Analyse des 42,5-Prozent-Desasters: Seehofer findet keine Fehler

Die lang erwartete Analyse der Schlappe bei der Wahl bringt vor allem ein Ergebnis: Der Parteichef hat alles richtig gemacht.
| Abendzeitung
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Übte scharfe Kritik an der München-CSU: CSU-Chef Horst Seehofer
dpa Übte scharfe Kritik an der München-CSU: CSU-Chef Horst Seehofer

MÜNCHEN - Die lang erwartete Analyse der Schlappe bei der Wahl bringt vor allem ein Ergebnis: Der Parteichef hat alles richtig gemacht.

Eigentlich überrascht einen bei Horst Seehofer nichts mehr: Sieben Wochen Beruhigungspause hatte er nach dem 42,5-Prozent-Desaster bei der Bundestagswahl seiner Partei verordnet. Damit sich das letzte Gemüt gekühlt hat, wenn die CSU ihr schlechtestes Abschneiden seit 1949 analysiert.

Gestern war’s soweit: Doch der Vorsitzende versteckt sich hinter Zahlenkolonnen. Lässt seinen Generalsekretär mehr als 20 Folien per Beamer an die Wand werfen. Verblüfft mit einer Umfrage, die belegen soll: Am rapiden Vertrauensverlust der CSU ist nicht ihr wankelmütiger Chef, sondern das Desaster um die Landesbank schuld. Weit und breit keine Spur von Selbstkritik. „Es war reines Gelaber“, berichtet ein Vorständler der AZ. „Seehofer hat alles verdrängt. Man muss sich fragen, ob er während der acht Wochen Wahlkampf in einer anderen Welt gelebt hat?“

„Auf mich braucht da niemand Rücksicht zu nehmen,“ kokettiert Seehofer

Auch an der Umfrage, die Seehofer vom Glaubwürdigkeitsproblem reinwaschen soll, gibt es Zweifel. Der Großteil im Vorstand hat auf sie gar nicht reagiert. Ein CSU-Kämpe zur AZ: „Nach seiner eigenen Glaubwürdigkeit hat Seehofer sicher nicht fragen lassen.“

Was den Parteichef wütend macht, sind die Aussagen seiner Parteifreunde, man könne ja nicht jedes Jahr das Spitzenpersonal auswechseln. Gleich zwei Mal macht er seinem Ärger darüber in der Sitzung Luft. Ein Spitzen-CSUler: „Er will als derjenige da stehen, der alles richtig gut macht.“

So kokettiert Seehofer vor der Vorstandssitzung: „Auf mich braucht da niemand Rücksicht zu nehmen.“ Gleichzeitig fordert er jedoch „nach vorne zu schauen“. Aber bloß nicht zu weit. Einer der mächtigen Bezirksvorsitzenden zur AZ: „Die Kernfrage ist doch mit welcher Formation treten wir zu der nächsten Wahl 2013 an. Diese Frage werden wird spätestens 2011 beantworten müssen.“

Seehofer beschönigt die Krise

Nicht aber an diesem Montag. Dafür hatte die Regie von Seehofers Landesleitung gesorgt. Beamer an. Folie drauf. Zahlen an die Wand. Alle drehen sich um. Die Köpfe wandern nur noch von links nach rechts, um die Zahlenkolonnen zu verfolgen, bis sie vor den Augen verschwimmen. Dabei offenbaren sie Schockierendes. Nur noch 23 Prozent der männlichen Erstwähler haben ihr Kreuz bei der CSU gemacht. Zum Vergleich: Für die Piratenpartei haben sich 12 Prozent entschieden! Auch der Abstand zwischen CDU und CSU ist dahin. Waren die Bayern der großen Schwester mal satte 15 Prozentpunkte voraus, sind sie nun auf CDU-Niveau abgeschmiert.

Statt „schonungslose Analyse“ gibt Seehofer eine Beschönigung der Krise. Das geht so: Der alte Taktiker verteidigt seine Wahlniederlage mit der Taktik der Wähler: „Die wollten ein Ende der großen Koalition.“ Das sei der Beweggrund von zwei Drittel der von der CSU zur FDP gewechselten Stammwähler gewesen. Schließlich rechnet Seehofer vor, dass er doch weitaus besser abgeschnitten habe als seine beiden Vorgänger Beckstein und Huber bei der katastrophalen Landtagswahl 2008. Immerhin habe er 500000 Stimmen mehr geholt. Nur: Bei der Bundestagswahl gab es eine viel höhere Wahlbeteiligung.

Während die Kronprinzen „den Chef hochleben lassen“, so Teilnehmer, vor allem Finanzminister Georg Fahrenschon, der am Freitag von Seehofer kräftig rasiert worden war, traut sich nur einer Tacheles zu reden. Der Chef der Senioren-Union, Konrad Weckerle. Er rechnet vor, dass die CSU in den vergangenen sieben Jahren 1,7 Millionen Wähler verloren hat: „Der Fisch stinkt vom Kopf weg. Aber die CSU hat viele Köpfe und da stinkt’s überall.“ Ein Vorständler seufzt: „Wenn wir so weiter machen, brauchen wir nicht mehr an 50 plus X denken. Dann gehts um 40 minus X.“

Angela Böhm

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – mitdiskutieren Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren