Friedrich Merz (CDU) will Partei-Chef werden

Friedrich Merz über seine Ambitionen, Kanzlerkandidaten aus Bayern und Wahlkampf in Zeiten von Corona.
| Gregor Peter Schmitz, Rudi Wais, Christian Grimm
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Friedrich Merz (CDU) spricht auf einer Pressekonferenz.
Kay Nietfeld/dpa/Archivbild Friedrich Merz (CDU) spricht auf einer Pressekonferenz.

München - AZ-Interview mit Friedrich Merz. Der 64-jährige Wirtschaftsjurist war von 2000 bis 2002 Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Jetzt will er Partei-Chef werden.

AZ: Herr Merz, Sie reden neuerdings wie selbstverständlich von Schwarz-Grün. Ist eine Koalition mit der FDP keine Option mehr für die Union?
Friedrich Merz: Selbstverständlich gibt es meistens mehrere Optionen. Aber bis zur Wahl im Herbst 2021 kämpft jede Partei für sich allein.

Wird Markus Söder (CSU) Kanzlerkandidat?

CSU-Chef Markus Söder hält es für einen schweren Fehler, jetzt eine Debatte über Schwarz-Grün loszutreten. Muss die CDU nicht erst ihre eigenen Probleme lösen?
Ich wurde zu möglichen Optionen nach der nächsten Bundestagswahl befragt und habe gesagt, dass Schwarz-Grün für mich kein Teufelszeug ist. Ansonsten bin ich ganz bei Markus Söder: Bis zum Wahlabend, 18 Uhr, sind die Grünen einer unserer Gegner, wahrscheinlich sogar der Hauptgegner.

Am 4. Dezember wählt die CDU einen neuen Vorsitzenden. Muss Markus Söder eigentlich vorher entscheiden, ob auch er Kanzlerkandidat werden will?
Er hat mehrfach gesagt, dass sein Platz in Bayern ist, wo er ja gerade in der Corona-Krise auch einen klasse Job macht.

Inzwischen sagt er das nicht mehr so deutlich.
Ich gehe davon aus, dass wir zuerst den neuen Parteivorsitzenden der CDU wählen und dass die Vorsitzenden von CDU und CSU sich dann zusammensetzen und einen gemeinsamen Vorschlag machen.

Können Sie sich vorstellen, als neuer CDU-Chef Söder den Vortritt bei der Kanzlerkandidatur zu lassen?
Mit solchen "Was-wäre-wenn"-Fragen beschäftige ich mich grundsätzlich nicht.

Wäre es nicht die Selbstaufgabe der CDU, einem CSU-Mann das Feld zu ebnen?
Historisch betrachtet war es bisher so, dass die CSU den gemeinsamen Kanzlerkandidaten dann gestellt hat, wenn die CDU mit ihrer eigenen Führung unzufrieden war. Das war 1980 so, das war 2002 so, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das 2021 nicht so sein wird.

Arbeit für Vermögensverwalter für Politik niedergelegt

Als Kandidat ohne Amt und Apparat haben Sie es schwerer als Ihre Mitbewerber um den CDU-Vorsitz Armin Laschet und Norbert Röttgen, die als Ministerpräsident und Abgeordneter schon kraft ihrer Ämter eine Bühne haben. Wie machen Sie diesen Wettbewerbsnachteil wett?
Das hängt von der weiteren Entwicklung in der Corona-Krise ab, also ob es wieder "normale" Veranstaltungen geben kann oder nicht. Ich mache zurzeit relativ viel mit Videokonferenzen, eine davon sogar schon mit mehr als 2.000 Teilnehmern. Aber das kann persönliche Begegnungen natürlich nicht vollständig ersetzen. Ich bin also nicht völlig von der Partei und den Menschen im Land abgeschnitten, aber ich freue mich doch schon sehr auf ein Stück mehr Normalität.

Ihre Arbeit für den Vermögensverwalter Blackrock hat Ihnen viel Kritik eingebracht. Wie sehr belastet das Ihren Wahlkampf?
Überhaupt nicht. Ich habe in diesem großartigen Unternehmen gut vier Jahre sehr gern gearbeitet, und ich werde mich dafür nicht entschuldigen. Ich habe das Amt niedergelegt, weil ich mich nochmals mit ganzer Kraft in der Politik engagieren möchte. Und dabei will ich natürlich auch nur den Anschein eines möglichen Interessenskonfliktes vermeiden.

"Für mein Berufsleben muss ich mich nicht rechtfertigen"

Trotzdem kann es im Wahlkampf schnell persönlich werden. Gerhard Schröder hat den Schattenminister Paul Kirchhof 2002 als "Professor aus Heidelberg" verhöhnt. Fürchten Sie nicht einen ähnlichen Effekt, dass Sie plötzlich der Neureiche mit dem Privatflugzeug sind?
Nein, das sehe ich nicht. Außerdem hinkt der Vergleich mit Herrn Kirchhof. Er hat damals oft das Gegenteil von dem gesagt, was wir in der Union damals für richtig gehalten haben. Natürlich werde ich polemisch angegriffen werden, aber dann werde ich antworten: Wollt ihr in der Politik nur noch Leute wie Kevin Kühnert (Juso-Chef und SPD-Vize, d. Red.), die ohne Ausbildung und Examen ihr ganzes Leben aus öffentlichen Kassen gelebt haben? Ich fange damit nicht an – aber wer anfängt, bekommt von mir auch eine entsprechende Antwort.

Wo haben Sie selbst überzogen? Indem Sie mit dem Privatflugzeug zu Ihren Terminen gekommen sind? Oder indem Sie Ihren Wohlstand, vorsichtig gesagt, etwas relativiert haben?
Für mein Berufs- und Privatleben muss ich mich nicht erklären oder gar rechtfertigen. Ich war von politischen Ämtern materiell nie abhängig. Ich war erfolgreich im Beruf, habe die letzten zehn Jahre lang mein Geld außerhalb der Politik verdient und in diesem Land auch immer ordentlich Steuern bezahlt. Das ist in Ordnung so, aber ich werde mich dafür auch nicht entschuldigen. Jetzt möchte ich in die Politik zurückkehren. Es klingt vielleicht etwas pathetisch, aber ich habe das Gefühl, dass ich diesem Land auch noch etwas zurückgeben kann für die Chancen, die es mir geboten hat.

Ist Ihre Erfahrung aus der Wirtschaft für die Politik in diesen aufgewühlten, polarisierenden Zeiten eher ein Vorteil oder ein Nachteil?
Es kann für die Übernahme einer politischen Führungsposition durchaus von Vorteil sein, wenn man sein Leben nicht nur in der Politik verbracht hat, sondern noch weiß, wie der normale Mensch auf der Straße tickt und worauf es in einem Unternehmen ankommt.

Generationengerechtigkeit in der Krise

Acht von zehn Menschen erwarten, dass die Corona-Krise Deutschland weiter entzweit als die Flüchtlingskrise. Was setzen Sie dem entgegen?
Die Menschen sind empfindlicher geworden, auch bei polemischen politischen Auseinandersetzungen. Deshalb ist es wichtig, sich respektvoll zu äußern und niemanden persönlich herabzuwürdigen. Wir werden in den nächsten Jahren mit der Krise leben müssen, die jetzt vor allem eine ökonomische Krise wird. Dieses Land ist schon vor Corona nicht gut genug gewesen, wir haben in verschiedenen Bereichen den Anschluss verloren. Durch die Pandemie werden unsere Probleme nun wie unter einem Brennglas noch offensichtlicher. Wir müssen unsere Verwaltungen modernisieren, unsere Schulen digitalisieren und wir brauchen jetzt eine Phase, in der sich Deutschland ein Stück weit neu erfindet. Dazu möchte ich meinen Teil beitragen.

Wie teuer soll das alles noch werden? Es gibt bereits Überlegungen, die Kurzarbeit zu verlängern und den Rabatt bei der Mehrwertsteuer womöglich auch.
Ehe wir von der Verlängerung einzelner Maßnahmen reden, sollten wir erst einmal sehen, welche Wirkung sie denn tatsächlich haben. In erster Linie müssen wir unser Geld für Innovation ausgeben, für Bildung, Ausbildung und zukunftsfähige Arbeitsplätze. Wir laden der jungen Generation eine so hohe Staatsverschuldung auf, das lässt sich nur rechtfertigen, wenn diese Generation auch der größte Nutznießer sein wird.

Aber von der schwarzen Null haben auch Sie sich schon verabschiedet…
Den Satz des Bundesfinanzministers "Wir können uns alles leisten" mache ich mir ausdrücklich nicht zu Eigen. So richtig es ist, jetzt viel Geld in die Hand zu nehmen, so wichtig ist es, nach der Krise möglichst rasch wieder zu geordneten Staatsfinanzen zurückzukehren. Deshalb werde ich in den nächsten Wochen auch die Generationengerechtigkeit zu meinem Thema machen. Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag und müssen baldmöglichst zu finanzpolitischer Solidität zurückkehren.

Sie sind der älteste Bewerber im Feld – und machen sich zum Anwalt der Jugend?
Das muss kein Widerspruch sein, im Gegenteil.

Lesen Sie hier: Söder befeuert Debatte um Kanzlerkandidatur in der Union

Lesen Sie hier: AKK - CDU-Chef hat ersten Anspruch auf Kanzlerkandidatur

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