Interview

Corona in Indien: "Es ist schlimmer als alle Bilder im Fernsehen"

Der Journalist Shams Ul Haq ist erst vor Kurzem aus Indien zurückgekehrt. Dort werden täglich mehr als 300.000 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Ein Gespräch über die dramatische Lage vor Ort.
| Natalie Kettinger
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Letzte Fahrt: Diese drei medizinischen Helfer haben gerade mehrere Menschen, die an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben sind, zur Einäscherung gebracht. Völlig erschöpft sitzen sie nun auf dem Trittbrett eines Krankenwagens vor dem Krematorium.
Letzte Fahrt: Diese drei medizinischen Helfer haben gerade mehrere Menschen, die an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben sind, zur Einäscherung gebracht. Völlig erschöpft sitzen sie nun auf dem Trittbrett eines Krankenwagens vor dem Krematorium. © Altaf Qadri/AP/dpa

Binnen vier Tagen stecken sich in Indien derzeit mehr als eine Million Menschen mit dem Coronavirus an. Gestern meldete das Land erneut einen traurigen Weltrekord: 350.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden, dazu 2.812 Tote - offiziell, wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

Für internationale Beunruhigung sorgt zudem, dass dort eine neue Virusvariante aufgetaucht ist: B.1.617. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beobachtet die Mutante, stuft sie jedoch noch nicht als besorgniserregend ein. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) will nun Sauerstoff und Medikamente in das südasiatische Land schicken. Die AZ hat mit dem Reporter Shams Ul Haq gesprochen, der gerade dort war.

"Der Staat hat die Menschen viel zu wenig aufgeklärt"

AZ: Herr Ul Haq, lange schien es so, als würde Indien halbwegs gut durch die Corona-Pandemie kommen, obwohl es das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt ist. Jetzt werden jeden Tag neue Horror-Zahlen gemeldet. Was ist passiert?
SHAMS UL HAQ: Erstens hat man das Virus anfangs unterschätzt und gesagt, Corona sei nicht schlimmer als andere Krankheiten, zum Beispiel die Schweinegrippe. Der Staat hat die Menschen viel zu wenig aufgeklärt - und sie haben die Situation deshalb nicht ernst genommen. Zweitens hatten die Armen in Indien nie die Chance, sich vor einer Ansteckung zu schützen. Straßenverkäufer und Tagelöhner können nicht einfach zu Hause bleiben. Sie müssen raus und Geld verdienen, um ihre Familien zu ernähren. Mir war schon vor einem Jahr klar, dass das schief gehen muss. Zumal Großveranstaltungen wie religiöse Feste immer zugelassen wurden.

Gibt es denn keine Ausgangssperren?
Doch, offiziell schon. Aber niemand hält sich daran. Außerdem werden Ausgangssperren nur in Großstädten verhängt. In den Dörfern ist man gar nicht in der Lage, so etwas zu kontrollieren, weil Polizisten fehlen.

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Welche Rolle spielt bei all dem die Politik?
Es wurden große Fehler gemacht. Im März und im April waren zum Beispiel in mehreren indischen Bundesstaaten Wahlen. Trotz Corona wurden Wahlkampfveranstaltungen mit vielen Menschen abgehalten. Das war genau so falsch, wie die großen religiösen Feste trotz Ausgangssperren zu erlauben. Die Begründung dafür war häufig, dass auf den Festen ja dafür gebetet würde, dass Corona die Menschen verschont. Das ist doch absurd. Man hätte sofort alle Veranstaltungen verbieten müssen.

Corona an der Grenze zu Pakistan: "FFP2-Masken kennt dort niemand"

Sie waren in der Vergangenheit immer wieder in Indien. Von Ihrer letzten Reise dorthin sind Sie erst vor einer Woche zurückgekommen. Wie ist die Lage vor Ort?
Schlimmer als alle Bilder im Fernsehen. Ich bin extra nicht in die Metropolen gereist, sondern war im indisch-pakistanischen Grenzgebiet unterwegs, in den Dörfern und in kleinen Städten mit vielleicht 25.000 Einwohnern. Dort können sich die Menschen keine richtigen Masken leisten. Manche benutzen wochenlang ein altes Stück Stoff. FFP2-Masken kennt dort niemand. Auch Tests sind für die Menschen in den Kleinstädten und Dörfern viel zu teuer. Sauerstoffversorgung können sie sich überhaupt nicht leisten. Hinzu kommt, dass es unmöglich ist, Abstand zu halten, wenn man sich mit zehn Familienmitgliedern ein einziges Zimmer teilt.

Was haben Sie in den Kliniken beobachtet?
Die Krankenhäuser sind völlig überlastet. Menschen werden draußen auf der Straße behandelt, es fehlt an Sauerstoff, einfach an allem. Außerdem haben etliche Städte überhaupt kein Krankenhaus. Da können sich die Menschen gar nicht behandeln lassen.

"...dann besteht die Gefahr eines Bürgerkrieges"

Was muss geschehen?
Ohne weltweite Unterstützung wird es Indien niemals schaffen, für alle Covid-Kranken Sauerstoff zur Verfügung zu stellen, alle Menschen mit Impfstoff oder auch nur mit Masken zu versorgen. Zum Glück haben Deutschland, die USA, Pakistan und andere jetzt Hilfe angeboten. Hier bleibt die Frage offen, ob die Hilfe wirklich bei den Bedürftigen ankommt.

Was, wenn die Lage sich dennoch nicht verbessert?
Dann besteht die Gefahr eines Bürgerkrieges, weil Menschen mit Geld sich besser schützen können und besser versorgt werden als der größte Teil der Bevölkerung; weil die einen Sauerstoff und Impfungen bekommen und die anderen nicht. Es hat bereits handgreifliche Auseinandersetzungen deshalb gegeben. Bisher waren sie - zum Glück - noch nicht so schlimm.

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