Abrechnung: Seehofer macht Söder fertig

Was geht in Horst Seehofer vor? In einer einzigartigen Abrechnung macht der Ministerpräsident und CSU-Chef Minister und Mitarbeiter öffentlich runter    
| Angela Böhm
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Horst Seehofer hat mehr erwartet: Seine CSU fällt zurück auf 47 Prozent
dpa Horst Seehofer hat mehr erwartet: Seine CSU fällt zurück auf 47 Prozent

Was geht in Horst Seehofer vor? In einem Rundumschlag macht der Ministerpräsident engste Mitarbeiter öffentlich nieder

Nein, mit seinem Chef Horst Seehofer will er an diesem Abend nicht mehr in einem Saal sitzen, friedlichen Weihnachtsliedern lauschen, Plätzchen naschen und so tun, als sei nichts gewesen. Am späten Nachmittag schickt Finanzminister Markus Söder Landtagspräsidentin Barbara Stamm eine SMS und entschuldigt sich für die Weihnachtsfeier des Parlaments am Dienstagabend. Er brauche jetzt ein bisschen Ruhe. Er wolle sich nicht all den Fragen aussetzen. Was sollte er auch antworten, wenn nun alle wissen wollen, was in den Horst gefahren ist? Söder fährt lieber heim nach Nürnberg zu seiner Frau. Der Weihnachtsfriede ist dahin.

„So hat in 60 Jahren Bundesrepublik noch nie ein Regierungschef über sein Personal geredet“, sagt ein führender CSUler. Die Fraktion befindet sich in Schockstarre. „Das ist Mobbing und keine Motivation“, findet Ex-Minister Eberhard Sinner als einer der wenigen Worte. Er warnt Seehofer, so weiter zu machen: „Sonst haben wir hier bald den russischen Staatszirkus, und er ist der Oberclown.“ Am Montagabend hatte sich der Partei- und Regierungschef so richtig Luft gemacht – auf seiner eigenen Weihnachtsfeier, zu der er Journalisten ins Café Reitschule geladen hatte. Neben süßem Glühwein servierte er böses Gift über seine Führungsmannschaft.

Seinen Kronprinzen, den Finanzminister, traf es am schlimmsten. „Charakterliche Schwächen“ attestierte er Söder. „Zu viele Schmutzeleien“ leiste er sich. Von „Ehrgeiz zerfressen“ sei er, zeichnete Seehofer das Bild eines durchtriebenen Politikers. Offensichtlich hatte sich der Ministerpräsident morgens maßlos geärgert, dass in der „Bild“ ein großes Interview mit seinem Finanzminister stand – er selber aber mit seinem Staatsbesuch des griechischen Regierungschefs Antonis Samaras nur klein unter Söder im Eck landete.

„Wir wollen dieses Scheppernde, Brüllende nicht“

Bereits am Sonntag, beim Abendessen mit Samaras im Prinz-Carl-Palais, hatte er seinen Finanzminister verbannt: „Wir wollen dieses Scheppernde, Brüllende nicht.“ Noch im Sommer wollte Söder an den Griechen ein „Exempel statuieren“ und das „Seil kappen“. Damals hatte auch Seehofer nichts gegen solches Gepolter. Inzwischen aber hat er seine Liebe zu den Hellenen entdeckt – wegen der Wähler. Und alles ist anders.

Sogar seinem Gast Samaras teilte Seehofer am Tisch mit, dass er Söder nicht eingeladen habe. Am Dienstagmorgen im Kabinett machte er weiter. Er habe noch „nie so viel Unzutreffendes über Griechenland gehört wie von ihm“, kanzelte er Söder ab. Der kann sich jetzt nur mit einem trösten: Zumindest hat ihn sein Chef nicht als Deppen hingestellt – so wie die anderen.

Karl-Theodor zu Guttenberg verhöhnte Seehofer bei der Weihnachtsfeier als „Glühwürmchen“, dessen Leuchten nicht von Dauer ist. Dabei hatte er auf dem CSU-Parteitag im Oktober noch gesäuselt, er wolle den gestürzten Hoffnungsträger nach der Wahl aus seinem Exil in den USA zurückholen: „Dann werden wir schauen, wie wir ihn in maßgeblicher Funktion wieder in die CSU einbinden.“ Peter Ramsauer machte er lächerlich als „Zar Peter“. Über den Bundesverkehrsminister ärgerte sich Seehofer wegen des seit Jahrzehnten andauernden Streits um den Donau-Ausbau. Nun ist Ramsauer nicht irgendein Minister in Merkels Kabinett, sondern auch Stellvertreter von Horst Seehofer als CSU-Chef.

Sechs Stunden war der Ministerpräsident am Montag auf der „Kristallkönigin“ von Straubing nach Vilshofen geschippert. Begleitet von tausenden Demonstranten entlang des Ufers. Dann musste er sich auch noch einen herzzerreißenden Protestsong von „Haindling“ alias Jürgen Buchner anhören. „Zwischen Straubing und Vilshofen, da gibt’s a Paradies, da fließt die Donau, wie’s woanders nimma is“, besang er auf die Melodie „What a wonderful World“, die Schönheit des Flusses. „Da kamen jedem die Tränen“, berichtete Seehofer rührselig.

Andreas Scheuer bekam dafür eine volle Breitseite ab, der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium: Ramsauer hatte ihn Seehofer auf der Donau-Reise zur Seite gestellt. Der sorgte mit einer Zwischenbemerkung für viel Verwirrung. Am Tag darauf tobte Seehofer über den Niederbayern: „Ein Lausbub, der erstmal ein Praktikum machen muss.“

„Wie bei der Nikolausfeier im Sado-Maso-Club“

Hans-Peter Friedrich ist das schon gewohnt. Als „Oberbedenkenminister“ kanzelt ihn sein Parteichef seit Wochen ab, weil der Bundesinnenminister nicht für ein NPD-Verbot kämpft, sondern vor den Risiken warnt. „Mit so einem Minister müssen wir in den Wahlkampf“, schüttelte sich Seehofer im Café Reitschule.

„Welches Bild geben wir denn da ab?“, empört sich der Nürnberger CSU-Abgeordnete Hermann Imhof. „Illoyales Verhalten“ wirft er Seehofer vor. Das seien „Allüren und kein Führen“. Imhof verlangt: „Seehofer muss sich bei den Betroffenen entschuldigen.“ Von seinen Kollegen fordert er jetzt „Mut und Wehrhaftigkeit“. Noch am Dienstagabend auf der Weihnachtsfeier des Parlaments hatten einige eine Sondersitzung der Fraktion gefordert.

Doch aus der Deckung trauen sich nur die, die nichts mehr zu verlieren haben. Die anderen fürchten Seehofers Zorn und Rache. „Er verbreitet ein Klima der Angst“, sagt einer. Unter den Abgeordneten herrsche „Ohnmacht, Wut, Frust und Depression“. Fraktionschef Georg Schmid will nichts sagen, sondern erst mit Seehofer selber reden. „Wir sind eine Partei von Duckmäusern geworden“, beklagt ein Vorständler resigniert. Ein Kollege verteufelt Seehofer: „Eine Todsünde gegen den Manschaftsgeist.“ Seehofer sei „unanständig“.

Andere drohen mit geballter Faust in der Tasche: „Irgendwann kommt der Tag der Abrechnung.“ In ihrem Urteil sind sie sich einig: „Seehofer fühlt sich ganz oben auf dem Sockel. Es ist sein Hochmut.“ Der kommt bekanntlich vor dem Fall. Doch vor der Wahl 2013 hat die CSU keine andere andere Wahl als Seehofer. Im ersten Schock hatte Söder noch genervt zurückgegiftet: „Über wen redet der da eigentlich? Redet der über sich?“ Inzwischen gibt er sich ganz souverän, auch wenn er tief getroffen ist. Kommunikation funktioniert nun per SMS. Im Sekundentakt laufen auf Söders Handy Solidaritäts-Bekundungen ein: „Wir stehen hinter dir!“

Sogar von seinen größten Feinden in der CSU. Und auch aus der FDP. Tobias Thalhammer, Fraktionsgeschäftsführer der Liberalen, geht stumm an Söder vorbei und klopft ihm auf die Schulter. Wirtschaftsminister Zeil (FDP) ruft schon von weitem Söder ermunternd zu: „Wir brauchen einfach ehrliche Menschen!“ Grünen-Chefin Claudia Roth, die gerade in München ist, kann das alles kaum glauben: „In der CSU-Führung geht’s ja zu wie bei einer Nikolausfeier im Sado-Maso-Milieu.“

 

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