"Er hat sich viel bei Hoeneß abgeschaut"

Till Hofmann über das soziale Engagement Schweinsteigers, das zusehends schwindende bajuwarische Element und die Option Belgrad.
| Thomas Becker
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Servus, Schweini: Er wird München fehlen – und umgekehrt. Till Hofmann (44) kennt Schweinsteiger gut. Er betreibt mehrere Kleinkunstbühnen, gehört zu den „Bellevue di Monaco“-Gründern und hat früher Bayernliga gespielt
dpa/AZ Servus, Schweini: Er wird München fehlen – und umgekehrt. Till Hofmann (44) kennt Schweinsteiger gut. Er betreibt mehrere Kleinkunstbühnen, gehört zu den „Bellevue di Monaco“-Gründern und hat früher Bayernliga gespielt

AZ: Herr Hofmann, mit Bastian Schweinsteiger verlieren der FC Bayern, die Stadt München und auch Sie eine wichtige Figur. Wie geht’s weiter?

TILL HOFMANN: Wir verlieren keine wichtige Figur, er ist vorübergehend auf Montage, bleibt aber sicher weiter engagiert. Bayern hat ja noch Lahm, Müller und Badstuber als Integrationsfiguren mit dem gewissen „Etwas“ im Idiom. Aber gerade die internationalen Stars sind doch die Schaumkronen im europäischen Betrieb als Ergänzung. Basti ist natürlich schwer zu ersetzen. Jeder Abschied ist emotional zunächst mal schade, aber es war ja sein Wunsch zu wechseln. Jetzt muss er halt Englisch und Niederländisch lernen, um das Glockengeläut von Louis van Gaal nicht nur zu sehen, sondern auch zu verstehen.

Wobei die britische Presse vom ersten Interview sehr angetan war, anders als einst bei Lothar Matthäus in New York.

Das ein oder andere Mal wird er im Urlaub gewesen sein, und da hilft Englisch ja doch.

Lesen Sie hier: Schweinsteiger versteigert FC-Bayern-Trikots

Mit Ana Ivanovic spricht er wahrscheinlich auch eher englisch als deutsch...

Ich glaube, er spricht mittlerweile serbisch.

Tatsächlich?

Vielleicht war auch Roter Stern Belgrad eine Option. (lacht)

Im Ernst: Was bedeutet sein Weggang für die Stadt?

Dass ein Tisch am Gärtnerplatz frei bleibt und der Koch der Pizzeria „Monaco“ um ein Uhr nachts Feierabend hat. Schmarrn, er hat sich für Flüchtlinge eingesetzt, für den Erhalt des Bolzplatzes an der Glockenbachwerkstatt, ganz unspektakulär, aus einer tiefen Münchner Selbstverständlichkeit heraus, ohne Chichi. Er hat nicht gesagt: ‘Hier sind 10 000 Euro’, sondern ist einfach gekommen und hat ein paar Bälle mitgebracht, war greifbar, hat sich mit den Kindern und später in der Bayern-Kaserne mit dem Flüchtlingsprojekt Bellevue di Monaco beschäftigt.

Lesen Sie hier: Hier werden Bastis Autos weggebracht

Eher die Ausnahme im Profit-Betrieb Fußball.

Er fängt vieles auf, wofür auch Uli Hoeneß steht: für den sozialen Flügel. In dieser Uneitelkeit. Er hat da keinen Haufen daraus gemacht, sondern angerufen und gesagt: ‘Morgen komm’ ich. Dann machen wir das.’ Man musste nicht mit einem Event-Konzept kommen. Für ihn war das kein Marketing-Gag. Es hat ihn berührt, und er hat richtig gehandelt. Hoeneß hat das vorher oft genug gemacht. Im übrigen auch Kalle Rummenigge, der im Hintergrund neben der harten Geschäftswelt soziale Projekte unterstützt, was man gar nicht so mitkriegt. Wenn Basti nur die neoliberale Welt gelebt hätte, hätte er nicht mitten in der Stadt gewohnt. Er wollte unter Leuten sein, sich normal bewegen – und das hat er auch gemacht: sich am Viktualienmarkt einen Saft geholt. Das geht halt jetzt nur im Urlaub.

Wäre er auch unter einem Präsidenten Hoeneß gewechselt?

Ich glaube schon. Weil es sein Wunsch war. Wenn er fit ist, spielt er bei Bayern und bei Manchester eine herausragende Rolle. Aber die Herausforderung hat ihn doch gejuckt. Er hätte es sich hier auch bequem machen können: kassieren und ausklingen lassen. Oder in Amerika Hobby-Liga spielen. So aber geht er nochmal die härteste Liga an, in einem ja doch lässigen Land. Da kommt schließlich der Fußball her, nachdem er von niederbayrischen Auswanderern auf die Insel gebracht wurde, wie man heute weiß.

Der Wechsel hat auch eine wirtschaftliche Komponente. Wird Schweinsteiger vom „local hero“ zum „global player“ und spielt in einer Liga mit Werbe-Ikonen wie Beckham und Ronaldo?

Für mich ist er der viel feinere Beckham oder Ronaldo. Weil er viel entspannter und lässiger wirkt, den Pop-Bereich verlassen hat und nicht in einer „gated community“ in L.A. wohnt, sondern in der Rumfordstraße – bisher zumindest. Natürlich ist er Weltstar. Wenn er fit bleibt, werden ihn die englischen Fans lieben, für seine Härte, seinen Willen, für das, was er einstecken kann. Trotzdem ist er ein zarter, empathischer Kerl geblieben, der nie arrogant wirkt, den die Leute auch in Ruhe gelassen haben.

Lesen Sie hier: Jetzt will van Gaal auch noch Lewandowski

Sie meinen am Gärtnerplatz?

Wenn er da seine Nudeln gefuttert hat, war das ein Monument: Mei, der hockt halt da. Er hat so was ausgestrahlt: ‘Hey, hier wohne ich. Mein Circus Maximus ist die Allianz Arena.’ Aber wenn ein Kind ein Autogramm wollte, war er wahnsinnig lieb zu dem. Auf der anderen Seite: Glamour, die andere Welt. Aber er hat das gut zusammen gebracht. In erster Linie sicher bodenständig, vielleicht auch an Hoeneß orientiert. Von dem hat er sich sicher viel abgeschaut.

Ob die beiden wohl zuletzt Kontakt hatten?

Mit Sicherheit. Die waren und sind ja auch eng. Er wird auch mit Rummenigge geredet haben, der ihm keine Steine in den Weg gelegt hat. Andererseits: Schweinsteiger, Fredi Binder und Müller-Wohlfahrt in einem Jahr: Da muss man jetzt langsam mal konsolidieren! Wieder mehr Rindsroulade statt Tortilla! Ich kann mir aber vorstellen, dass die Bayern Leute wie Schweinsteiger und Lahm später wieder mit in die Führung rein nehmen. Bis dahin gilt auf dem Platz und nach außen das neue Mantra: „Mia san net nur mia!“ – es ist auch gut, wenn Andere da spielen.

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