"Nur Boateng und Neuer sind Weltklasse"

Thomas Helmer, Europameister von 1996, zieht nach den zwei deutschen Gruppenspielen ein erstes EM-Fazit. Lob gibt’s für die Verteidigung. „In der Offensive haben wir die meisten Probleme“, sagt er.
| Julian Buhl
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"Im Moment ist er nicht zu ersetzen für die Mannschaft", sagt Thomas Helmer über DFB-Abwehrchef Jérôme Boateng (r.), der hier gegen Polens Robert Lewandowski rettet.
dpa "Im Moment ist er nicht zu ersetzen für die Mannschaft", sagt Thomas Helmer über DFB-Abwehrchef Jérôme Boateng (r.), der hier gegen Polens Robert Lewandowski rettet.

Der ehemalige Innenverteidiger des FC Bayern (51) wurde 1996 mit der DFB-Elf Europameister. Heute arbeitet er als Moderator bei Sport1.

AZ: Herr Helmer, Sie waren am Donnerstag gemeinsam mit den Europameistern von 1996 in Paris im Stade de France. Wie ist der Abend so für Sie gelaufen?

Wie soll das abgelaufen sein? Wir haben auf der Tribüne gesessen, über die heutige Generation gelästert und dann sind wir wieder zurück ins Hotel. (lacht) Nein, im Ernst: Wir waren mal wieder erstaunt, mit was für einem Tempo heutzutage gespielt wird.

Das 0:0 gegen Polen hat die Stimmung also nicht getrübt?

Nein, wir haben uns alle gefreut, uns mal wieder zu sehen. Vom Spiel waren wir aber jetzt nicht besonders begeistert.

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Fangen wir mit dem Positiven an: Mats Hummels ist ins Team zurückgekehrt und Deutschland hat erneut kein Gegentor kassiert.

Mats hat ein ordentliches Spiel gemacht. Die Erkenntnis ist aber für mich, dass wir im Moment nur zwei Weltklassespieler haben: Der eine, Manuel Neuer, spielt im Tor – und der andere ist Jérôme Boateng. Nicht jeder blockt Robert Lewandowski noch so kurz vor dem Abschluss. Er hat schon eine außergewöhnliche Klasse. Im Moment ist er nicht zu ersetzen für die Mannschaft.

Schon beim WM-Triumph 2014 bildete er mit Hummels die Innenverteidigung. Kann das wieder der Schlüssel zum Erfolg sein?

Die Gegner haben eine Menge Respekt vor den beiden. Dass Mats durchgespielt hat, war ein großer Schritt für die weitere Europameisterschaft. Für ihn war es wichtig, zu merken: Da passiert nichts, die Verletzung ist ausgeheilt.

Boateng fand nach dem Spiel sehr deutliche kritische Worte Richtung Offensive.

Wenn einer das sagen darf, dann ist er das. Von der Leistung und vom Standing her. Ich finde es schon richtig, auch mal wachzurütteln. Die Offensive war für mich in beiden Spielen bisher enttäuschend. Wir dachten alle, da sind wir gut aufgestellt und bekommen da keine Probleme. Jetzt haben wir dort die meisten.

Lesen Sie hier: Löw stärkt Boss Boateng :

Woran hakt es im Angriffsspiel?

Wir sind im Moment so berechenbar für die Gegner, weil das Tempo fehlt. Wir laufen zu wenig, das wirkt sehr statisch. Thomas Müller ist weit von seiner Bestform entfernt, Mesut Özil genauso. Eigentlich dachte ich, das Tempo wäre eine unserer Stärken, aber die kommt einfach nicht zum Tragen. Das liegt einfach auch an der Form der Spieler. Müller hat nach all den Spielen in dieser Saison vielleicht nicht mehr so diese Frische im Kopf und trifft dadurch auch mal eine falsche Entscheidung. Aber wir kennen das ja bei ihm, dass er mal untertaucht und dann trotzdem plötzlich da ist.

Michael Ballack sagt: Es fehlt dem Team an Charakter und Persönlichkeiten.

Wir haben genug Persönlichkeiten. Wenn Thomas Müller nicht in Form ist, ist er nicht in Form. Aber er verliert ja dann nichts von seiner Persönlichkeit. Mein Eindruck ist, dass von der Bank auch kein Druck kommt. André Schürrle ist meistens der erste Einwechselspieler. Das war’s dann aber auch schon. Von Gomez als Joker halten wir alle nichts. Es wirkt nicht so, dass wir da wahnsinnig viele Möglichkeiten haben.

Ex-Kapitän Philipp Lahm verfolgte das Spiel zu Hause auf dem Sofa. Wie sehr fehlt er?

Es war klar, dass Philipp nicht eins zu eins zu ersetzen ist. Auf der Position haben wir aber gar keine Alternative. Das hat der Bundestrainer nicht hinbekommen. Wenn ein Innenverteidiger da spielen muss, sagt das eigentlich schon alles aus. Auf der rechten Seite sind wir echt schwach. Von Höwedes und Müller kommt bislang herzlich wenig.

Lesen Sie hier: Löw entspannt vor Nordirland-Spiel - Entwarnung bei Boateng

Das deutsche Team geht jetzt mit vier Punkten ins abschließende Gruppenspiel gegen Nordirland.

Man hat jetzt eine Situation, die man nicht wollte. Wer hätte gedacht, dass Nordirland die Ukraine schlägt? Jetzt muss das deutsche Team auf jeden Fall punkten und seine Form finden. Wenn die Gegner stärker werden und die Vorrunde vorbei ist, müssen wir uns auch steigern, sonst wird das natürlich gar nichts. Ich bin aber relativ optimistisch.

Trotz aller Startprobleme: Hat das deutsche Team das Potenzial, Sie und Ihre Kollegen von 1996 als bislang letzte deutsche Europameister abzulösen?

Ich habe zumindest nichts dagegen. (lacht)

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