„Ich bin nicht verbissen“

Der CSU-Chef über die Kunst der Ironie und sein Selbstbewusstsein, über seine möglichen Nachfolger und die Heuchelei um die Krankheit von Oskar Lafontaine
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Seehofer: „Und im Nichtraucherschutz wäre es jetzt die sauberste Lösung, wenn die Bevölkerung über den Inhalt des Gesetzes entscheidet“.
Petra Schramek Seehofer: „Und im Nichtraucherschutz wäre es jetzt die sauberste Lösung, wenn die Bevölkerung über den Inhalt des Gesetzes entscheidet“.

Der CSU-Chef über die Kunst der Ironie und sein Selbstbewusstsein, über seine möglichen Nachfolger und die Heuchelei um die Krankheit von Oskar Lafontaine

Herr Seehofer, warum sind Sie eigentlich immer so ironisch?

HORST SEEHOFER: Weil ich mit Humor durchs Leben gehen möchte. Humor im Leben ist wichtig. Das werde ich mir nicht nehmen lassen.

Ironie bedeutet, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint...

Nein. Ironie heißt, dass man sich auch mal selber auf den Arm nimmt. Und auch die politische Klasse. Ich kann darüber lachen. Wer es nicht kann, der tut mir leid. Es ist schade, weil man sein eigenes Leben damit schmälert. Lachen ist was Wunderschönes.

Ist es bei Ihnen nicht eher eine gute Ausrede, damit Sie sagen können: So habe ich es doch gar nicht gemeint. Das war nur Spaß?

Nein! Ein Beispiel: Ich war bester Stimmung, als ich gesagt habe, ich bin vielleicht der erste deutsche Politiker, der schon zwei Mal eine Koalitionsvereinbarung mit der FDP unterschrieben hat und die Chance hat, es noch zwei Mal zu tun. Nach dem jetzigen Stand ist das so. Dann lese ich bierernst: Der hat sich beworben für den Ministerpräsidenten. Oder: Der hat die 50 Prozent plus X aufgegeben. Ich kann’s nicht ändern. Über Dinge, die man nicht ändern kann, soll man sich auch nicht ärgern.

Sie sammeln Zeitungen, die über Sie gut berichten.

Ich sammle wesentliche Ereignisse. Die Wahl zum Ministerpräsidenten. Wenn Obama US-Präsident wird. Ich habe fast mein ganzes Leben als Sammlung abgebildet. Meine Ministertätigkeiten habe ich komplett. Ich kann mal ein Buch schreiben. Vielleicht in zehn Jahren.

Wollen Sie noch so lange im Amt bleiben?

Das war jetzt kein Spaß und auch keine Bewerbung.

Jetzt wird’s kompliziert.

Ich kann ja in fünf Jahren auch noch was anderes machen. Es muss nicht alles in der Politik sein. Ich kann mich auch vorher zurückziehen. Auch das ist möglich.

Konkret: Wollen Sie 2013 als Ministerpräsident antreten: Ja oder nein?

Das kann ich beim besten Willen heute nicht sagen. Ich bin bis 2013 gewählt. Wer weiß, was bis dahin alles passiert. Ich bin ein Mitglied des Vereins für deutliche Absprache – und ein risikobereiter Politiker. Warten wir also ab, bis es auf 2013 zugeht.

Angenommen, Sie treten nicht mehr an, wer wäre Ihr Wunschnachfolger? Markus Söder? Georg Fahrenschon? Oder Christine Haderthauer?

Diesbezüglich hat die CSU keinen Mangel. Es ist wie überall: Wenn ein Trainer garantiert, dass ein Spieler in vier Jahren einen Stammplatz hat, ist die Leistung nicht mehr optimal. Mir gibt ja auch keiner eine Garantie für 2013. Wenn ich das jetzt beantworten würde, hieße das ja, dass ich nicht mehr kandidieren würde.

Würde es die Partei aushalten, dass mit Guttenberg ein Franke Parteichef würde und mit Söder ein weiterer Franke Ministerpräsident?

Das ist jetzt eine theoretische Frage. In der Landesgruppe ist kürzlich, für einige überraschend, folgendes geschehen: Bisher war immer üblich, dass der Landesgruppenvorsitzende aus einem Teil Bayerns stammt, der parlamentarische Geschäftsführer aus dem anderen. Solange ich im Bundestag war, ist das eisern praktiziert worden. Jetzt plötzlich ist der Landesgruppenchef aus Oberfranken, der parlamentarische Geschäftsführer aus Mittelfranken. Die Zeiten sind modern geworden.

Spielt künftig etwa Qualität bei der CSU die wichtigste Rolle?

Es muss doch darum gehen: Wer hat es im Kreuz?

Einer könnte es im Kreuz haben, Sie als Parteichef zu beerben: Guttenberg. Haben Sie vor ihm Angst?

Wir gehen sehr freundschaftlich miteinander um. Wir begreifen uns auch nicht als Wettbewerber. Seien wir doch froh, dass die CSU fraglos eine Person hat, die für vieles in Frage kommt. Ich stehe doch nicht morgens auf und überlege, welcher Konkurrent begegnet mir heute. Und gehe abends ins Bett und frage mich, ging’s dem heute besser als mir? Was sind das denn für Lebensumstände?

Ihre Lebensumstände in der CSU sind auch nicht so schön. Sie sind noch im Amt, weil Ihre Partei nicht jedes Jahr ihren Chef auswechseln will. Was ist das für ein Gefühl?

Das ärgert mich nicht. Wenn jemand meint, der Seehofer müsste ausgewechselt werden, dann ist das ja wohl das dümmste Argument, es so wie in Ihrer Frage zu begründen. Ich bin nicht verbissen in die Position. Zu den größten Künsten gehört, dass man nicht glaubt, man sei bis zum Ableben unverzichtbar. Ich habe so viele Interessen, Freunde, Hobbys, dass mir nicht bange ist.

Vor was ist Ihnen bange?

Ich hoffe, dass mir noch viele gesunde und spannende Jahre gegönnt sind.

Ist Ihnen vor dem nächsten bayerischen Haushalt nicht bange? Sie werden brutal sparen müssen.

Keiner hatte vor einem Jahr die Finanzkrise mit diesem Ausmaß auf dem Radarschirm. Jetzt will jeder wissen, wie es 2011 und 2012 aussehen wird. Die kann ich nur beglückwünschen. Ich führe keine abstrakte Diskussion. Wir werden darüber reden, wenn die Steuerschätzung im Mai vorliegt, wenn wir die wirtschaftliche Entwicklung Mitte 2010 kennen. Und wenn wir wissen, wie die Bundesregierung die Koalitionsbeschlüsse umsetzt.

Über die wird in Berlin kräftig gestritten. Momentan über Ihr Betreuungsgeld.

Das Betreuungsgeld wird kommen, und zwar in bar. Da wo ein Gutschein infrage kommt, wird sich eine Lösung finden. Wenn ich etwas zusage, und dazu erkläre, das garantiere ich, dann darf ich wieder monatelang lesen: Hat er den Mund wieder zu voll genommen. Wenn man es dann einhält, lese ich nichts mehr.

Wir sehen nichts mehr von Ihnen in Berlin. Sondern nur noch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Guido Westerwelle als Paar.

Wen Sie auf den Bildschirmen sehen, ist nicht entscheidend. Im Koalitionsvertrag ist jedes bayerische Anliegen zum Tragen gekommen. Jedes. Wenn es bei drei Parteivorsitzenden auf die Stimme von jedem ankommt, ist das eine strategisch starke Position. In der großen Koalition war es rechnerisch nicht entscheidend, ob wir zu gestimmt haben oder nicht. Jetzt ist es entscheidend.

Bei der Klausur in Meseberg waren Sie auch nicht dabei.

Da ist nichts passiert, was nicht in der Koalition besprochen worden wäre. Es gab deshalb keinen Grund, warum ich an der Klausur des Kabinetts hätte teilnehmen müssen.

Mit wem regiert sich’s leichter? Mit der Bayern-FDP und Ihrem Wirtschaftsminister Martin Zeil? Oder mit Guido Westerwelle?

Die sind beide menschlich in Ordnung, aber politisch keine einfachen Wettbewerber. Der Martin Zeil ist charmant und eisenhart. Der Westerwelle kann den Charme auch etwas zurücknehmen und dosieren.

Was habe Sie gedacht, als die Krebserkrankung von Oskar Lafontaine bekannt wurde? Sie selbst waren ja auch mal schwer krank.

Da war ich schon erschrocken und habe gleich gedacht: Hoffentlich packt er’s. Und dann liest man: Am Anfang ist noch Anteilnahme und am dritten Tag geht’s los, wie lange die Planstelle noch besetzt ist. So war das damals bei mir auch. Das ist schon eine Verrohung der Sitten.

Interview: Angela Böhm, Anja Timmermann

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