"Wie so eine Art Dinosaurier": Bürgermeister schießt vor Ost-Wahlen gegen Parteien wie CDU und SPD

Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht die Frage im Raum, ob die AfD die absolute Mehrheit erreichen kann. Bei "Hart aber fair" zeichnete Bürgermeister Luca Piwodda ein düsteres Stimmungsbild und erklärte, warum etablierte Parteien wie die CDU und SPD ein Relikt der Vergangenheit seien.
von  Natascha Wittmann
Luca Piwodda ärgerte sich bei "Hart aber fair" über die etablierten Parteien.
Luca Piwodda ärgerte sich bei "Hart aber fair" über die etablierten Parteien. © WDR/Oliver Ziebe

Über 70 Prozent der Deutschen glaubt mittlerweile, dass sich die Demokratie in den vergangenen zehn Jahren eher zum Schlechteren entwickelt hat. Bei "Hart aber fair" stellte ARD-Moderator Louis Klamroth daher am Montagabend die schwierige Frage: "Vor den Wahlen im Osten - woher kommt der Frust im Land?"

Jan "Monchi" Gorkow, der Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet, stellte daraufhin klar, dass die AfD bei aktuellen Wahlumfragen in Mecklenburg-Vorpommern nicht 54 Prozent erreiche, weil die Partei so stark sei, "sondern weil die anderen so schwach sind". Eine Steilvorlage für Klamroth, der genauer wissen wollte, ob die Politik wirklich verstehe, "was die Menschen brauchen". Paul Burkhardt, der eine familiengeführte Straußenfarm in Thüringen betreibt, mahnte in dem Zusammenhang, dass die Politik auf Bundesebene häufig nicht nah genug an den Menschen dran sei, "weil die hören die Probleme auf allen Ebenen".

Journalist Nikolaus Blome setzte noch einen obendrauf und sagte: "Das System funktioniert nicht mehr. Dieses System von Bürokratie (...) funktioniert nicht mehr, weil es nicht liefert, was es liefern soll. (...) Das können Sie den Leuten nicht mehr erklären!"

Eine Haltung, die auch Luca Piwodda, der ehrenamtliche Bürgermeister von Gartz (Oder) in Brandenburg, teilen musste. Er erklärte, dass es notwendig sei, mehr "Kraft und auch Kompetenzen in die Kommunalpolitik" zu stecken, "weil da ja wirklich gemerkt wird, ob die Demokratie eben funktioniert". Laut Piwodda, der Teil der Partei des Fortschritts ist, sei "die kommunale Ebene" am Ende "der wichtigste Stimmungstest für die Demokratie".

Sänger Jan "Monchi" Gorkow: Die AfD schafft es, die Menschen "in so eine Depression reinzureden"

"Hart aber fair"-Moderator Louis Klamroth hakte nach: "Ist es erfolgversprechender, wenn man sich von den etablierten Parteien abgrenzen kann?" Luca Piwodda nickte: "Auf jeden Fall. Es hat mir wahrscheinlich auch geholfen, dass ich jetzt nicht in der SPD oder CDU bin. Ich glaube aber auch, dass Parteien einfach ein Produkt des 20. Jahrhunderts sind und nicht so richtig ins 21. Jahrhundert passen. Sie sind organisatorisch total in der Zeit stehen geblieben. (...) Sie wissen nicht, wie man Menschen begeistern kann (...) und auch in den Strukturen halten kann."

Der ehrenamtliche Bürgermeister wetterte weiter: "Sie sind wirklich wie so eine Art Dinosaurier, die einfach nicht verstanden haben, wie die neue Zeit funktioniert. Und dadurch entsteht eben ein großes Vakuum, was bisher nur durch die AfD aufgefüllt wird." Ein Zustand, der Piwodda große Sorge bereite, wie er selbst zugab: "Alle anderen Parteien schaffen diesen Hype nicht zu erzeugen, was total beängstigend ist."

Louis Klamroth wandte sich daraufhin an Sänger Jan "Monchi" Gorkow und wollte wissen: "Fühlst du dich vertreten von den Parteien der Mitte?" Der Musiker antwortete deutlich: "Nein, nicht wirklich." Gleichzeitig schoss Gorkow in Richtung AfD und bemängelte: "Die AfD schafft es halt die ganze Zeit, die Leute in so eine Depression reinzureden. Und dieses Gemeckere, es kotzt mich ja selber an!"

Die Erzählung, dass früher "alles besser" gewesen sei, überraschte auch Hedwig Richter. Die Professorin merkte an, dass Politiker heutzutage "viel, viel besser zugänglich" seien "als früher". Nikolaus Blome nickte zwar, sagte jedoch, dass die AfD bei vielen Wählern eine Art Zugehörigkeitsgefühl auslöse. "Das ist vielleicht ganz menschlich, so etwas zu suchen in einer Zeit, die sich halt turbulent bewegt", so der Journalist.

Jan "Monchi" Gorkow: "Keiner braucht so zu tun, als wenn wir jetzt in Bangladesch leben"

Jan "Monchi" Gorkow stimmte energisch zu und sagte, dass das politische Handeln traditioneller Parteien häufig einem "Kasperletheater" gleiche. Die AfD verfolge dagegen "ein gemeinsames Ziel". Das genaue Parteiprogramm sei dabei vielen Wählern "größtenteils wirklich egal".

"Die Leute wählen nicht nach Argumenten, sondern nach Emotionen", so der Sänger. ARD-Moderator Louis Klamroth wollte in dem Zusammenhang wissen: "Warum gelingt es der AfD, so eine Aufbruchsstimmung zu verbreiten und den anderen nicht?" Nikolaus Blome erläuterte, dass die AfD mit dem Slogan "Alles ist möglich" werbe. "Das Gefühl ist vermittelt worden und funktioniert natürlich (...) in einem Land, von dem ja die Regierenden selber sagen: (...) 'Wir sind eingerostet, wir haben bestimmte Dinge zu lange nicht gemacht'", so der Journalist. Moderatorin Carolin Matzko fügte hinzu, dass bei vielen AfD-Wählern "eine sehr, sehr große Angst vor einer Überfremdung" hinzukomme.

Als es schließlich um die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland ging, sagte Nikolaus Blome zunächst: "Die AfD hat es geschafft, so ein Ost-Bewusstsein noch mal neu zu generieren." Daraufhin platzte Jan "Monchi" Gorkow der Kragen. Er stellte klar, dass es im Kern "eine Diskussion zwischen Stadt und Land" sei und "das Gejammer" vieler Menschen im Osten "unerträglich" sei, da sich die meisten nur noch "auf das Negative fokussieren" würden.

Der Sänger ergänzte, dass es "natürlich Unterschiede" zwischen Ost- und Westdeutschland und "genug Probleme" gebe, "die behandelt gehören, aber keiner braucht so zu tun, als wenn wir jetzt in Bangladesch leben". Gorkow redete sich weiter in Rage und erntete jede Menge Applaus im Publikum, als er sagte: "Wir haben Riesen-Glück gehabt, hier geboren worden zu sein - ob im Osten oder im Westen. Punkt!"

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