Udo Lattek: „Knallhart, fair, großes Herz“

Am Dienstag wurde Udo Lattek beerdigt. In der AZ erinnert sich Fritz von Thurn und Taxis an die Trainerlegende. „Ein prall gefülltes Leben“
| Matthias Eicher
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Der größte Triumph mit dem FC Bayern: Udo Lattek beim Europapokal-Gewinn im Jahr 1974.
dpa Der größte Triumph mit dem FC Bayern: Udo Lattek beim Europapokal-Gewinn im Jahr 1974.

München - Frank Sinatras „My Way“ begleitete Trainer-Legende Udo Lattek auf seinem letzten Weg: Am Dienstag wurde der erfolgreichste deutsche Vereinscoach in Köln beigesetzt, zahlreiche Fußball-Größen erwiesen ihm die letzte Ehre. „Wir verlieren einen ganz, ganz großen Trainer und Menschen“, sagte Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes: „Es ist ein ganz trauriger Tag.“

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Der Liga-Boss hielt die Trauerrede, bevor etwa 100 Freunde, Verwandte und Weggefährten zu den Klängen des Sinatra-Klassikers den Sarg zum Grab geleiteten. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge wohnte der Beerdigung auf dem Friedhof Köln-Weiden ebenso bei wie etwa DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Lattek wurde an der Seite seines Sohnes Dirk beigesetzt, der 1981 mit 15 Jahren an Leukämie gestorben war.

Der legendäre Trainer, der zuletzt in einem Pflegeheim in Köln gelebt hatte, verstarb am 1. Februar im Alter von 80 Jahren. 2013 wurde bei ihm die Parkinson-Krankheit diagnostiziert. Das AZ-Interview mit seinem langjährigen Weggefährten und Sky-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis.

AZ: Herr Fritz von Thurn und Taxis, gestern wurde Udo Lattek in Köln beigesetzt. Wie erinnern Sie sich an ihn?

FRITZ VON THURN UND TAXIS: Er war ein großer Trainer mit herausragenden Fähigkeiten, ein sehr menschlicher Trainer.

Seine Laufbahn als Trainer ist angesichts seiner großen Titelsammlung ja unbestritten...

Er wurde achtmal Deutscher Meister, holte alle drei Europa-Pokale. Er war der erfolgreichste Trainer überhaupt in der damaligen Zeit – und ist es bis heute geblieben.

Was war für Sie das lattek’sche Erfolgsrezept?

Er konnte die Spieler führen, durch seine emotionalen Ansprachen einstimmen, wie es kaum ein anderer konnte. Er war ein guter Rhetoriker. Lattek war als Trainer ein prima Paket. Nur ein Taktikfuchs war er nicht.

Welcher Titel Latteks fällt Ihnen als erstes ein?

Der Europapokal-Sieg 1974, als das Finale gegen Atlético Madrid eigentlich schon verloren war, Katsche Schwarzenbeck in der 119. Minute dann den Ausgleich erzielte und das zweite Spiel erzwang. Das gewannen die Bayern mit 4:0. Latteks größter Erfolg.

Auch mit den Bayern wurde er sechs Mal Meister. Hätten die auch ohne Lattek in den 70er Jahren so eine erfolgreiche Entwicklung genommen?

Schwer zu sagen. Es gab ja schon die starke Achse mit Sepp MaierFranz Beckenbauer – Gerd Müller. Sie hatten vor Lattek einen sehr guten, aber harten Trainer, nämlich Branko Zebec. Er hat sehr viel Disziplin verlangt, vor allem Beckenbauer wollte sich das nicht mehr antun. Dann haben Sie Zebec weggeschoben und Lattek geholt. Er war ein sehr cleverer Bursche und hat denen auch ein bisschen Platz gelassen. Das war eine gute Verbindung.

Wie haben Sie Latteks weitere Laufbahn verfolgt?

Er ging über Dortmund und Gladbach nach Barcelona. Das war eine regelrechte Flucht nach Spanien, als 1981 sein Sohn mit gerade einmal 15 Jahren an Leukämie gestorben ist. Das war eine persönliche Tragödie. Dann hat er Spanien für sich gewonnen. Ich denke, das hat ihn ein bisschen gerettet.

Dann kam er 1983 wieder zurück zu den Bayern..

....und hatte mit Pfaff, Augenthaler, Lerby und Matthäus eine super Mannschaft. Böse Zungen haben behauptet, er war immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber: Im Umgang mit Stars kann man auch scheitern. In den 80ern gab es die großen Duelle mit Werder Bremen, mit Trainer Otto Rehhagel und Manager Willi Lemke. Die haben sich bekriegt und nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln gegönnt.

Sie kannten Lattek persönlich. Wie würden Sie ihn charakterisieren?

Er war ein väterlicher Freund. Er war Jahrgang 1935, ich ‘50. Ich war ein junger Journalist, habe 1971 beim BR angefangen und Udo Lattek war damals neu beim FC Bayern. Es waren kaum Zuschauer und Journalisten vor Ort und ich habe meine kleinen Filmchen gemacht. Da passte die Chemie irgendwie.

Wie kam es, dass Sie so ein gutes Verhältnis hatten?

Lattek war ein Trainer, mit dem man als Journalist gut sprechen konnte. Er hat erkannt, dass er über die Medien gehen muss. Da war er ein Vorreiter. Es gab auch Trainer wie Ernst Happel, Pál Csernai, Otto Rehhagel – die durfte man ja gar nicht ansprechen. Lattek suchte den Dialog, kritisch und auch mit Auseinandersetzungen.

Was für Auseinandersetzungen?

In den 80er Jahren habe ich die Bayern-Spiele in der Sportschau kommentiert – auch kritisch. Lattek war Ostpreuße, auch mal ein Dickschädel. Einmal kam er vor der BR-Talkshow „Samstags-Club“ in die Maske, rief mir entgegen: „Meine Mannschaft ist sauer auf dich! Und ich bin es auch!“ Ein richtiger Tobsuchtsanfall. Da musstest Du erstmal stehenbleiben! (lacht). Aber das Schöne war: Man konnte sich gut wieder mit ihm versöhnen. Einerseits knallhart, aber er war auch fair und hatte ein großes Herz.

Welche Berührungspunkte hatten Sie später?

Wir haben uns oft gesehen. Ich habe schöne Siegesfeiern miterlebt, nach seinen Besuchen in der Sportschau sind wir auch mal in die Kneipe gegangen und haben ein Gläschen getrunken. Wir sind beim Training auf dem Platz spaziert. Ich war oft vor den Spielen in der Kabine, wurde an Europapokal-Spieltagen von ihm im Hotelzimmer empfangen, wo er die Mannschaftsaufstellung offenlegte. Das ist ja undenkbar heute. Mit Udo war das viel persönlicher als mit jedem anderen Trainer.

Lattek konnte auch Feuerwehrmann, als er beim Comeback im Jahr 2000 den BVB vor dem Abstieg rettete.

Matthias Sammer war damals schon der Taktikfuchs, hat aber ungern mit den Medien gesprochen. Er hat im Hintergrund gearbeitet, in der Kabine und vor dem Mikrofon war Lattek und hat es verkauft. Es hat mich riesig gefreut, dass es hingehauen hat. Ich werde die Szenen nie vergessen, wie er damals rumhüpfte. Ein traumhaftes Ende seiner Karriere.

Danach startete Lattek eine zweite – als Fütterer des Phrasenschweins im Doppelpass.

Für mich ist er der Begründer des Fernseh-Experten. Er hat immer die richtigen Sprüche auf Lager gehabt. Und so Sätze formuliert wie: „Im Kölner Stadion ist immer so eine super Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft“. Wahnsinnig authentisch. Auch die Auseinandersetzungen mit Uli Hoeneß: unvergessen.

...wie der legendäre Zoff 2011.

Achja, als Lattek meinte „Ich bin kein Angestellter des FC Bayern. Ich habe meine freie Meinung und die werde ich auch weiterhin kundtun“ – richtig! Zwei starke Charaktere, die da aufeinandergetroffen sind. Sie haben sich geliebt und manchmal auch gehasst. Leider musste Lattek später ausscheiden, als es gesundheitlich nicht mehr ging.

Welche Bilder bleiben Ihnen am meisten in Erinnerung?

Wie er auf der Bank saß. Total engagiert, mit hochrotem Kopf, daneben Uli Hoeneß. Dieses Mitleben mit der Mannschaft. Und als er sich seine Kleider vom Leib gerissen hat, als Bayern ‘87 nochmal Meister geworden ist.

Wie haben Sie ihn zuletzt erlebt?

In den letzten zwei, drei Jahren hatten wir keinen Kontakt mehr. Lattek hatte ein prall gefülltes Leben. Mit Höhen ohne Ende, aber auch gewaltigen Tiefen. Letztendlich wird er oben zuschauen und hoffentlich sagen: Es war prima.

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