Arturo Vidal: Der bayerische Gentest

Bayerns möglicher neuer Motor im Mittelfeld bringt viele Qualitäten mit. Worin er seinen Vorgängern im Bayern-Dress ähnelt, zeigt die AZ hier.
von  M. Koch
Soll für fünf Jahre bei Bayern unterschreiben: Arturo Vidal.
Soll für fünf Jahre bei Bayern unterschreiben: Arturo Vidal. © dpa

München - Es ist nur noch eine Frage des „Wann“, nicht mehr des „Ob“. Da konnte sich Pep Guardiola noch so sehr um eine Aussage zum Wechsel von Arturo Vidal drücken: „Ich bin nicht die richtige Person, um über diese Themen zu sprechen“, sagte der Coach des FC Bayern zum Auftakt der China-Reise in Peking. „Ich bin der Trainer und trainiere die Spieler, die ich bekomme.“

Rummenigge über Vidal: Details noch zu klären

Dass bald auch Vidal zu diesen Spielern gehören wird, hatte zuvor Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge mehr als nur angedeutet. Man werde zwar noch „etwas Geduld“ haben müssen, bis der Fünfjahresvertrag unterschrieben sei, erklärte Rummenigge. Zweifel am Deal mit dem 28-jährigen Chilenen und Juventus Turin gebe es nicht: „Ich hoffe, dass am Ende des Tages der Spieler zu uns kommt. Er ist ein Mittelfeldspieler mit großen Qualitäten.“

In der Tat: Vidal gehört zu den komplettesten Sechsern der Welt – und ergänzt damit bei Bayern einen Kreis außergewöhnlicher Spieler im zentralen Mittelfeld seit dem Jahr 2000.

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Die AZ macht den Check: So viel Schweinsteiger, Effenberg, van Bommel, Ballack und Hargreaves steckt in Vidal.

 

Ein Leitwolf wie Stefan Effenberg

 

 „Effe“ – der Inbegriff des Leaders, des Alphatiers, des Leitwolfs im Bayern-Dress. Um diesen Status zu erreichen, wird es für Vidal ein weiter Weg sein – und dennoch: Ein kleiner Tiger schlummert auch in ihm, das zeigte er zuletzt bei der Copa America, als er Chile mit viel Herz und Willen zum Titel führte.

Was bei Vidals äußerem Erscheinungsbild bisweilen zu kurz kommt: Er gilt als durchaus sensibler Mensch, der die Bestätigung seines Umfelds braucht. Das war in seiner Leverkusener Zeit unter Jupp Heynckes nicht anders als bei Juve. Auch Effenberg war am stärksten, als er bei Bayern das volle Vertrauen von Ottmar Hitzfeld spürte.

Im Umkehrschluss gilt beziehungsweise galt für beide auch: Spüren sie diese Unterstützung nicht, können sie zur Diva werden.

Lieblingsclub?

 

Ein Torjäger wie Michael Ballack

 

Ballack galt in seiner Bayern-Ära als torgefährlichster Mittelfeldspieler Europas. In 157 Partien war er an 104 Toren direkt beteiligt. Noch wichtiger: Ballack traf regelmäßig zum 1:0, ebnete seinem Team damit oft den Weg zum Sieg. Diese Qualität besitzt auch Vidal, der in der vergangenen Saison bei Juve fünfmal die Führung besorgte – fünfmal gewann sein Team dann auch.

Klar: Vidal kommt an Ballacks Torinstinkt nicht ganz heran. Aber 74 Torbeteiligungen in 171 Spielen für Juve sind nicht zu verachten. Von den aktuellen Bayern-Spielern im Zentrum bestechen weder Xabi Alonso noch Thiago, Philipp Lahm oder David Alaba mit ähnlichen Werten.

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Ein Techniker wie Bastian Schweinsteiger

 

Den Fußballer Vidal auf seinen Ruf als Raubein, als „Krieger“ zu beschränken, wäre ungerecht. Er kann auch mit dem Ball viel anfangen, das Spiel verlagern, punktgenaue Diagonalpässe mit beiden Füßen schlagen. Technik gepaart mit Power – das erinnert durchaus an Schweinsteiger. Tiki-Taka-Jünger wie Xabi Alonso oder Thiago sind gewiss beide nicht.

In der vergangenen Champions-League-Saison kam Vidal auf eine Passquote von 83 Prozent, Schweinsteigers Wert lag bei 88. Zum Vergleich: Alonso erreichte 91 Prozent.

Wie Schweinsteiger legt Vidal viel Wert auf sein Äußeres, mehr noch als der Ex-Bayern-Star versucht er, mit Tattoos und wilden Frisuren aufzufallen. Einen Hang zur Extravaganz haben beide.

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Ein Schlitzohr wie Mark van Bommel

 

Der Niederländer stieg in seiner Bayern-Zeit zum Kapitän und Liebling der Fans auf. Warum? Weil van Bommel in fast jeder Partie demonstrierte, dass man einen Spieler wie ihn lieber in den eigenen Reihen hat als auf der Gegenseite. Kein anderer Bayern-Star beging so viele Fouls wie van Bommel, trotzdem flog er in 187 Spielen „nur“ viermal vom Platz.

Er war der Aggressiv-Leader des Teams. Diese Rolle soll nun Vidal, der bei aller Härte seine Vergehen meistens clever verpackt, übernehmen. In der vergangenen Saison bei Juventus sah er zwölf gelbe Karten, nicht eine einzige rote. Dabei beging kein Spieler in der Champions League so viele Fouls wie er (36).

Positiv ausgedrückt, kann man seine Spielweise schlitzohrig nennen. Bei negativer Auslegung: hinterhältig, unfair. Wie van Bommel sind auch Vidal Provokationen gegen gegnerische Fans nicht fremd.

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Ein Laufwunder wie Owen Hargreaves

 

Blutjung, aber mit einer famosen Ausdauer gesegnet, führte Hargreaves die Bayern 2001 ins Champions-League-Finale, nahm auf dem Weg dorthin Real-Legende Luis Figo aus dem Spiel und überzeugte auch im Endspiel gegen Valencia. Die Opferbereitschaft, die Hargreaves damals und in seiner gesamten Bayern-Zeit zeigte, erkennt man auch bei Vidal.

Sein Team ist ihm das Wichtigste, auf dem Platz verteidigt er seine Kollegen wie seine Familie, sprintet für sie, korrigiert ihre Fehler, verhindert Konter. Hargreaves sagt über Vidal: „Er kommt über das Physische, ist ein großartiger Athlet, aber gleichzeitig gut am Ball.“ Eigenschaften, die auch ihn früher auszeichneten.