FC Bayern: Wer ist hier der Boss?

Van Bommel ist verletzt, Lucio wurde an Inter Mailand verkauft. Nun fehlt Trainer van Gaal und seinen Bayern eine Autorität auf dem Platz.Wen Ex-Kapitän Augenthaler als Anführer sieht.
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"Kapitän bei Bayern zu sein, macht mich stolz": Philipp Lahm (l.) im Duell mit  Hoffenheims Obasi.
Bongarts/Getty Images "Kapitän bei Bayern zu sein, macht mich stolz": Philipp Lahm (l.) im Duell mit Hoffenheims Obasi.

Van Bommel ist verletzt, Lucio wurde an Inter Mailand verkauft. Nun fehlt Trainer van Gaal und seinen Bayern eine Autorität auf dem Platz.Wen Ex-Kapitän Augenthaler als Anführer sieht.

MÜNCHEN Man traf sich in Augenthalers Keller, ganz konspirativ. Und freilich handelte es sich dabei nicht um ein einst von Johann Wolfgang von Goethe frequentiertes, sächsisches Weinlokal, sondern um einen niederbayerisch angehauchten Konferenzraum. Mannschaftssitzungen ohne Trainer wurden in Klaus Augenthalers Unterwelt in Vaterstetten abgehalten, mit Weißbier als Gedankenlockerer. Das waren noch Zeiten.

Es ist das Bild eines Kapitäns. Mannsbild Klaus Augenthaler, mal mit Binde, mal mit Weißbier. Er war ab 1984 der Boss, ganze sieben Jahre. So lange waren sonst nur Franz Beckenbauer und Oliver Kahn beim FC Bayern im Amt.

Mark van Bommel geht in sein zweites Jahr als Kapitän. Den großen Zampano soll der 32-Jährige geben, doch momentan ist er am großen Zeh verletzt, ein Bruch. Und schon hinkt die Hierarchie unter Trainer Louis van Gaal. Der verlängerte Holländer auf dem Platz, der alle Macht samt Stammplatzgarantie von seinem Landsmann („Mein Kapitän spielt immer“) erhalten hatte, geht ab – was am Samstag beim 1:1 gegen Werder Bremen allzu deutlich wurde. Dabei existiert unter van Gaal eine klare Hierarchie. Hinter van Bommel kommen Philipp Lahm als Vize-Kapitän und Bastian Schweinsteiger als Stellvertreter vom Stellvertreter. Den Mannschaftsrat (letzte Saison mit van Bommel, Klose, Lahm, Lucio und Demichelis) soll das Team laut van Gaal selbst bilden. Die neue Generation kommt eher als Debattierklub daher. „Wenn wirklich was passiert, regeln wir das untereinander“, erzählte Kapitän van Bommel, „wir reden darüber, was der Betroffene falsch gemacht hat, und sagen ihm dann, was von seinem Gehalt abgezogen und gespendet wird. Dann fragen wir in die Runde, ob alle damit einverstanden sind.“ Ganz ohne Weißbier.

Und auf dem Platz? Noch bis September fehlt van Bommel, der Antreiber. Derjenige, der Effe-mäßig dem Gegenspieler zeigt, wo der Bayer den Most holt und auch – ganz nach Michael Ballack – gerne und viel mit dem Schiedsrichter kommuniziert. Muss ja auch gemacht werden. Dann fehlt Lucio, Kraft seiner Erfahrung und seiner Titel – er war mit Brasilien 2002 Weltmeister – einer der Leader, auch wenn er zu introvertiert war. Lucio ging voran, wollte immer gewinnen. Er ließ den Geist von Oliver Kahn, der Torhüter und Kapitän hatte 2008 aufgehört, noch eine weitere Saison aufleben. Nun ist Lucio der Antreiber von Inter Mailand.

Philipp Lahm gibt momentan den Aushilfskapitän, er wollte schon unter Klinsmann Bayern-Primus sein, Schweinsteiger steckt noch mitten in seiner Entwicklung. Auch bei den Neuzugängen ist kein neuer Augenthaler, kein Effenberg dabei. Anatolij Timoschtschuk hat frech proklamiert, „ein Leader“ zu sein. Den Beweis muss der Ukrainer allerdings erst noch antreten.

„Ein guter Kapitän hat immer fünf, sechs der wichtigsten Spieler voll hinter sich und dazu die Akzeptanz der gesamten Mannschaft“, sagt Klaus Augenthaler, „außerdem muss die Leistung stimmen. Und die hat bei mir immer gestimmt.“

Für die AZ untersucht er die möglichen Bayern-Anführer neben van Bommel – mit überraschenden Kandidaten für die Chefrolle.

Bastian Schweinsteiger

Klaus Augenthaler: „Wie Philipp Lahm ist auch er im Grunde ein Parade-Bayer, also per se für das Amt schon mal bestens geeignet. Dazu kommt: Schweinsteiger und Lahm sind lange im Verein, kennen den Klub seit der Jugend. Schweini hat einen sehr steilen Aufstieg hinter sich, schon zig Länderspiele. Ich finde es gut, dass er langfristig aufgebaut wird und Verantwortung übernehmen soll.“

Franck Ribéry

Klaus Augenthaler: „Aufgrund seiner fußballerischen Klasse sollte auch er zum Kreis derer gehören, die in der Mannschaft das Sagen haben. Das war schon immer so, dass die besten Fußballer in der Hierarchie ganz oben stehen. Aber es geht natürlich auch um Akzeptanz. Die Mitspieler registrieren sehr wohl, ob sich jemand zum Verein bekennt oder ob es ständig Wechselgerüchte um ihn gibt.“

Michael Rensing

Klaus Augenthaler: „Jede Mannschaft lebt von einer guten Achse, und die beginnt nun mal beim Torwart. Ob das früher der Sepp Maier war oder zu meiner Zeit Jean-Marie Pfaff und später Raimond Aumann. Van Gaal hat sich für Rensing entschieden, also ist damit auch sein Standing gestiegen. Er muss ohnehin die Kommandos geben, ist lange bei Bayern und kann jetzt an Profil gewinnen.“

Martin Demichelis

Klaus Augenthaler: „Schade, dass er sich jetzt nach dem Pokalspiel verletzt hat. Aber anders als der etwas zu zurückhaltende Lucio hat er in den letzten Jahren hervorragend Deutsch gelernt und äußert auch mal ohne Rücksicht seine Meinung. Wenn er sich nach seiner Verletzung den Stammplatz zurückholt, sehe ich den Argentinier eher in der Leader-Rolle als etwa Daniel van Buyten.“

Miroslav Klose

Klaus Augenthaler: „Für meine Begriffe ist er von seinem Naturell her zu ruhig, in vielen Situationen als Torjäger auch zu wenig egoistisch. Außerdem muss er mit Gomez, Olic und bald wohl auch Luca Toni um einen Stammplatz im Sturm kämpfen. Abgesehen davon: Idealerweise steht ein Kapitän immer im Zentrum des Spiels, als Abwehrchef oder Sechser. Das muss nicht sein, ist aber besser.“

Patrick Strasser

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