Rot-Rot als Rettungsanker

In größter Not setzt die SPD jetzt auf die Linke: Rot-rote Koalitionen nach den Landtagswahlen im Saarland und in Thüringen am Sonntag sollen die Trendwende bringen. CDU-Vize Jürgen Rüttgers warf Kanzlerkandidat Steinmeier prompt vor, mit seinem "rot-roten Freibrief die Katze aus dem Sack gelassen" zu haben. Die AZ sprach mit Parteienforscher und SPD-Experte Peter Lösche (70)
| Abendzeitung
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Seit an Seit im Saarland: Oskar Lafontaine und Heiko Maas.
dpa Seit an Seit im Saarland: Oskar Lafontaine und Heiko Maas.

In größter Not setzt die SPD jetzt auf die Linke: Rot-rote Koalitionen nach den Landtagswahlen im Saarland und in Thüringen am Sonntag sollen die Trendwende bringen. CDU-Vize Jürgen Rüttgers warf Kanzlerkandidat Steinmeier prompt vor, mit seinem "rot-roten Freibrief die Katze aus dem Sack gelassen" zu haben. Die AZ sprach mit Parteienforscher und SPD-Experte Peter Lösche (70)

AZ: Herr Professor Lösche, kann Rot-Rot in den Ländern die SPD im Bund noch retten?

PETER LÖSCHE: Es könnte einen kleinen Schub für die SPD geben, wenn zwei CDU-Ministerpräsidenten scheitern – im Saarland und in Thüringen ist es ganz eng. Die SPD dürfte sich dann jedenfalls endlich mal wieder als Sieger fühlen.

Für wie realistisch halten Sie die rot-roten Szenarien?

Im Saarland ist es denkbar, dass ein Machtwechsel stattfindet und SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas mit Grünen und Linken koaliert. In Thüringen ist das problematischer: Dort hat die SPD geschworen, nicht unter einem linken Ministerpräsidenten Ramelow in ein Kabinett einzutreten. Das jetzt doch zu tun, wäre Selbstmord. Wenn die NPD in den Landtag kommt – und dafür spricht anhand der Umfragen einiges – reicht es wohl für Schwarz-Gelb. Sonst könnte es zur großen Koalition unter Dieter Althaus kommen.

"Das Schreckgespenst Rot-Rot macht kaum noch jemandem Angst"

Schreckt Rot-Rot die Wähler nicht mehr ab?

Das Schreckgespenst Rot-Rot macht heute kaum noch jemandem Angst. Auch in Hessen wäre das kein Problem gewesen, wenn Frau Ypsilanti eine Koalition mit der Linken nicht vor der Wahl ausgeschlossen und danach Wortbruch begangen hätte. Maas hat im Saarland klugerweise nichts ausgeschlossen.

Sie empfehlen Union und FDP also nicht, die roten Socken wieder auszupacken?

Die können sie gerne auspacken, nur das wirkt nicht mehr. Schauen Sie nur auf die rot-rote-Koalition in Berlin, die funktioniert hervorragend. Klaus Wowereit hat die Linkspartei den Grünen vorgezogen, weil die viel handzahmer und braver sind.

Die Linken sind also eine stinknormale, biedere Partei.

Die sind doch schon lange keine kommunistischen Weltverschwörer mehr. Gysi ist staatstragend und konservativ. Und Lafontaine ist der Marktschreier, dem man sowieso nicht mehr viel zutraut, weil er als Bundesfinanzminister 1999 weggerannt ist.

Und just mit dieser Reizfigur soll Maas im Saarland die erste rot-rote Regierung in Westdeutschland bilden?

Lafontaine würde ja gar nicht in die Regierung eintreten. Ich glaube nicht, dass die SPD Gefahr laufen würde, von der Linken kolonialisiert zu werden. Im europäischen Vergleich ist es doch naheliegend, dass Sozialdemokraten mit ihren linken Abspaltungen Koalitionen schließen. Das ist nichts anderes als eine Arbeitsteilung.

"Merkels knallhart durchkalkulierte Strategie kann ich nur bewundern"

Wird der nächste SPD-Chef nach Müntefering mit den Linken im Bund koalieren?

Mittelfristig ist das möglich. Bis dahin muss die SPD aber eine klare Position haben, die sie von der Linken abgrenzt, die Partei reformieren – und Selbstbewusstsein tanken.

Und diesmal geht Bundeskanzlerin Angela Merkel Taktik auf, die SPD mit Zuneigung zu erdrücken?

Das ist eine knallhart durchkalkulierte Strategie, die ich nur bewundern kann.

Interview: Markus Jox

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – mitdiskutieren Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren