Gerhard Meir (†65): Warum sein Tod nicht überraschend war

Star-Friseur Gerhard Meir (†65) wird tot in seiner Münchner Wohnung gefunden. Er föhnte und feierte auf der Überholspur, hatte öfter gesundheitliche Probleme, aber zuverlässige Schutzengel – bis jetzt.
| Kimberly Hagen
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Viel mehr als ein Friseur: Gerhard Meir ist Verbündeter, Beichtvater, Familienmitglied und Entertainer gewesen.
Viel mehr als ein Friseur: Gerhard Meir ist Verbündeter, Beichtvater, Familienmitglied und Entertainer gewesen. © imago

München - Die Nachricht, die die AZ am Freitag exklusiv erfahren hat, lässt die Promi-Welt kopfstehen: Deutschlands erster Star-Friseur Gerhard Meir (†65), Liebling der Bussi-Bussi-Gesellschaft, ist am Freitagmorgen tot in seiner Münchner Wohnung aufgefunden worden. Die Mitarbeiter seines Salons in der Ludwigstraße hatten sich Sorgen gemacht, weil der Chef morgens nicht zur Arbeit erschienen war.

Notarzt raste zur Wohnung von Gerhard Meir 

Für Workaholic Meir höchst ungewöhnlich. Die Arbeit war sein Leben – sie hatte ihm alles gegeben, aber ihm jetzt auch seinen letzten Atemzug genommen. Ein Mitarbeiter, der einen Schlüssel zu seiner Wohnung hatte, schaute nach dem Chef und fand ihn leblos auf. Der Notarzt wurde gerufen und konnte nur noch seinen Tod feststellen. So schockierend die Nachricht ist, so wenig überraschend ist sie – leider.

Immer mittendrin in der Society: Gerhard Meir beim Bambi 2002 mit (v. l.) Vicky Leandros, Hannelore Elsner und Barbara Becker.
Immer mittendrin in der Society: Gerhard Meir beim Bambi 2002 mit (v. l.) Vicky Leandros, Hannelore Elsner und Barbara Becker. © imago

Gerhard Meir föhnte und feierte auf der Überholspur, er verlangte sich selbst alles ab. Gnadenlos, ohne Pause, immer weiter. Die Stars vertrauten ihm ihre Haare an und ihre Geheimnisse, ließen ihn an ihre Kopfhaut und auf ihre Partys. Keine Feier ohne Meir. Gerhard wirbelte überall herum, tanzte und frisierte, oft waren die Übergänge fließend, seine Kundinnen, die zu Vertrauten wurden. Ob Schuppen oder Seitensprung, er wusste alles, war viel mehr als ein Friseur: Beichtvater, Therapeut, Philosoph, Verbündeter, Entertainer, Familienmitglied.

Die Mega-Karriere des Promi-Friseurs

Angefangen hatte er bei MCM-Lady Mara Cromer, 1978 machte er sich in Schwabing selbstständig – im Hinterhof neben dem Stadthäuschen von Film-Legende Horst Wendlandt. Angela Wepper war die erste Kundin, die Schönen und Sorglosen folgten. Meir schnitt ihre Haare und streichelte ihre Seelen. Viele Frauen wollten ihn bekehren, keiner gelang es. Die Karriere-Krönung: die legendäre Punk-Frisur von Gloria von Thurn und Taxis 1986. Die Damenwelt lag dem gebürtigen Schlierseer zu Füßen, ein paar ausgewählte Männer (Helmut Dietl, Josef von Ferenczy, Charles Schumann) erfreuten sich auch an seiner hairlichen Show. Denn ein Termin bei Meir war kein Friseurbesuch, sondern ein Spektakel.

Freund der Stars: Gerhard Meir und Claudia Schiffer 1995.
Freund der Stars: Gerhard Meir und Claudia Schiffer 1995. © API/Michael Tinnefeld

Selbst die Köpfe der betagtesten Ladys warf der Figaro stets aufgekratzt und laut lachend nach hinten und vorn, er griff durch die Haare, als würde er Teig kneten, dazu lautstarke Gespräche im Stakkato-Stil, hier eine schnelle Zigarette (Kettenraucher Meir zog an jeder Kippe nur fünf Mal), da ein Weißweinschörlchen, wie geht’s dem Hund, den Kindern, der Geliebten. Waschen, Schneiden, Frönen.

Mensch Meir, wollte man manchmal sagen – "Wuppi" nannten ihn engste Freundinnen wie Hannelore Elsner – mach mal eine Pause. Aber Ruhe war für ihn ein Fremdwort, Urlaub völlig ausgeschlossen. Wer sich so fleißig nach oben geschnippelt hat, der legt die Schere nicht mehr aus den Händen. Im Gegenteil: Meir schrieb Bücher, Schlüsselromane über die koksende, sich betrügende Schickeria, ohne sich Feinde zu machen.

Gerhard Meir hätte schon mit 2 Jahren sterben können

Ab 2004 hatte er in der AZ eine Kolumne ("Gerhard Meir am Montag") über sein hairliches Leben. Doch es war nicht der Ehrgeiz allein, der Meirs Turbo-Leben erklärt. Es war eine Flucht nach vorn für jemanden, der nicht zurückschauen will. Wer so lebt, arbeitet, feiert, als gäbe es kein Morgen – der hat manchmal seine Gründe.

Enge Verbündete: Gerhard Meir, Modezar Rudolph Moshammer.
Enge Verbündete: Gerhard Meir, Modezar Rudolph Moshammer. © Schneider-Press/Erwin Schneider

Gerhard hätte schon mit zwei Jahren sterben können. Da büxste er beim Spielen aus und wurde von einem Zug überrollt. Aber er lag so günstig zwischen den Schienen, dass er nicht mal eine Prellung bekam. Mit zehn saß er auf der Rückbank im Auto seines Vaters, als zwei Betrunkene auf der Fahrbahn auftauchten und den Opel rammten. Sein Papa starb, Gerhard überlebte (und machte aus Angst vor der Vergangenheit nie einen Führerschein). Wieder hatte er keinen Kratzer. "Nur auf meiner Seele", wie er der AZ bei einem der vielen Gespräche erzählte. "Ich kann mich nicht zu sehr mit meiner Vergangenheit beschäftigen, das würde mich umhauen. Ich frage mich oft, warum ich überlebt habe. Eine Antwort habe ich nicht.“

Er hat es gerne krachen lassen

Ein Jahr nach dem Tod des Vaters brannte das Haus am Schliersee ab, kurz darauf starb die Mama am Schlaganfall, dann kam sein Bruder Josef beim Autounfall ums Leben (seine beiden anderen Brüder Manfred und Alexander erben jetzt den Friseur-Salon). Wer als Kind mit so viel Tod und Trauer umgehen muss, der ist hungrig nach Leben. Der lässt es gerne krachen, verliebt sich 40 Mal am Tag, trinkt Champagner wie Wasser.

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Vier große Lieben hat Gerhard in seinem Leben gehabt, stets attraktive kultivierte Männer. Mit seinem letzten Lebensgefährten Peter Safarik war er bis 2015 glücklich, danach zog sich Meir immer mehr zurück - von den roten Teppichen und der Liebe. „Ich bin zu müde für einen neuen Mann“, sagte er der AZ bei einem der letzten Gespräche. „Es ist kaum zu glauben, aber ich bin jetzt abends auch mal gerne allein daheim. Das war früher undenkbar.“

Krankenakte von Gerhard Meir war lang

Ab 2008 war Meir nicht nur ständiger Gast auf allen wichtigen Partys gewesen, sondern auch im Krankenhaus. Schwächeanfall, Burnout, Schlaganfall, Darm-OP, Herzattacken, Kollaps, Blutdruckprobleme, das ganze Programm, immer wieder. "Ich hatte ein kleines Schlagerl", sagte Meir gern und tat so, als würde er es nicht ernstnehmen. In Wahrheit wusste er, dass es oft kurz vor knapp war.

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Sein Testament war gemacht, den inneren Frieden hatte er mit sich gemacht: katholisch zu sein und trotzdem schwul. Er glaubte an Schutzengel: "Ich habe die besten, die es gibt. Und das seit ich zwei bin.“ In der Nacht zu Freitag müssen seine Schutzengel pausiert haben. Vielleicht ist ihnen, nachdem sie 63 Jahre so zuverlässig auf den umtriebigen Gerhard Meir aufpassten, auch mal die Puste ausgegangen.

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