AZ besucht Flüchtlingslager: So leben sie in Idomeni

Seit Mazedonien seine Grenze in Teilen geschlossen hat, sammeln sich Tausende Flüchtlinge auf der griechischen Seite. Die Lage ist dramatisch - bleiben wollen die Fliehenden trotzdem. AZ-Reporterin Laura Meschede war vor Ort.
| Laura Meschede, Volker Haaß
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Mazedonische Soldaten bewachen die Grenze. Auf der griechischen Seite haben Flüchtlinge Stofftiere an den Zaun gehängt.
Laura Meschede 2 Mazedonische Soldaten bewachen die Grenze. Auf der griechischen Seite haben Flüchtlinge Stofftiere an den Zaun gehängt.
Flüchtlinge warten auf den Gleisen.
Laura Meschede 2 Flüchtlinge warten auf den Gleisen.

München - Irgendjemand hat eine Stoffkuh am Grenzzaun aufgehängt, sie hat schwarze Knopfaugen und schwingt langsam im Wind hin und her. Hinter ihr steht eine Reihe mazedonischer Polizisten in Tarnkleidung, Schild vor der Brust, Schlagstock in der Hand und blickt auf die versammelten Menschen auf der anderen Seite des Zaunes. Von einem Baum weht ein Banner, „Wir sind keine Terroristen“, steht darauf, „Lasst uns gehen!“

Mazedonien hat die Grenze zugemacht. Für „Wirtschaftsflüchtlinge“, wie es die Regierung nennt. Konkret bedeutet das: für alle Menschen, die nicht aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan kommen.

 

"Eine Frage der Zeit, bis Seuchen ausbrechen"

 

Seit Wochen sammeln sich deshalb auf der griechischen Seite der Grenze Flüchtende, die über die „Balkanroute“ ihren Weg nach Europa finden wollten. Um die 6000 sind es aktuell, die meisten stammen aus Marokko, Pakistan und dem Iran.

Auf und neben den Schienen, auf denen früher die Bahn zwischen Mazedonien und Griechenland fuhr, stehen Hunderte Zelte; überall brennen kleine Feuer, an denen die Menschen ihre Hände wärmen, es riecht nach Rauch. Überall auf dem Boden liegen Flaschen, Plastikverpackungen und alte Kleidung herum, der einzige Müllcontainer ist so voll, dass der Müll herausquillt.

Offenbar auf Druck der EU hin versuchen Mazedonien und andere Balkanländer, mit den Grenzschließungen den Menschenandrang zu stoppen. Die Menschen hier hat das unerwartet getroffen: Das Camp in Idomeni war immer nur als Durchgangsstation gedacht. „Es ist viel zu kalt, um auf Dauer hier in den Zelten zu wohnen“, sagt Sawsan Abu Ajamia, die für das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Idomeni arbeitet. „So viele Menschen auf einem Platz und wir haben hier nicht mal Duschen – es ist nur eine Frage der Zeit, bis Seuchen ausbrechen.“

Das UNHCR versucht jetzt, die Menschen mit Bussen zurück nach Athen zu transportieren. Dort sollen sie Asyl beantragen oder zumindest in menschenwürdigeren Lagern auf eine Änderung der Situation warten. Aber die meisten der Leute hier weigern sich, zu gehen. Sie haben Angst, von Athen aus in ihre Herkunftsländer abgeschoben zu werden. Und immer noch kommen täglich neue Gruppen in dem Camp an; die Hilfsorganisation Pro Asyl befürchtet, es könnten in ein paar Wochen bis zu 10 000 Menschen an der Grenze ankommen.

Es ist vor allem die Mittelschicht, die sich hier im griechischen Niemandsland versammelt hat. Die Frauen sind geschminkt und modisch gekleidet, die Männer haben Multifunktionsjacken und Markenschuhe an, geschätzt jeder Zweite hier hat in seiner Heimat ein Studium abgeschlossen. Trotz der aussichtslosen Lage gleicht die Stimmung mehr einem Festival, ein Stimmengewirr aus zig Sprachen hängt in der Luft. Ob iranische Christen, pakistanische Schiiten oder marokkanische Sunniten, die Menschen hier eint ein Glaube: dass die Grenze irgendwann wieder geöffnet wird.

Die Abendzeitung hat mit Flüchtlingen über ihre Geschichte gesprochen.

 

"Unsere Situation ist ausweglos"

Verfolgter Christ: Hamit (m.)

Hamid (25) aus dem Iran: „Vor zwei Jahren sind wir zum Christentum konvertiert. Darauf steht im Iran die Todesstrafe – die Religion zu wechseln, ist nach islamischem Recht eine Sünde.
Eigentlich waren wir zu fünft, aber unseren Freund haben sie ins Gefängnis gesperrt, noch bevor wir das Land verlassen konnten. Hier im Camp ist das Essen schlecht, es ist dreckig und duschen kann man auch nicht – aber all das ist unwichtig, solange sie nur die Grenze aufmachen.

Unsere Situation ist ausweglos: Nach vorne dürfen wir nicht, zurück können wir nicht, sonst werden wir ermordet – und wenn wir hierbleiben, erfrieren wir. Aber ich vertraue darauf, dass unser Vater im Himmel uns helfen wird, den Weg nach England zu finden."

 

"Mein größter Wunsch? Eines Tages zurück in mein Land zu können"

Möchte nach Schweden: Omeira Baloch mit ihrem Sohn Browntec.

Omeira Baloch (26) aus Pakistan: "Ich komme aus Belutschistan. Schon mal gehört? Wir tragen andere Kleidung und sprechen auch kein Urdu so wie die Pakistani – wir haben unsere eigene Kultur. Aber Pakistan unterdrückt uns, die Regierung lässt Menschen verschwinden, 14 000 Leute werden aktuell vermisst.

Mein Mann ist Sänger, er hat für den Frieden gesungen, deshalb wollte die Regierung ihn töten. Er lebt jetzt im Exil in Schweden. Als ich der Polizei nicht sagen wollte, wo er ist, haben sie mich gefoltert: Sie haben mich geschlagen und meine Zehennägel herausgerissen. Da habe ich meine Kinder genommen und bin geflohen. Die Flucht war hart, nicht viele Frauen machen diesen Weg alleine.
Bald werde ich mich auf den Weg nach Athen machen. Mein Anwalt hat gesagt, von dort könne ich legal zu meinem Mann nach Schweden ziehen. Aber mein größter Wunsch ist, eines Tages zurück nach Belutschistan gehen zu können – ich liebe mein Land über alles."

 

"Richtung Freiheit"

„Bad girls“: Zarah und Adele.

Zarah (21) und Adele ( 30) aus dem Iran: „Was wir machen, wenn sie die Grenze nicht mehr aufmachen? Keine Ahnung. Sicher ist nur: In den Iran gehen wir nie wieder. Unser Weg führt Richtung Freiheit. Im Iran gibt es die nicht, vor allen nicht für Frauen. Wer arbeiten will, muss sich verschleiern, sonst kommen die Sittenwächter. Aber wir sind „bad girls“, wir haben keine Lust, unser Gesicht zu verhüllen.
Hier im Camp ist es schrecklich kalt und Duschen gibt es auch keine. Vor ein paar Tagen hat ein Mann sich vor unseren Augen umgebracht. Er ist auf einen Strommasten geklettert und die Elektrizität hat ihm einen Schlag versetzt. Alle haben geschrien, wir auch. Aber irgendwann werden sie die Grenze wieder aufmachen. Dann gehen wir nach Deutschland und fangen ein neues Leben an – als freie Frauen.“

 

"Das ist kein Leben"

Mit der Familie auf der Flucht: Mahmoud

Mahmoud (24) aus dem Iran: „Wir schlafen hier zu acht in einem kleinen Zelt. Wenn es regnet, fließt das Wasser durch eine Rinne direkt in unser Zelt und alles wird nass: die Decken, die Kissen, wir. Seit dem letzten Regen ist mein dreijähriger Sohn krank, er hat hohes Fieber. Das UN-Flüchtlingswerk hat ihm Tabletten gegeben, aber wir bekommen keinen Heizstrahler.
Zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen gibt es hier Cracker, die Toiletten sind schmutzig – das ist kein Leben. Aber in den Iran können wir nicht zurück, sonst werden wir umgebracht. Der Iran mag keine Menschen, die fliehen.“

 

"Bis ich sterbe"

Bauingenieur Yves Muanza (l.).

Yves Muanza (28) aus dem Kongo: „Ich wohne seit zehn Tagen hier im Camp. Eigentlich komme ich aus dem Kongo, aber dort gibt es keine Meinungsfreiheit und auch keine Arbeit. Das ist unfassbar: Ich bin ein Intellektueller, ich habe ein Diplom, ich kann arbeiten – aber nirgendwo darf ich.

Die Flucht hierher hat mich 2000 Euro gekostet. Letzte Woche hat mir auch noch jemand meine Sachen geklaut – die Klamotten, die ich trage, sind das Einzige, was ich noch habe. Wenigstens habe ich zwei Paar Socken.

Wenn sie die Grenze aufmachen, will ich nach Deutschland gehen und dort arbeiten – ich bin studierter Bauingenieur. Wenn sie sie nicht aufmachen, dann bleibe ich hier. Notfalls, bis ich sterbe.“

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