Kampf ums Kanzleramt: Das Kandidaten-Duell

Sie hat ein Problem – und das ist er. In der letzten Umfrage liegt Amtsinhaberin Merkel weit hinter Martin Schulz. Die AZ nimmt beide Konkurrenten einmal ganz genau unter die Lupe – Punkt für Punkt.
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Bleibt Angela Merkel weitere vier Jahre im Bundeskanzleramt? Oder muss sie die Koffer packen und Platz für Martin Schulz machen?
dpa Bleibt Angela Merkel weitere vier Jahre im Bundeskanzleramt? Oder muss sie die Koffer packen und Platz für Martin Schulz machen?

Sie hat ein Problem – und das ist er. In der letzten Umfrage liegt Amtsinhaberin Merkel weit hinter Martin Schulz.

Die AZ nimmt beide Konkurrenten einmal ganz genau unter die Lupe – Punkt für Punkt.

Merkel, die Amtsinhaberin

Im Wahljahr 2017 unter Druck: Es geht nach wie vor um die Bewältigung der Flüchtlingskrise.

Privates: geboren am 17. Juli 1954 in Hamburg als Angela Dorothea Kasner. Einige Wochen nach der Geburt siedelte die Theologen-Familie nach Quitzow in Brandenburg um. 1973 machte Merkel das Abitur und begann in Leipzig ein Studium der Physik (bis 1978). 1977 heiratete sie den Studenten Ulrich Merkel (Scheidung 1982).

Seit dem 30. Dezember 1998 ist Merkel mit dem Physiker Joachim Sauer verheiratet, den sie an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof kennengelernt hat. Die Ehe ist kinderlos.

Der politische Werdegang: Von 1989 bis 1990 war Merkel im Demokratischen Aufbruch (DA) aktiv. Nach der Wiedervereinigung erhielt sie die Stelle einer Ministerialrätin im Bundespresse- und Informationsamt. Bei der ersten gesamtdeutschen Wahl gewann sie das Direktmandat für ihren Wahlkreis Rügen – Stralsund – Grimme. Helmut Kohl berief sie als Ministerin für Frauen und Jugend in sein Kabinett. 1994 bis 1998 war sie Umweltministerin, 1998 bis 2000 CDU-Generalsekretärin. Seit 2000 ist sie Parteivorsitzende und seit 2005 Bundeskanzlerin.

Innenpolitische Kompetenz: Die größte Herausforderung für Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer langen Amtszeit ist die Bewältigung der Flüchtlingskrise. Während 2015 Hunderttausende ins Land strömten, blieb Merkel trotz viel Kritik – auch aus der Union – und dem gleichzeitigen Erstarken der AfD ihrem unaufgeregt-sachlichen Regierungsstil treu.

Sie besitzt inzwischen so viel Erfahrung im Umgang mit Ausnahmesituationen wie der Finanzkrise (2007/2008) und Eurokrise (2010 bis heute), dass ihr große Teile der Bevölkerung vertrauen – auch wenn derzeitige Zustimmungswerte etwas anderes aussagen mögen.

Außenpolitische Kompetenz: Auch hier sind die letzten Jahre die schwierigsten ihrer Karriere gewesen: Seit der Euro in Turbulenzen geriet, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel im außenpolitischen Dauereinsatz und eilt von Krisenherd zu Krisenherd.

Reisen wie jetzt gerade zu Präsident Erdogan erfordern einen Spagat zwischen leiser Kritik an dessen Umgang mit der Opposition und gleichzeitigem lauteren Loben für dessen Hilfe in der Flüchtlingskrise. Merkel verfügt heute nicht nur über jede Menge außenpolitische Erfahrung, sie gehört auch zu den wichtigsten politischen Führern der Welt.

Die Wahlkampf-Erfahrung: In Zeiten von Anfeindungen durch enttäuschte Bürger und einer von Hassbotschaften im Internet veränderten Meinungsbildung versucht sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel als Wahlkämpferin neu zu erfinden. Sie verspüre "Neugier" auf eine weitere Amtszeit, sagte sie kürzlich. Ungewöhnlich für eine Frau mit 26-jähriger politischer Erfahrung. Aber irgendwie scheinen die Leute der Kanzlerin auch diesen seltenen Einblick ins Gefühlsleben abzukaufen.

Merkel, daran besteht kein Zweifel, ist eine disziplinierte wie ehrgeizige Wahlkämpferin. Und sie hat die vielleicht stärkere Mannschaft hinter sich.

Schulz, der Herausforderer

Der Kanzlerkandidat der SPD schwimmt auf der Euphoriewelle – wo seine Stärken liegen.

Privates: geboren am 20. Dezember 1955 in Hehlrath bei Aachen. Von 1966 bis 1974 besuchte er das katholische Heilig-Geist-Gymnasium (Abschluss: Mittlere Reife). Schulz spielte in seiner Jugend Fußball (Linksverteidiger) bei der SV Rhenania Würselen 05.

Nach einem Jahr der Arbeitslosigkeit absolvierte Schulz von 1975 bis 1977 eine Ausbildung zum Buchhändler. Mitte der 70er Jahre wurde Schulz Alkoholiker (seit 1980 abstinent). Schulz ist mit der Landschaftsarchitektin Inge Schulz verheiratet. Er hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Würselen.

Der Politische Werdegang: Schulz trat 1974 in die SPD ein und engagierte sich zuerst bei den Jusos. 1984 wurde er in den Stadtrat seiner Heimatstadt Würselen gewählt. 1987, mit 31, wurde Schulz Bürgermeister der Eiffelgemeinde. Dies blieb er bis 1998.

Bei der Europawahl 1994 wurde er ins Europäische Parlament gewählt. Am 17. Januar 2012 wurde Schulz zum Präsidenten des Europaparlaments gewählt. Am 29. Januar 2017 wurde Martin Schulz vom SPD-Parteivorstand einstimmig als Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl am 24. September 2017 nominiert.

Innenpolitische Kompetenz: Auf diesem Gebiet – vielleicht sein größter Vorteil – ist der bisherige SPD-Europapolitiker ein völlig unbeschriebenes Blatt. Seit Bekanntwerden seiner Kandidatur schwimmt Schulz auf der Euphoriewelle.

Was ihm hilft, sind zwei Dinge: Zum einen hat er keinen Malus durch die Flüchtlingskrise, zum anderen musste er sein Wahlprogramm bisher nur in groben Zügen umreißen. Falls Schulz die Wahl gewinnen sollte, mag ihm seine Zeit als Bürgermeister zupasskommen – auch wenn zwischen Kommunal- und Bundespolitik mehrere Welten liegen dürften.

Außenpolitische Kompetenz: Der SPD-Kandidat zeigte als Präsident des Europäischen Parlaments, dass er alles andere als konfliktscheu ist. Beweis dafür ist seine Rede in der Knesset 2014 in Jerusalem, in der er – als Deutscher – Israels Siedlungspolitik kritisierte.

Oder die Androhung von Sanktionen gegen die Türkei für deren Umgang mit der Opposition. Schulz kennt aus seiner Zeit in Brüssel und Straßburg viele internationale Zusammenhänge. Außerdem spricht er, in der Außenpolitik kein Nachteil, viele Sprachen: Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch, Italienisch (alle angeblich fließend).

Die Wahlkampf-Erfahrung: Wahlkampf kann er. Das hat Martin Schulz 2014 gezeigt, als er als sozialdemokratischer Spitzenmann für Europa die Zuhörer begeisterte. Mit „Mr. Europa“, wie er oft genannt wird, verbesserte die SPD ihr deutsches Ergebnis von 20,8 Prozent (2009) auf 27,3 Prozent. Was genauso klar sein sollte: Dass der Rheinländer nun Kanzlerkandidat ist – und nicht Sigmar Gabriel –, dürfte auch zu einem großen Teil an geschicktem innerparteilichen Taktieren liegen. Und das ist ja auch so eine Art Wahlkampf.

Die Genossen scheinen jedenfalls hinter ihrem neuen Parteichef zu stehen.

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