"Rahmenbedingungen immer schlechter": Arzt-Termine sind auch in Bayern Mangelware
Die Kritik an immer längeren Wartezeiten für Facharzttermine in Deutschland wächst. Zwischen 2019 und 2024 stiegen die Zeiten im Schnitt von 33 auf 42 Tage, wie aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Linken-Anfrage hervorgeht. Für die Grünen im Bundestag ein "gesundheitspolitisches Alarmzeichen", wie deren Sprecher Janosch Dahmen am Mittwoch der "Rheinischen Post" sagte.
Von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) fordern die Grünen nun ein schlüssiges Konzept, um Wartezeiten und Fehlversorgung zu reduzieren.
Gastro, Rheumathologie und Dermatologie vorn
Bei welchen Fachrichtungen muss man besonders lange warten? Aufschluss gibt etwa eine Befragung von der AOK Ortskrankenkasse Hamburg aus dem Jahr 2023, über die auch das "Ärzteblatt" berichtete: Demnach mussten Versicherte besonders lange auf einen Termin in den Fachrichtungen Gastroenterologie, Radiologie, Rheumatologie, Dermatologie und Pneumologie warten, nämlich jeweils mehr als drei Wochen. Im Mittelfeld bei den Wartezeiten liegen demnach die Bereiche Psychiatrie, Neurologie, Orthopädie und Augenheilkunde.
Am seltensten mussten Patienten lange Wartezeiten (mehr als drei Wochen) laut der Befragung in den Bereichen Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Urologie und Frauenheilkunde hinnehmen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt man auch bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). "Neurologen, Nervenärzte und Psychotherapeuten waren diejenigen Gruppen, bei denen am ehesten länger gewartet werden musste", heißt es auf AZ-Anfrage.

KBV-Chef Andreas Gassen sagte: "Die Entscheidung, wann ein Patient einen Termin erhält, richtet sich zuallererst nach der medizinischen Notwendigkeit." Politik sei "gut beraten, keine populistische Debatte anzustoßen nach dem Motto ‘noch mehr und noch schnellere Termine'", so Gassen.
Manche Termine auch deutlich später noch durchführbar
"Die allermeisten Termine erfolgen innerhalb von drei Tagen, Notfälle werden sofort behandelt", betonte er. "Um hier eine Befragung des GKV-Spitzenverbands heranzuziehen, bekommt jeder siebte sogar noch am selben Tag einen Termin beim Facharzt." Vorsorgetermine und nicht sofort akute Behandlungsfälle könnten "auch deutlich später durchgeführt werden".
Bayerische Hausärzte: "Das bindet unnötig Ressourcen"
Der Vorsitzende des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Wolfgang Ritter, teilt der AZ zu den Gründen für die langen Wartezeiten mit: "Das hat vor allem damit zu tun, dass wir ein ungesteuertes Gesundheitssystem haben und Gebietsfachärztinnen und -ärzte oft mit Beratungsanlässen konfrontiert sind, die von ihrer medizinischen Notwendigkeit her besser in der hausärztlichen Versorgungsebene aufgehoben wären. Das bindet unnötig Ressourcen bei den Spezialisten."
Als Beispiel nennt er die Hautkrebs-Vorsorge, die die meisten Hausärzte anbieten.

In der Debatte um die Wartezeiten für Facharzttermine wehrt sich auch der Vorstand des Bayerischen Facharztverbands, Klaus Holler, im Gespräch mit der AZ. Seine Begründung für die langen Wartezeiten: "Die Bevölkerung in Bayern wächst kontinuierlich – vor 25 Jahren gab es 60.000 Geburten im Freistaat, heute sind es 100.000. Aber neue Fachärzte wachsen nicht auf den Bäumen und uns wird es immer schwieriger gemacht – die Rahmenbedingungen werden immer schlechter."
"Nirgendwo erhalten Versicherte so schnell einen Facharzttermin"
Außerdem gibt er zu bedenken: "Noch erhalten nirgendwo auf der Welt Versicherte so schnell einen Facharzttermin wie in Deutschland und der Schweiz – dies gilt gerade für Kassenpatienten." Die kassenärztliche Tätigkeit im fachärztlichen Bereich sei aber strikt geregelt und einer undemokratischen Budgetierung unterworfen.

Holler: "Die Nichtbeachtung wird konsequent und unmittelbar mit Honorarabzug und Strafzahlungen sanktioniert. Das Honorar wird immer schlechter, kleine Verbesserungen für unsere Patienten wie die Neupatientenregelung werden schnell wieder einkassiert."
Die Lösung: Immer erst zum Hausarzt?
Union und SPD haben sich in ihren Koalitionsverhandlungen auf die Einführung eines "verbindlichen Primärarztsystems" verständigt (AZ berichtete). Ein einziger Hausarzt, auf den die Versicherten sich für eine gewisse Zeit festlegen, soll demnach für Patienten erste Anlaufstelle sein und im Bedarfsfall an Fachpraxen weiterleiten.
Holler, selbst niedergelassene HNO-Arzt aus Neutraubling, ist wenig begeistert: "Ein verpflichtendes Primärhausarztsystem wird zu einem echten Versorgungsproblem und zur Rationierung führen. Weder stehen die erforderlichen hausärztlichen Kollegen zur Verfügung – in Bayern fehlen 500 Hausärzte, bundesweit sind es 5000 – noch kann so Patientenversorgung und Patientensicherheit gewährleistet werden."
Wartezeit-Zahlen für Bayern? Fehlanzeige
Zudem sieht der Facharzt die Bevormundung der Patienten kritisch: "Die Majorität der Bevölkerung ist beileibe nicht so hilflos, wie es von manchen Politikern immer fälschlich dargestellt wird, und irrt nicht 'lost' durch das Gesundheitswesen, sondern weiß sehr genau, dass es bei Ohrbeschwerden zum HNO-Arzt, bei urologischen Beschwerden zum Urologen und mit der verletzten Hand zum Chirurgen gehen muss."

Gibt es Zahlen zu Wartezeiten im Freistaat? "Jede Praxis, die über einen Vertragsarztsitz (also eine Kassenzulassung) verfügt, behandelt Kassenpatienten wie auch Privatpatienten", so ein Sprecher bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) auf AZ-Nachfrage. "Zur internen Organisation oder zur Terminvergabe von Praxen kann die KVB aber keine Angaben machen." Der KVB lägen keine Angaben zur Terminvergabe oder zu Wartezeiten vor.
Warken gelobt Besserung
Gesundheitsministerin Warken reagierte am Mittwoch auf die Kritik: Sie versprach den Versicherten künftig schnellere Termine bei tatsächlichem Bedarf. "Wenn ein schneller Termin medizinisch notwendig ist, so soll er auch gewährt werden", sagte Warken in Berlin.
Wer dringend einen Facharzttermin braucht, kann sich zum Beispiel an die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern wenden: 116 117. Sie ist rund um die Uhr erreichbar. Patienten benötigen in der Regel eine Überweisung.
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