Sachbearbeiter-Mangel im Lageso

Die Flüchtlingspolitik ist schon immer ein Zankapfel im rot-schwarzen Berliner Senat. Seit das zuständige Amt Lageso öffentlich in der Dauerkritik steht, schieben sich SPD und CDU die Verantwortung dafür zu.
| dpa
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Die Flüchtlingspolitik ist schon immer ein Zankapfel im rot-schwarzen Berliner Senat. Seit das zuständige Amt Lageso öffentlich in der Dauerkritik steht, schieben sich SPD und CDU die Verantwortung dafür zu. Der nahende Wahlkampf entzweit die Koalitionäre noch mehr.

Das Lageso kennt man jetzt auch in New York. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) - zuständig für die Registrierung und Unterbringung der Flüchtlinge - gilt inzwischen über Berlin hinaus als trauriges Synonym für überforderte Verwaltung.

Ende November stellte die «New York Times» das Lageso als erschreckendes Beispiel dafür vor, wie die Versorgung Tausender Flüchtlinge seit Monaten im Chaos versinkt. Die Bilder von Warteschlangen frierender Asylbewerber vor dem Lageso, prügelnder Wachleute und verzweifelter Menschen finden sich deutschlandweit in vielen Nachrichtensendungen über das Flüchtlingsthema.

 

Flüchtlinge schlafen auf der Straße vor dem Lageso

 

Dutzende Flüchtlinge verbringen die Nächte inzwischen auf der Straße unter Decken vor dem Lageso. Sie haben zwar alle einen Schlafplatz in einer Notunterkunft. Aber sie konnten bisher nicht ihren Asylantrag stellen oder ihre Kostenübernahme verlängern lassen. Das Lageso kommt mit Registrierung und Bearbeitung seit Monaten nicht hinterher. Die «New York Times» wundert sich, wie das in einem Land wie Deutschland möglich ist, das für seine Effizienz bekannt ist.

Lesen Sie hier: Bund-Prognose falsch: Bislang fast 965.000 Flüchtlinge registriert

Die Antworten fallen den politisch Verantwortlichen zusehends schwerer. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) verweist immer wieder auf den enormen Anstieg der Flüchtlingszahlen, auf die sich kein Land vorbereiten konnte. 71 819 Asylsuchende hat Berlin bis zum 7. Dezember aufgenommen. Erwartet wurden im Januar rund 25 000 in diesem Jahr. Bis zu 50 Notunterkünfte wurden aus dem Boden gestampft. Berlin kann die Flüchtlinge nicht wie die großen Flächenländer in viele Landkreise und Städte weiter vermitteln.

 

Sachbearbeiter fehlen an allen Ecken und Enden

 

Doch Tatsache ist, dass der rot-schwarze Senat viel zu spät auf den sich abzeichnenden Andrang reagiert hat. Das räumt auch Müller ein. Zudem rächt sich nun bitterlich, dass Berlin wegen seines hohen Schuldenbergs seit der Einheit drastisch Personal abgebaut hat - von einst rund 200 000 im öffentlichen Dienst auf jetzt rund 105 000. Im Lageso fehlen seit mindestens einem Jahr qualifizierte Sachbearbeiter, um die hohe Zahl der Flüchtlinge zu registrieren.

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Wie frustriert die Mitarbeiter des Lageso inzwischen sind, zeigen anonyme Aussagen am Dienstag im rbb-Inforadio. «Das Chaos, das man draußen vermutet, gibt es wirklich», sagt einer. Die Beschäftigten klagen über zu wenig Personal, zu wenig Führungskräfte, zu wenig elektronische Ausstattung und zu wenig Strukturen. «Das Frustrierende an der Arbeit im Lageso ist, man sieht keine Tendenz, keine Richtung, dass es aufwärtsgeht. Es wird immer noch schlimmer», beschreibt ein anderer.

 

Flüchtlinge: Koalitions-Streitigkeiten zwischen SPD und CDU

 

Zudem klaffen in der Flüchtlings- und Asylpolitik die größten inhaltlichen Unterschiede zwischen SPD und CDU - wie im Bund. Die CDU und ihr Innensenator Frank Henkel fordern eine Begrenzung des Zuzugs und vermehrte Abschiebungen. Müller und die SPD lehnen vehement eine Obergrenze ab. Abschiebungen allein lösten das Problem nicht, wetterte Müller. Er forderte vom zuständigen Sozialsenator Mario Czaja (CDU) endlich tragfähige Lösungen vor allem im Lageso.

Der heraufziehende Wahlkampf - in Berlin wird im September 2016 ein neues Abgeordnetenhaus gewählt - verschärft den Ton zwischen den Koalitionspartnern. Czaja und der langjährige Behördenchef Franz Allert stehen in der Dauerkritik. Die Opposition hält Allert, gegen den auch wegen Korruption ermittelt wird, für völlig überfordert. Müller auch.

Versuche der Behördenspitze, das Flüchtlingsmanagement besser zu organisieren, brachten bisher nicht die immer wieder versprochene Verbesserung. Deshalb stellten jetzt mehr als 40 Berliner Anwälte Strafanzeige gegen Czaja und Allert - wegen Körperverletzung und Nötigung im Amt.

Lesen Sie hier: Mehr Personal gefordert: Innenminister: Asylverfahren dauern zu lange

Warum Czaja den Behördenchef nicht längst ablöste, irritiert auch den Regierungschef. In einer Regierungserklärung legte Müller Verantwortlichen, die nicht handeln, den Rücktritt nahe. «Wer sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlt - das ist in Ordnung. Aber der sollte nicht im Weg stehen, sondern Platz machen», sagte er, ohne Namen zu nennen. Die Opposition wertete die klaren Worte auch als Rücktrittsforderung an Czaja. Eine funktionierende Koalition arbeitet anders.

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