Alexander Hold: "Ich bin kein Mensch für den Schaukelstuhl"

Richter Alexander Hold kehrt nach 25 Jahren im Spezial "Der Prozess seines Lebens" am 26.10. sowie ab 27.10. in neuen regulären Folgen bei SAT.1. in den TV-Gerichtssaal zurück. Warum er wieder im Fernsehen Recht spricht und was er über härtere Gesetze denkt, verriet der 64-Jährige im Interview.
von  Martina Maier
Außer dem neuen Sitzungssaal und dem zurückgewichenen Haaransatz habe sich zu den früheren Folgen der Gerichtsshow nicht viel verändert, sagt TV-Richter Alexander Hold.
Außer dem neuen Sitzungssaal und dem zurückgewichenen Haaransatz habe sich zu den früheren Folgen der Gerichtsshow nicht viel verändert, sagt TV-Richter Alexander Hold. © SAT.1 / Joyn

Auch wenn die schwarzen Locken inzwischen verschwunden sind, erkennt man ihn spätestens, wenn er zu sprechen beginnt. Aus dem SAT.1-Nachmittagsprogramm der frühen 2000er-Jahre nicht wegzudenken, verhandelte Deutschlands wohl bekanntester Robenträger 2.000 Fälle aus fast allen Bereichen menschlicher Verfehlungen, immer mit Rückgrat und Herz, oft mit Humor, manchmal auch mit Klamauk. Zum 25-jährigen Jubiläum der überaus erfolgreichen Gerichtsshow gibt es neben dem Prime-Time-Spezial "Alexander Hold - Der Prozess seines Lebens" am Montag, 26.10. (SAT.1, 20.15 Uhr) zudem 50 Folgen "Alexander Hold - Seine neuen Fälle", die ab Dienstag, 27.10., werktäglich um 18 Uhr auf SAT.1 und auf Joyn zu sehen sind.

In den 13 Jahren seit der Erstausstrahlung der ursprünglichen Folgen hat sich der Volljurist, der einst am Kemptener Land- und Amtsgericht bei echten Schurken für Recht und Ordnung sorgte, ein weiteres berufliches Standbein aufgebaut: Er ist Politiker bei den Freien Wählern und seit 2018 II. Vizepräsident des Bayerischen Landtags. Nach einer schweren Krebserkrankung vor zwei Jahren ist der 64-jährige Vater von zwei Söhnen wieder voller Tatendrang. Alexander Hold spricht im Interview über menschliche Schicksale vor dem Richterpult, Fehler beim Umgang mit der AfD und die Aktualität von Gerichtsshows.

"Ein reizvolles Projekt mit überschaubarem Zeitaufwand"

teleschau: Nach 25 Jahren gibt es jetzt 50 neue Folgen und eine Primetime-Sendung von "Richter Alexander Hold". Wie kam es dazu?

Alexander Hold: Die gut 2.000 früheren Folgen laufen ja seit damals in SAT.1 rauf und runter, in letzter Zeit sogar mit steigenden Quoten. Da lag es nahe, dass zum 25-jährigen Jubiläum neue Folgen produziert werden. Der Sender hatte sich schon jahrelang rührend um mich bemüht. Und so reizvoll ich das auch fand: Aufgrund meines politischen Engagements war immer klar, dass ich nicht zwei Vollzeitjobs in Einklang bringen kann. Aber ein reizvolles Projekt, das mit überschaubarem Aufwand möglich ist, das konnte ich mir vorstellen. Also hat SAT.1 alles getan, um meine Wünsche zu berücksichtigen, damit ich alles unter einen Hut bekomme.

teleschau: Welche Wünsche hatten Sie?

Hold: Es war klar: Mein Landtagsmandat geht zu 100 Prozent vor. Und nur, wenn ich in der sitzungsfreien Zeit in den Ferien drehen kann, ist es überhaupt möglich. Ein Faible für Ferienjobs hatte ich eigentlich immer schon immer (lacht).

teleschau: Andere Leute fahren ganz gern in die Ferien ...

Hold: Das ist wohl der Schwachpunkt an dem ganzen Konstrukt, dass der Familienurlaub dadurch in diesem Jahr ganz kurz gekommen ist. Wir waren nur eine Woche unterwegs und auch nicht weit weg.

teleschau: Dafür wohnen Sie im Allgäu, also dort, wo andere Urlaub machen.

Hold: Genau. Bei uns ist jedes Frühstück ein Urlaub, kann man sagen. Aber das musste dann auch reichen.

teleschau: Gibt es als Ausgleich wenigstens noch das alte Hobby, Uhren zu zerlegen?

Hold: Das war in Kindertagen - ist also lange her. Die Tage habe ich auf dem Dachboden mal einen alten Wecker stehen sehen, und da hat es gezuckt, aber ich habe es bleiben lassen. Es ist mir nie gelungen, eine Uhr wieder zusammenzuschrauben. In dem Moment, wo ich mich ans Uhrwerk mache, ist sie verloren.

teleschau: Was hat sich gegenüber den älteren Folgen geändert?

Hold: Der Haaransatz in allererster Linie (lacht). Es gibt Menschen, die sagen, den Hold erkennt man nur noch an der Stimme. Nein, der anhaltende Erfolg der Wiederholungen zeigt, dass man gar keine gravierenden Änderungen braucht. Die Art, Geschichten zu erzählen, in denen es nicht nur darum geht, den Täter zu finden, sondern auch das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit darzustellen und zu begründen, hat überhaupt nichts an Aktualität verloren. Ich glaube sogar, dass die Menschen gerade im Moment Halt und Verlässlichkeit suchen. Und von einigen Kleinigkeiten, die außer dem Sitzungssaal neu sind, lassen Sie sich überraschen.

Einst ging's im Wok durch den Eiskanal

teleschau: Sie haben in Ihrem Berufsleben etliche sehr unterschiedliche Stationen durchlaufen. Was ist für Sie am spannendsten: die Justiz, "Richter Hold" im Fernsehen oder der Landtag?

Hold: Sowohl im Landtag als auch in der Justiz haben Sie eine sehr große Verantwortung für die Menschen. Im Landtag kann ich oft Menschen in konkreten Lagen helfen und mit jedem Gesetzesentwurf ist eine hohe Verantwortung für die Menschen im Land verbunden. Im TV besteht meine Verantwortung darin, den Zuschauern Vertrauen in die Justiz zu vermitteln. Eine vergleichsweise kleine Verantwortung, dafür im Idealfall gegenüber einem Millionenpublikum. Im Gerichtssaal habe ich dagegen eine sehr große Verantwortung gegenüber jedem einzelnen Menschen, der vor mir sitzt. Dieses echte persönliche Schicksal ist das, was einen am meisten berührt. Das kann im Zivilprozess der Handwerker sein, der pleite geht, wenn er den Prozess verliert. Im Strafprozess entscheide ich, ob jemand den Saal als freier Mensch verlässt oder jahrelang hinter Gitter muss, ob Kinder ihren Papa mit nach Hause nehmen können oder ob eine Partnerschaft zerbricht. Das ist im TV-Gerichtssaal schon einfacher: Auch der verurteilte Mörder darf schließlich nach Drehschluss wieder nach Hause. Deswegen finde ich die Justiz von meinen drei Leben am bewegendsten.

teleschau: Könnten Sie sich vor diesem Hintergrund vorstellen, irgendwann wieder echte Fälle zu lösen?

Hold: Ja, selbstverständlich. Aber schauen Sie auf mein Alter: Das wird nichts mehr (lacht). In der Politik kann man seine Erfahrungen auch mit 70 noch gut einbringen, das ist gar keine Frage, und im Fernsehen könnte ich auch mit 70 noch richten. Aber bei der Justiz ist es gesetzlich festgelegt, dass man mit 67 Jahren spätestens in Pension geht.

teleschau: Sehnen Sie sich nicht manchmal nach dem Ruhestand?

Hold: Ich bin kein Mensch für den Schaukelstuhl. Im Gegenteil, ich glaube, wenn man aktiv Dinge macht, für die man brennt, dann hält einen das eher jung.

teleschau: Also würden Sie auch noch einmal einen Eiskanal hinuntersausen, wie damals in Stefan Raabs "Wok-WM"?

Hold: Wenn ich nochmal jünger wäre, ja (lacht). Ich bin inzwischen aus dem Zielpublikum rausgefallen, aber gegenüber von meinem Schreibtisch stehen noch die Stefan-Raab-Pokale und ähnliche Trophäen. Das hat schon Spaß gemacht. Wenn es seniorengerechte Aktivitäten gäbe, wieso nicht? Reality-TV wie das Dschungelcamp, das ist definitiv nicht meine Welt, aber gern eine andere Sportart. Nur wenn ich sehe, was da inzwischen stattfindet, glaube ich nicht, dass das Rad nochmal so zurückgedreht wird, dass auch Sportarten für 65-Jährige dabei sind.

teleschau: Aber Sie sind immer noch ein leidenschaftlicher Skifahrer ...

Hold: Ja, das ist schon ok (lacht). Da habe ich auch einen Pokal für den zweiten Platz beim "TV Total"-Riesenslalom auf der Weltcupstrecke. Da haben mir vier Hundertstel für Gold gefehlt. Große Sportkarrieren sehen anders aus ....

"Härtere Gesetze brauchen wir nicht"

teleschau: Lassen Sie uns über die Justiz sprechen. Vor rund 25 Jahren erzählten Sie, dass Bürger oft beklagten, es werde von der Justiz nicht hart genug durchgegriffen und man bräuchte strengere Gesetze. Sie sagten damals, die Gesetze seien da, nur werden sie oft nicht ausgeschöpft. Ist Ihrer Meinung nach hier inzwischen eine Entwicklung zu erkennen?

Hold: Das hat zwei Seiten. Gerade bei TV-Aufzeichnungen habe ich oft erlebt, dass nach der Anklageverlesung die Schöffen sagten, da müsse man jetzt aber richtig reinhauen und zehn Jahre Freiheitsstrafe verhängen. Und wenn am Ende vier Jahre herauskamen, fragten sie: Ist das nicht zu hart? Was ich damit sagen will: Wenn man die Menschen vor sich hat und auch deren Lebensweg sieht, beurteilt man deren Schuld manchmal anders, als wenn man nur die Zeitung liest. Das ist die eine Seite. Aber ja, ich glaube, es ist ein wichtiger Impuls, den die Justiz setzen muss: Konsequenz zeigen und null Toleranz gegenüber Straftaten.

teleschau: Sehen Sie in dieser Hinsicht Unterschiede zwischen den verschiedenen Bundesländern?

Hold: Da gibt es sicher Unterschiede in der Grundeinstellung der einzelnen handelnden Personen. Warum hört man in Bayern kaum etwas von Clankriminalität? Ich glaube, das liegt in erster Linie daran, dass in der Regel organisierte Straftäter dort hingehen, wo das Risiko am geringsten ist: Einerseits das Risiko, erwischt zu werden, und andererseits, hart bestraft zu werden. Ich glaube, dass sich der konsequente Weg bei uns in Bayern auszahlt. Es gibt sicherlich Regionen, wo der eine oder andere Richter ein bisschen arg lang an das Gute im Menschen glaubt und wo man lieber mal rechtzeitig Grenzen setzen sollte.

teleschau: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Ruf nach härteren Gesetzen und dem Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt?

Hold: Der Ruf nach härteren Gesetzen ist meist ein dummer Reflex, wenn irgendwo was passiert. Unsere Gesetze geben eigentlich alle Möglichkeiten her. Härtere Gesetze brauchen wir überhaupt nicht, die haben wir. Man darf manchmal nicht so weltfremd sein. Sicher hat jeder eine zweite Chance verdient, wenn es um Kleinigkeiten geht, aber man darf sich als Rechtsstaat auf keinen Fall auf der Nase herumtanzen lassen. Wenn man sich die Analysen anschaut, war das in Sachsen-Anhalt aber gar nicht das Entscheidende, sondern für die meisten Menschen waren es soziale und wirtschaftliche Sorgen. Dann gewinnt mit der AfD die Partei, die raus aus dem Euro, raus aus der EU will, die Arbeitsplätze vernichtet, die unser Friedensprojekt mit Füßen tritt, indem sie europäische Sicherheitsinteressen preisgeben will und und und. Das ist schon realitätsfern.

"Auch mit der Dämonisierung macht man groß"

teleschau: Sie sind selbst Politiker. Was ging Ihnen nach der Wahl bei den ersten Hochrechnungen durch den Kopf?

Hold: Es war ja nicht ganz unerwartet. Was mir dann schnell durch den Kopf ging, waren die anderen Parteien. Da sagt eine SPD selbstzufrieden: "Oh, wir sind stabil über der Fünf-Prozent-Hürde geblieben." Echt spannend, dass eine ehemals große Volkspartei so weit ist und dass es wie zu Ampel-Zeiten wieder heißt: "Wir erreichen mit unseren Erzählungen über gute Reformen nicht die Menschen. Wir müssen es besser erklären." Das hat schon der Ampelregierung keiner abgenommen, dass es nur an der Kommunikation liegt. Auch jetzt liegt es nicht daran, sondern der Bund muss einfach die Probleme in unserem Land lösen. Den Eindruck haben viele Menschen gerade nicht.

teleschau: Vor zehn Jahren hätte niemand geglaubt, dass eine Partei wie die AfD solche Erfolge erzielen könnte. Wie erklären Sie die steigenden Zahlen - sind Versäumnisse aufseiten der anderen Parteien passiert?

Hold: Was genau Versäumnisse in Sachsen-Anhalt waren, kann ich gar nicht sagen. Aber ich finde es spannend, dass die Grundstimmung dort eher war: "Wir sind Bürger zweiter Klasse." Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so realitätsnah war. Da müssen sich auch die Medien an die Nase fassen, weil in unserem Land immer alles schlechtgemacht wird. Gerade in den neuen Bundesländern kann eigentlich niemand sagen, dass er Bürger zweiter Klasse sei. Mir fehlt da der Blick zurück in die 1980er-Jahre. Wie sah es denn damals dort aus mit der Freiheit der Entscheidungen, Meinungsfreiheit, Wohlstand, überhaupt den Lebensverhältnissen? Wir haben da in den letzten Jahrzehnten so viel erreicht, und zwar gemeinsam, das Gefühl ist leider nie entstanden.

teleschau: Was war es dann, was die vermeintlichen Bürger zweiter Klasse überzeugt hat?

Hold: Natürlich hatte die AfD dort einen Posterboy, der sich gut dargestellt und den Eindruck erweckt hat, dass man die Probleme anpacken würde. Das große Problem war, dass alle anderen Parteien eigentlich nur negative Botschaften hatten, nur die Warnung vor der AfD. Eine Warnung wirkt wie ein Verbot: Das macht es umso interessanter. In allen Medien gab es Porträts vom AfD-Spitzenkandidaten. Hätten Sie Bürger auf der Straße gefragt, wer die Spitzenkandidaten der anderen Parteien sind, hätte das keiner gewusst. Insofern macht man auch mit der Dämonisierung groß.

"Wer am meisten nachgibt, ist am Ende der Depp"

teleschau: Frau Weidel sagte am Wahlabend, die CDU hätte in keinem anderen Land mehr eine Chance, egal in welchem Bereich. Was ist Ihre Meinung dazu?

Hold: Das glaube ich noch lange nicht. Es gibt auch Bundesländer, die im Gesamtgefüge größeres Gewicht haben. In Nordrhein-Westfalen leben neunmal so viele Menschen wie in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben gerade in Baden-Württemberg oder NRW ganz andere Kräfteverhältnisse, geschweige denn in Bayern (lacht). Sie hat ja auch bewusst nicht "die Union" gesagt, sondern "die CDU". In Bayern haben wir nicht dieses bürgerlich-liberale Vakuum, das offensichtlich anderswo herrscht. Wir machen sicher auch nicht alles richtig. Aber ich glaube, die Menschen haben den Eindruck, dass wir ihre Themen wirklich ernst nehmen, vom Krankenhaus bis zur Kinderbetreuung, dass wir Wirtschaftspolitik machen, die dazu führt, dass wir gute schulische Bildung und Spitzen-Unis haben, dass wir die zukunftsträchtigen Branchen und die Fleißigen fördern. Wir tun ganz viel für die digitale Transformation und für die Sicherheit. Ich glaube, dass das ein Punkt ist: Man bekämpft solche Parteien in erster Linie durch gute, glaubwürdige Politik, Punkt und aus.

teleschau: Sie betonen immer wieder, dass es essenziell sei, den Menschen zuzuhören, um zu verstehen, wo die Probleme liegen. Ist Zuhören das Mittel, sie zu erreichen, wenn es nicht die Versprechungen sind?

Hold: Man macht einen Fehler, wenn man immer nur darüber nachdenkt, wie man die Menschen erreicht. Ganz banal: Man erreicht die Menschen dadurch, dass man die richtige Politik macht. Das ist zurzeit relativ schwierig, weil es ja auch um Zumutungen geht, die wir aber brauchen, um unseren Wohlstand halbwegs zu erhalten. Deswegen muss man ehrlich sagen, hey, wir haben jahrzehntelang gut gelebt, aber jetzt müssen wir uns wieder strecken.

teleschau: Schon werden die Leute auf die Straße gehen ...

Hold: Natürlich, aber das nützt gar nichts. Ich werde doch das Richtige deswegen nicht bleiben lassen, nur weil es weh tut. Ganz lange Zeit haben wir eigentlich niemandem wehgetan, sondern es gab immer da noch ne soziale Wohltat, dort noch einen Anspruch auf dieses und jenes. Das können wir uns jetzt nicht mehr leisten, und das ist schwer auszuhalten, aber langfristig das Einzige, was hilft. Es ist wie in der Erziehung (lacht). Wer am meisten nachgibt, ist am Ende der Depp. Man muss klarmachen, wo die Grenzen sind und dass die Kinder erstmal Rasen mähen müssen, wenn sie etwas zusätzlich haben wollen - so wie heute mein Sohn.

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