Interview

Bobic über Bayerns Dominanz: "Eine echte Meisterschaft haben wir doch seit zehn Jahren nicht mehr"

Vor dem Sonntagsspiel des FC Bayern in Berlin spricht der neue Hertha-Boss Fredi Bobic in der Abendzeitung über die Sonderstellung der Bayern, wie die Münchner zu knacken sind und seine Pläne mit der "Alten Dame".
| Krischan Kaufmann
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Fredi Bobic ist seit Sommer 2021 Sport-Geschäftsführer bei Hertha BSC.
Fredi Bobic ist seit Sommer 2021 Sport-Geschäftsführer bei Hertha BSC. © Uwe Anspach/dpa

München - AZ-Interview mit Fredi Bobic: Der ehemalige Nationalstürmer und Europameister von 1996 übernahm im vergangenen Sommer nach fünf erfolgreichen Jahren bei Eintracht Frankfurt den Job als Sport-Geschäftsführer bei Hertha BSC.

AZ: Herr Bobic, Ihre Mannschaft hat gerade mit der Niederlage gegen Union Berlin (2:3) nicht nur das prestigeträchtige Hauptstadt-Derby verloren, sondern ist damit auch aus dem Pokal rausgeflogen. Das tut gleich doppelt weh. Dass nun der FC Bayern am Sonntag (17.30 Uhr live bei Sky und im AZ-Liveticker) im Olympiastadion vorbeischaut, ist - so paradox es auch klingen mag - für Sie und Hertha in dieser Situation ein echter Glücksfall, oder?
FREDI BOBIC: Gegen einen solchen Gegner wie den FC Bayern bietet sich in jedem Fall sofort wieder die Möglichkeit, positiv auf sich aufmerksam zu machen. Dafür muss jeder Einzelne in diesem Spiel alles raushauen - und vieles besser machen als in den ersten 30 Minuten gegen Union.

Wie stehen die Chancen auf ein Comeback Ihres besten Torschützen Stevan Jovetic (fünf Treffer)?
Wir hoffen, dass er wieder dabei ist. Wir vermissen ihn sehr. Der Ball ist sein Freund, die Pässe, die er spielt, die Tore, die er macht, das ist schon eine spielerische Extraklasse.

Bayern ist in dieser Saison nicht unschlagbar, das haben andere Vereine schon bewiesen: Was braucht Hertha am Sonntag für so einen "Gladbach-Moment"?
Da braucht es vor allem brutale Effektivität, bei Gladbach war ja jeder Schuss ein Treffer. Dazu Mut von der ersten Sekunde an und natürlich das Glück, dass die Bayern nicht ihren besten Tag haben.

Bobic: "Ich weiß, wie man gegen die Bayern gewinnt"

Haben Sie Ihren guten Bekannten aus gemeinsamen Frankfurter Zeiten, den aktuellen Gladbach-Coach Adi Hütter, der in dieser Saison die Bayern nun schon zweimal besiegt hat, angerufen und sich ein paar Tipps für Sonntag geholt?
Nein, aber das brauche ich auch nicht, weil ich aus unserer gemeinsamen Zeit in Frankfurt noch sehr gut weiß, wie er es damals angestellt hat, gegen Bayern zu gewinnen (einmal 5:1 und 2:1, Anm. d. Red.). Es ist möglich, aber gegen Bayern muss eben auch wirklich alles funktionieren. Solche Spiele sind Highlights.

Wobei auch diesem Highlight ja etwas ganz Entscheidendes fehlen wird: die Zuschauer.
Das stimmt. Das Stadionleben ist genau wie das normale Leben im Moment sehr überschaubar. Aber abgesehen davon, man will sich ja als Sportler immer mit den Besten messen und das sind in der Bundesliga nun mal die Bayern.

Stichwort Corona: Täuscht der Eindruck, oder ist der Rekordmeister sportlich und wirtschaftlich der Liga bereits so enteilt, dass ihn eigentlich nur eine Pandemie einbremsen kann?
Wenn es so extrem kommt und so viele Stammspieler fehlen wie bei dem Gladbachspiel (1:2, Anm. d.Red.), dann ist das selbst für die Bayern schwer zu verkraften.

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Aber was bedeutet das für die Qualität einer Liga, wenn es für 17 Mannschaften gar nicht mehr um die Meisterschaft geht, sondern nur darum, wer am Ende als erster hinter dem FC Bayern einläuft?
Eine echte Meisterschaft haben wir doch schon seit zehn Jahren nicht mehr. Ja, es gab innerhalb einer Saison immer mal wieder so eine Art Zwischenkampf mit dem BVB oder zuletzt auch Leipzig, aber diese hohe Konstanz auf Top-Niveau erreichen eben nur die Bayern. Davor habe ich größten Respekt. Sich trotz dieser vielen Titel immer wieder zu pushen, immer am Limit zu spielen, das ist ihre große Stärke und die hat sich in den letzten Jahren noch verfestigt.

Sie meinen die berühmte Bayern-Gier ...
Genau. Das liegt natürlich auch an den Spielertypen, die sie haben. Ein Robert Lewandowski sagt nicht: "Mir reicht heute ein Treffer", sondern der hat Bock, dann noch zwei, drei weitere Tore zu schießen. Oder ein Joshua Kimmich, wenn der verliert, ist es so, als wenn du ihm das Spielzeug wegnimmst. Aber genau das macht große Fußballer aus - und da haben die Bayern eine Menge davon. Aber das spricht ja alles nicht per se gegen die Bundesliga. Die Schere ist eben in den letzten 20 Jahren immer weiter auseinandergegangen - wie im normalen Leben auch. Es gibt immer mehr Milliardäre und Millionäre und gleichzeitig bricht der Mittelstand immer mehr weg.

Bobic: "Ein Sieg gegen Bayern würde unserem ganzen Verein einen großen Push geben"

Würden Sie Hertha trotz der 370-Millionen-Euro-Finanzspritze von Investor Lars Windhorst noch als Bundesliga-Mittelstand bezeichnen?
Dieses "Ihr seid doch so reich", damit muss ich mich schon seit Beginn meiner Amtszeit ständig beschäftigen. Die Fakten sehen aber so aus, dass wir im vergangenen Sommer einen hohen Transferüberschuss erzielt haben, der aufgrund der hohen Einnahmeverluste auch dringend nötig war. Wir haben noch immer einen sehr teuren Kader, der seinen Ansprüchen nicht gerecht wird. In einer Pandemie den Turnaround zu schaffen ist schwierig. Wer also fragt, wie viele Spieler ich während der Transferperiode im Januar noch holen werde, dem antworte ich: "Mit welchem Geld?" Selbst die Bayern reagieren auf diese schwierigen Bedingungen - und sagen intelligenterweise: "Lass uns mit unseren Jungs wie Kingsley Coman verlängern, das ist billiger, als wenn wir für 60 Millionen Euro Ablöse einen neuen Spieler holen und dann auch noch das Gehalt und die Berater-Kosten zahlen müssen."

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Hertha schwankt nun schon seit langer Zeit zwischen Tradition und Moderne, also zwischen der berühmten "Alten Dame" und dem mittlerweile nicht weniger berühmten "Big City Club". In welche Richtung soll sich der Verein unter dem neuen Sportgeschäftsführer Fredi Bobic in Zukunft entwickeln?
Hertha ist ein Klub dieser Stadt und Berlin ist nun mal eine große Stadt, also ist das mit dem Big City Club grundsätzlich ja nicht falsch, wenn man das einfach ins Englische übersetzt - auch wenn wir diesen Begriff nie selbst in den Mund genommen haben. Aber man wollte in der Vergangenheit bei Hertha vielleicht auch ein bisschen zum Aufbruch blasen. Nach dem Motto: Jetzt ist Geld da, jetzt greifen wir an. Das haben allerdings schon einige Vereine versucht. Es zeigt sich eben immer wieder, dass man zuerst eine Basis braucht, auf die man aufbauen kann. Da muss man nur zum Konkurrenten hier in der Stadt schauen: Die machen die einfachen Dinge richtig gut. Und deshalb dürfen sie aktuell auch etwas lauter sein.

Und wann wird Hertha wieder laut, am Sonntagabend vielleicht?
Erst dann, wenn wir geliefert haben. Aber klar: Ein Punkt oder gar ein Sieg - was in unserer jetzigen Situation wirklich eine Sensation wäre - würde der Mannschaft und unserem ganzen Verein einen großen Push geben.

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