"Trump-Effekt": Mitglieder-Run auf Bayerns Parteien - bis auf zwei

SPD, Grüne, Linke und FDP im Freistaat freuen sich über rekordverdächtig viele Neu-Eintritte nach der Wahl des Populisten zum US-Präsidenten. Bei CSU und Freien Wählern bleibt hingegen alles beim Alten.
| Von Natalie Kettinger
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Ein junger Mann im SPD-T-Shirt. Die Wahl von Donald Trump hat viele Deutsche aufgeschreckt – und dazu veranlasst, einer Partei beizutreten.
dpa/AZ Ein junger Mann im SPD-T-Shirt. Die Wahl von Donald Trump hat viele Deutsche aufgeschreckt – und dazu veranlasst, einer Partei beizutreten.

Der Schock über den Sieg des Populisten sitzt tief – und das Bedürfnis zu handeln ist offenbar groß: Seit Donald Trump vor rund zwei Wochen zum nächsten US-Präsidenten gewählt wurde, sind 142 Menschen neu in die Bayern-SPD eingetreten. Normalerweise sind es ungefähr 100 pro Monat.

Auch Grüne, Linke und FDP profitieren vom „Trump-Effekt“ – anders als CSU und Freie Wähler. Die AZ hat sich bei den Parteien umgehört.

Die meisten Neu-Einsteiger seien der SPD unmittelbar am Tag nach der US-Wahl beigetreten, sagt der Sprecher der bayerischen Sozialdemokraten, Ino Kohlmann. 75 hatten es besonders eilig und entschieden sich für den schnellstmöglichen Weg via Internet.

Unter den neuen Genossen – insgesamt sind es in Bayern 58 360 – seien Menschen jeden Alters. Allesamt hätten Trumps Triumph wohl als „Initialzündung“ empfunden: „Sie wollen sich einbringen, sich engagieren, ein Zeichen gegen Hass und Hetze setzen, weil sie sich Sorgen machen um das Erstarken des Rechtspopulismus nicht nur in den USA – sondern auch in Deutschland und in Europa“, sagt Kohlmann.

Die Grünen im Freistaat melden ebenfalls ein Plus: Im November traten rund 150 Bayern in die Öko-Partei ein, die nun 8500 Mitglieder hat – ein Zuwachs von fast zwei Prozent. „Das Ergebnis der US-Wahl mobilisiert viele Menschen“, bestätigt Landeschefin Sigi Hagl. „Sie möchten sich für den Umweltschutz, für ein menschliches Miteinander und eine solidarische Gemeinschaft engagieren und wissen, dass Grün hierfür die einzige Alternative ist.“ Neben Trump sei aber auch die Urwahl Auslöser für viele, bei den Grünen mitzumachen, sagt Landeschef Eike Hallitzky.

Auch die Linke im Freistaat profitiert vom Erfolg des Republikaners in Amerika. „Wir haben seit dem 8. November knapp 50 Eintritte zu verzeichnen“, sagt Sprecher Ates Gürpinar, „drei Mal mehr als üblich.“ Zwei Drittel der neuen Linken seien jünger als 35.

Der Mitglieder-Zuwachs (auf aktuell 2580 ) sei jedoch ein Trend und kein einmaliger Effekt – „wenn auch in dieser Größe unbekannt“, wie Gürpinar einräumt. „Seit dem Entstehen der Geflüchteten-Initiativen auf der einen und dem sich entwickelnden Rechtsruck auf der anderen Seite, gibt es doch recht viele junge Menschen, die mit ihrem Eintritt Farbe bekennen wollen“, hat der Pressesprecher beobachtet. „Sie realisieren, dass diese Rechts-Entwicklung nicht kurzfristig ist und ein Einsatz der Gesellschaft nötig.“

Dies widerlege die bisherige Einschätzung, dass sich Jugendliche weniger festlegen wollten und deshalb nicht mehr in Parteien eintreten würden.

Bei der Freistaat-FDP ist man etwas zurückhaltender: „Wir hatten seit der US-Präsidentschaftswahl gut 20 Neueintritte – das ist vermutlich ein kleiner Trum-Effekt“, sagt Pressesprecher und Hauptgeschäftsführer Martin Hagen. Den er sich wie folgt erklärt: „Ich denke, viele Leute erkennen, dass es gerade jetzt wichtig ist, aktiv für liberale Werte einzutreten. Diese Leute wollen die Politik nicht den Populisten überlassen.“

Ob dieser Trend nachhaltig ist, müsse sich noch erweisen. Aber, sagt Hagen: „Grundsätzlich hat die FDP im gesamten Jahr 2016 einen Mitglieder-Zuwachs gehabt.“ Nämlich um 410 auf derzeit 5050 Freidemokraten.

Bei der CSU und ihren 143 000 Mitgliedern hingegen bleibt alles beim Alten: Es gebe „keine Auffälligkeiten“, sagt Sprecher Jürgen Fischer. „Wir haben nicht mehr Eintritte als sonst.“ Die Zahl schwanke monatlich zwischen 200 und 400, sei für das Gesamtjahr aber konstant.

Die Landesvereinigung Freie Wähler hat in ihrer Mitglieder-Datei bislang auch keinen Trump-Effekt bemerkt. Johannes Lindinger von der Landesgeschäftsstelle hat dafür eine Erklärung: Die Freien Wähler sprächen eher Menschen an, die an Partei-Unabhängigkeit sowie einer eher sach- und konsensorientierten Politik interessiert seien, sagt er.

Daher sei man nicht „die erste Anlaufstelle“ für Personen, die durch die Trump-Wahl aufgeschreckt oder motiviert worden seien. Deshalb könne man den Effekt wohl „vor allem bei denen im klassischen Links-rechts-Spektrum klarer positionierten klassischen Parteien wie den Linken, der SPD und den Grünen auf der einen und insbesondere der AfD auf der anderen Seite“ feststellen.

Nun. Die Alternative für Deutschland gratuliert Donald Trump zwar auf ihrer Homepage zum Wahlsieg. Die AZ-Nachfrage, wie sich dieser auf die eigene Partei auswirkt, blieb jedoch unbeantwortet.

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