Ottmar Hitzfeld im AZ-Interview: "Ich traue Jupp das Triple zu!"

Ottmar Hitzfeld spricht in der AZ über den Gipfel Dortmund gegen Bayern und erklärt Heynckes’ Erfolgsformel: "Abwehr, Vertrauen, Hierarchie."
| Maximilian Koch
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Ottmar Hitzfeld, hier als schweizer Nationaltrainer bei der WM 2014.
dpa Ottmar Hitzfeld, hier als schweizer Nationaltrainer bei der WM 2014.

München - Der 68-jährige Hitzfeld gewann mit dem FC Bayern (2001) und Borussia Dortmund (1997) die Champions League.

AZ: Herr Hitzfeld, vor einem Monat hätten wir ganz anders über das Topspiel am Samstag (18:30 Uhr, Sky und im AZ-Liveticker) gesprochen. Wie erklären Sie es sich, dass der FC Bayern aus fünf Punkten Rückstand drei Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund gemacht hat?
OTTMAR HITZFELD: Man konnte nicht erwarten, dass sich die Situation an der Spitze so schnell dreht. Es ist gut, dass Bayern unter Jupp Heynckes in die Erfolgsspur zurückgekehrt ist. Das war zu erwarten. Aber dass der BVB acht Punkte in drei Spielen abgibt, kam überraschend. Am Samstag tippe ich 2:1 für Bayern.

Gibt es nun doch keinen Dreikampf in der Meisterschaft mit Bayern, Dortmund und RB Leipzig?
Bayern ist als Favorit gestartet und nach wie vor in einer sehr guten Position. Dortmund befindet sich im Umbruch mit vielen jungen Spielern, außerdem war der Trend zuletzt negativ. Leipzig hat zweimal gegen Bayern verloren. Deshalb sieht wieder alles nach Bayern als Meister aus. Aber: Leipzig und Dortmund haben beide Qualität, speziell den BVB darf man nicht unterschätzen.

Auch in den anderen Wettbewerben hat sich Bayern eine gute Ausgangslage verschafft. Kann Heynckes sogar das Triple wiederholen?
Bayern wird den einen oder anderen Titel gewinnen. Es ist immer das Ziel, den Wettbewerb zu gewinnen, an dem man teilnimmt. Ob es am Schluss zum Triple reicht, ist schwierig, ich würde es aber Jupp und dem Team wiederum zutrauen!

Sechs Siege in sechs Spielen: Können Sie den Heynckes-Effekt erklären?
Er hat das Bayern-Umfeld zur Ruhe gebracht. Durch sein Auftreten und seine Ausstrahlung ist Jupp hoch anerkannt. Deshalb konnte er auch die Mannschaft in den Griff kriegen. Vorher haben nicht alle an einem Strang gezogen. Jupp hat eine klare Hierarchie geschaffen, die Spieler da aufgestellt, wo sie hingehören. Und er hat der Mannschaft eingebläut, dass sie defensiv gut stehen muss, dass alle mithelfen müssen bei der Abwehrarbeit. Das ist die Basis. Offensiv ist Bayern immer stark.

Einige Spieler wie David Alaba oder Javi Martínez haben jetzt ein ganz anderes Selbstvertrauen. Heynckes’ Verdienst?
Jupp ist ein Trainer, der viel mit den Spielern spricht. Man muss den Spielern Vertrauen schenken, damit sie ihre Leistung bringen. Und dann bekommt man als Trainer dieses Vertrauen auch zurück. Man muss eine Stammelf finden. Jupp hat am Anfang wenig gewechselt, weil er erst mal für Stabilität und Sicherheit sorgen wollte. Das hat er geschafft.

Auch Sven Ulreich, der Neuer-Ersatz, wirkt nun stabiler als unter Carlo Ancelotti.
Ulreich macht es sehr gut, hat zuletzt großartig gehalten. Er war mit dafür verantwortlich, dass Bayern Leipzig im Pokal rausgeworfen hat.

Unter Ancelotti scheint einiges nicht mehr gestimmt zu haben. Es gab Vorwürfe, das Training sei zu lasch gewesen.
Das hat man ja schon lange gehört, dass Ancelotti die Mannschaft nicht total gefordert hat, wie etwa Pep Guardiola. Das hat die Bayern-Führung ja auch bemängelt, vor einem halben Jahr schon.

Glauben Sie, dass Heynckes nach der Saison vielleicht doch weitermachen könnte?
Er hat gesagt, im Sommer ist Schluss. Aber im Fußball weiß man nie.

Wer könnte auf Heynckes folgen? Ein deutscher Trainer?
Es ist eine schwierige Entscheidung für den Vorstand. Man sollte sich nicht festlegen auf einen deutschsprachigen Trainer. Es hängt immer auch von der Auswahl ab, wer im Sommer zur Verfügung steht. Es ist zu früh, darüber zu diskutieren. Was jetzt noch gut erscheint, kann in einem halben Jahr wieder anders aussehen. Wahrscheinlich wird man sich erst nächstes Jahr im Frühjahr Gedanken machen.

Beim BVB steht Trainer Peter Bosz in der Kritik. Ist sein Spielsystem zu risikoreich?
Dortmund hat zuletzt viele Gegentore kassiert, aber man kann jetzt nicht gleich daraus folgern, dass Bosz sein System überdenken muss. Er war mit diesem System erfolgreich zu Beginn der Saison, jetzt sind einige Spieler einfach nicht in der Verfassung, die Mannschaft ist verunsichert. Aber Bosz ist erfahren genug. Er wird wissen, wie er die Defensive stabilisiert.

Zurück zu Bayern. Ist das Team zu abhängig von Robert Lewandowski?
Man muss überlegen, was wäre, wenn man noch einen gleichwertigen Stürmer hätte. Damit würde sich Bayern nur Probleme schaffen. Man kann keinen zweiten Lewandowski auf die Bank setzen. Dann entsteht Unruhe – und man würde Lewandowski selbst schwächen, weil man immer wieder wechseln müsste. Das macht keinen Sinn. Einen adäquaten Ersatz kann man nicht holen. Bayern hat aber genügend Spieler, um das taktisch aufzufangen.

Was für ein Profil müsste ein Back-up für Lewandowski denn erfüllen?
Vielleicht kann man ein Talent holen, das die Zukunft noch vor sich hat und sich auf die Bank setzt, ohne für Unruhe zu sorgen.

Im Sommer laufen die Verträge von Arjen Robben und Franck Ribéry aus. Sollte Bayern noch mal verlängern?
Beide haben das Potenzial, noch ein Jahr zu spielen. Ich kann sie mir weiter bei Bayern vorstellen. Es gibt Talente, die in diese Lücken stoßen können. Kingsley Coman hat unglaubliche Fähigkeiten, die Schnelligkeit. Er wird den Sprung irgendwann schaffen.

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