute arbeitet der 47-Jährige als Experte für Sky.

AZ: Herr Hamann, wie schießt man eine deutsche Mannschaft zum Sieg in England? Sie haben es im Jahr 2000 beim 1:0-Sieg der DFB-Elf im letzten Spiel im alten Wembley-Stadion ja geschafft.
DIETMAR HAMANN: Für uns als Mannschaft war es damals ein wichtiges Tor, für mich selbst gar nicht so spektakulär. Der Rasen war nass, die Engländer haben keine Anstalten gemacht, eine Mauer zu stellen. Und da habe ich mir gedacht, ich führe den Freistoß mal schnell aus. Der Torwart hätte den Ball halten müssen, aber mir war es ganz recht, dass er reingegangen ist.

Wie hart hat dieses Tor die Engländer damals getroffen? Trainer Kevin Keegan sperrte sich ja auf dem Klo ein und trat zurück.
Spiele gegen Deutschland bedeuten den Engländern immer ein bisschen mehr als umgekehrt, weil die Deutschen in den vergangenen 20 Jahren eher mit den Franzosen und Spaniern in der Weltspitze auf Augenhöhe waren - und die Engländer nicht. Deutschland ist der englische Erzfeind, deswegen hat die Partie immer einen besonderen Stellenwert.

Ein Tor in Wembley - so wird's gemacht! Didi Hamann (r., mit Christian Ziege) erzielte 2000 den letzten Treffer in Englands Kathedrale.
Ein Tor in Wembley - so wird's gemacht! Didi Hamann (r., mit Christian Ziege) erzielte 2000 den letzten Treffer in Englands Kathedrale. © dpa

"Es war ein Treffer für die Geschichtsbücher"

Wurden Sie in Ihrer Zeit als Spieler in England oft auf das Tor angesprochen?
Ja, natürlich. Wobei es für mich gar nicht so eine große Bedeutung hatte. Da gab es wichtigere Tore in meiner Karriere. Aber klar: Es war ein Treffer für die Geschichtsbücher, weil es der letzte im alten Wembley-Stadion war. Das ist ganz nett. Aber dieses Tor hätte den Engländern mehr bedeutet als mir.

Kommen wir zum Achtelfinal-Duell an diesem Dienstag. Wer ist favorisiert?
Ich denke schon, dass die Engländer leichter Favorit sind, sie wirken etwas gefestigter als Deutschland. Sie haben auch noch kein Gegentor kassiert, hatten allerdings eine leichtere Gruppe als wir.

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Warum spielt Dortmunds Jadon Sancho eigentlich nicht von Beginn an?
Ich habe wirklich keine Ahnung. Für mich ist er der beste Flügelspieler der Engländer. Man hört, dass Sancho wohl nicht so gut trainiert, aber Trainer Gareth Southgate stützt andere Spieler wie Raheem Sterling, Phil Foden oder Marcus Rashford, die bislang nicht überzeugt haben. Das ist schwer verständlich. In England ist das Thema nicht so groß, weil die Leute wohl nicht verfolgt haben, wie stark Sancho in den letzten Jahren in Deutschland gespielt hat. Für uns kann das ein kleiner Vorteil sein.

Der gefährlichste englische Spieler

Wer ist der gefährlichste englische Spieler?
Jack Grealish. Er ist für Mason Mount in die Mannschaft gerückt. Grealish hat eine Qualität, die es in England lange nicht gab. Er ist ein richtiger Zehner, der aber auch unheimlich hart arbeitet. Er spielt sehr direkt, schafft neue Spielsituationen, ist stark im Eins-gegen-eins und nicht umsonst der meist gefoulte Spieler der Premier League. Er ist der Spieler, auf den wir aufpassen müssen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Leon Goretzka in die Startelf rückt.

Dann müsste Ilkay Gündogan auf die Ersatzbank - oder Toni Kroos.
Ich habe schon vor der EM gesagt, dass sich beide Spieler zu ähnlich sind. Beide sind keine defensiv denkenden Spieler, sondern Strategen, Spielmacher. In ihren Klubs haben Kroos (bei Real Madrid mit Casemiro) und Gündogan (bei Manchester City mit Rodri) zweikampfstarke Spieler neben sich. Da werden uns das Tempo und die körperliche Präsenz von Goretzka guttun, diese Qualitäten sind unabdingbar.

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Von wem bei Deutschland muss noch mehr kommen?
Wir müssen uns als Mannschaft steigern. Es wird ja viel auf die Offensivkräfte eingehauen, aber wir spielen insgesamt viel zu pomadig und behäbig. Wenn Serge Gnabry oder Leroy Sané den Ball auf der Seite bekommen, haben sie immer schon zwei Gegenspieler vor sich. Das macht Grealish bei den Engländern mit seiner Dynamik besser, deshalb hoffe ich auf Goretzka oder den jungen Jamal Musiala, den ich gern in der Startelf sehen würde. Er hat die Qualität, dass er mal mit einem Übersteiger oder einer Körpertäuschung einen Spieler austrickst. Das wäre wichtig.

"Überzogene" Kritik an Sané und Gnabry

Wie bewerten Sie die Kritik an Sané und Gnabry?
Die ist viel zu hart, überzogen. Bei Sané ist es ja in Mode gekommen, ihn zu kritisieren. Das hat er nicht verdient. Man kann über ihn streiten und sagen, dass er mehr aus seinen Möglichkeiten machen muss. Das tue ich auch. Aber er bemüht sich. Sein Selbstvertrauen ist gerade nicht so, wie es sein sollte. Da muss man ihn stützen und ihm helfen. Er hat herausragende Qualitäten. Wir schaffen als Team nicht die Situationen, in denen Sané und Gnabry glänzen können.

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Ist dennoch das Finale für Deutschland möglich?
Die Leistungen der deutschen Mannschaft waren bislang durchwachsen, aber wir sind natürlich in der besseren Hälfte des Turnierbaums. Im Viertelfinale würde Schweden oder die Ukraine warten, im Halbfinale dann Tschechien oder Dänemark. Wenn wir die Engländer also schlagen, haben wir gute Chancen. Umgekehrt ist es genauso. Wer diese Partie gewinnt, hat sehr große Möglichkeiten aufs Finale.

Wie geht die Partie aus?
Mein Herz sagt Deutschland, der Kopf England. Es sind zu viele Fragezeichen bei unserer Mannschaft. Wenn wir das Spiel lange offenhalten, können wir es vielleicht schaffen. Als Patriot sage ich 2:1 nach Verlängerung für uns.

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